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Meinung

Fragwürdige Rassismusvorwürfe: "Die Simpsons" sollten endlich Schluss machen – aber nicht wegen Apu

Seit drei Jahrzehnten leiht Schauspieler Hank Azaria bei den "Simpsons" dem indischen Ladenbesitzer Apu seine Stimme, nun will er wegen Rassismusvorwürfen aufhören. So absurd die ganze Debatte ist: Die Serie sollte sich ein Beispiel an Azaria nehmen.

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Bei der ganzen Lächerlichkeit der Debatte können wir ihn fast verstehen: Hank Azaria wird seine Stimme bei den "Simpsons" nicht weiter der Figur von Apu Nahasapeemapetilon leihen. Grund sind die heftigen Vorwürfe, der sich Azaria und die Macher der Serie seit einiger Zeit ausgesetzt sehen. 

Die Kritiker nehmen Anstoß am übertriebenen indischen Akzent des Ladenbesitzers Apu, dessen Figur zudem allzu viele Stereotype bediene. Bereits Ende 2017 beschäftigte sich der indischstämmige Komiker Hari Kondabolu in seiner Dokumentation "The Problem with Apu" mit dem Thema. Schon damals gaben Azaria und die "Simpsons"-Macher an, die Darstellung des Apu womöglich überdenken zu wollen.

"Die Simpsons": Natürlich sind die Vorwürfe absurd

Natürlich ist es absurd, einer Show, der nichts und niemand heilig ist, irgendeine Form von Rassismus zu unterstellen. Seit drei Jahrzehnten spielt die Serie mit Klischees und Vorurteilen, die sie vor allem in ihren frühen Jahren immer wieder auf denkbar filigrane Weise entlarvten. Oberflächlich betrachtet besteht die gesamte Bevölkerung von Springfield aus Stereotypen: der gierige Geldsack Mr. Burns, der korrupte Bürgermeister Quimby, nicht zuletzt Homer Simpson höchstpersönlich. Und viele, viele mehr.

Es darf trefflich darüber diskutiert werden, ob Apus Akzent jemals lustig war, ob er nach so langer Zeit noch lustig ist oder ob er sich eventuell längst abgenutzt hat, und tatsächlich sollten sich die Macher diese Frage sogar in Bezug auf die gesamte Serie stellen – aber ganz sicher nicht wegen übertriebener Rassismusvorwürfe.

Nein, das Problem mit den "Simpsons" ist leider grundlegender: Rund zehn Jahre lang und vor allem in den 90ern setzte die Show neue Maßstäbe in Sachen Satire und Gesellschaftskritik. Viele Episoden der Staffeln 3 bis 10 sind zeitlose Klassiker, die bis heute erschreckend wenig Biss und Aktualität eingebüßt haben, und die als kulturelle Kommentare auch in 100 Jahren wohl noch mehr über die Irrungen und Wirrungen des Homo sapiens rund um die Jahrtausendwende erzählen werden als manches Lexikon.

Doch irgendwo zwischen Season 11 und 15 setzte der schleichende Niedergang der Serie ein, die heute in ihrem 32. Jahr längst zur Nummernrevue verkommen ist, die keinerlei Spuren ihrer ursprünglichen Qualität mehr aufweist. "Die Simpsons" sind nur noch eine schlechte Kopie ihrer selbst, die das Gesamtwerk mit jeder weiteren Staffel nur noch stärker entwertet.

Doch Inhalte verkommen zur Nebensache, solange die Zahlen stimmen: "Die Simpsons" sind immer noch eine Gelddruckmaschine. Zwar steigen die Lizenzkosten, die TV-Sender Fox an die Produzenten zahlen muss, wie in den USA üblich mit jedem Jahr sukzessive an, doch werden diese durch die enormen Gewinne des Produktionsstudios mehr als nur aufgefangen: Allein der Deal mit dem Pay-TV-Sender FX, der sich die Wiederholungen gesichert hat, bringt 750 Millionen ein – von internationalen Verkäufen und Merchandising ganz zu schweigen.

"Die Simpsons" passen offenbar nicht mehr in diese Zeit

Auch wenn die 67825327542749. Ausstrahlung alter Folgen rund um die Welt noch bessere Quoten erzielt als Erstausstrahlungen anderer Produktionen, kann das kaum über die schlechte Qualität der späteren Staffeln hinwegtäuschen. Wie lange können exorbitante Einnahmen eine kreative Bankrotterklärung, die eine der besten und wichtigsten Serien aller Zeiten heute darstellt, noch aufrechnen?

Dass sich die Macher von fragwürdigen Rassismusvorwürfen überhaupt verunsichern lassen und im Shitstorm so wenig Haltung zeigen, ist zudem Beleg, dass auch von ihren ursprünglichen Überzeugungen nicht mehr viel übrig ist. Andererseits: Die schonungslosen und im besten Sinne rücksichtslosen Werte, mit denen die "Simpsons" einst angetreten sind, passen offenbar ohnehin nicht mehr in diese Zeit.

Es heißt, die Autoren der Serie müssten noch entscheiden, wie es mit der Figur weitergehe. Sie sollten lieber darüber nachdenken, wie es mit der Serie weitergeht. Am besten nämlich gar nicht.

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