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"Hotter than my daughter": Hauptsache sexy & angepasst

Mit "Hotter than my daughter" hat RTL eine neue Freakshow gestartet. Sie trimmt Mütter und Töchter gemeinsam auf Glamour, damit sie fortan besser dem Mode-Mainstream entsprechen.

Von Jan Zier

"Die brauchen auf jeden Fall Textilhilfe", weiß Guido Maria Kretschmer - und hilft Müttern und ihren Töchtern beim Umstyling

"Die brauchen auf jeden Fall Textilhilfe", weiß Guido Maria Kretschmer - und hilft Müttern und ihren Töchtern beim Umstyling

Es soll ja immer noch Frauen geben, die den Vorgaben der Modeindustrie Widerstand leisten. Die nicht nach Glamour aussehen. Und das muss sich ändern. Angepasst sollt ihr sein, ihr Frauen! Konsumorientiert. Und immer schön auf euer sexy Aussehen bedacht. Aber keinesfalls dürft ihr dabei zu sehr aus dem Rahmen fallen. Also hat RTL "Hotter than my daughter" für Euch erfunden.

Eine Werbeshow für einen gewissen Guido Maria Kretschmer, auch GMK genannt. Der sieht zwar ein bisschen aus wie der durchschnittliche Betriebswirt von nebenan, Schwerpunkt: PR & Marketing, ist aber, wie der Sender RTL uns erklärt, "Deutschlands angesagtester Modedesigner". Das liegt vor allem daran, dass er Uniformen für Fluglinien und Hotelketten schneidern und Schauspieler wie Heino Ferch oder Iris Berben ausstaffieren darf. Und daran, dass er neben dem ewigen Dieter Bohlen Juror bei der RTL-Show "Das Supertalent" den Juror gab. Er ist selbstverständlich schwul, aber alles andere als exzentrisch. GMK ist einer, auf den die Bezeichnung normal ganz wunderbar zutrifft.

GMK will Konflikte "textil lösen"

Für GMK nun hat RTL Mütter aus der Generation 50+ ausgesucht, die schlank geblieben sind, aber nach dem allgemeinen Geschmack ein wenig zu, ähem: "nuttig" aussehen. Also halt etwas zu laut und bunt. Zu auffällig und zu jugendlich. Denen man auf der Straße hinterherguckt, mit einem gewissen Stirnrunzeln. Und die Töchter um die 30 haben, von denen man gemeinhin sagt, dass sie mehr aus sich machen könnten. Um den Männern da draußen zu gefallen.

Da sind zum Beispiel Michaela und Nicole aus Nördlingen, die sich beim gemeinsamen shoppen anzicken und bei denen GMK Konflikte "textil lösen" will, damit beide einen "Benefit" davon haben. Die Mutter hat langes, wallendes rotes Haar, ist "sehr gut in Schuss", wie Kretschmer sagt, aber ein "ewiges Mädchen", Modell: "Hippie-Girl". Sie trägt es gerne eng, aber kurz, weswegen sich ihre Tochter, die jahrelang bei der Bundeswehr gedient hat, sich für sie schämt. Die wiederum ist halt etwas schüchtern und hat keinen Mann, sondern einen Hund. Sie möchte nicht gerne auffallen und sieht auch so aus, doch Kretschmer hat in ihr eine "Prinzessin" entdeckt. Deswegen, tatatata!, verdordnet GMK der Mutter "etwas angezogeneres" und der Tochter etwas "flippigeres". Wie überraschend! Also kommt die eine nun im eleganten, arg konventionellen und natürlich knielangen schwarzen Kleid und fettem Lippenstift auf den Catwalk, und die andere in High Heels und Blazer in Gold. Die beiden, immerhin, finden's "geil".

Das rote Kleid mit Pumps ist ein Alptraum

Auch Elke, 57 und Nicole, 37 aus Düren sind nach diesem Muster gestrickt und werden vom Modetherapeut entsprechend behandelt. Die extravagante Mutter steht erfreulicherweise auf dem Standpunkt, dass ihr die Meinungen der anderen egal sind, was aber natürlich nicht im Sinne der Sendung ist. "Die brauchen auf jeden Fall Textilhilfe", weiß Kretschmer. Und jemand, der ihr die "Kriegsbemalung" und die "Bauermalerei" aus dem Gesicht nimmt. Nicole hält neues Styling indes für "unnötig" - auch wenn der Enkel sie "peinlich" findet. Am Ende hat GMK ihr trotzdem erfolgreich "etwas erwachseneres" und "angepassteres" eingeredet, was nicht ganz so rosa oder leoparden ist. Auch sie muss eleganter aussehen, findet er, darf aber immerhin dabei noch etwas frech bleiben. Ihre Tochter wiederum kam bislang daher wie "eine ganz Nette aus der Kirchengemeinde", sagt der Designer, und da kann man ihm nicht widersprechen. Zu seinem Glück findet sie sich aber selbst auch "langweilig".

RTL erfreut sich an den Tränen, zu denen das knallrote Kleid sie treibt, das GMK ihr ausgesucht hat. "Siehst Du schöne Beine?". "Nein." "Siehst du ein Dekolleté?" "Ja." Eines, das "in Ordnung" sei. Das rote Kleid mit Pumps aber ist ein Alptraum für sie, "furchtbar". Doch da kennt der glamourfixierte Designer kein Pardon. Am Ende darf sie sich immerhin wieder in beige kleiden. Aber ohne Glitzer und Dauerwellenfummel, soviel ist klar: da geht auch hier natürlich gar nichts.

Die Botschaft ist angekommen. Weitere Sendungen folgen trotzdem.