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"Ich kann Kanzler": Harmlos, nett und bieder

"Ich kann Kanzler" wollte die Jugend in Form einer Casting-Show für Politik begeistern. Leider ohne Erfolg: Über Jugend und Politik erfuhr man nicht viel Neues - dafür aber eine Menge über das ZDF. Was als mutiges Experiment angekündigt war, entpuppte sich als biederer Abklatsch der privaten Erfolgsformate.

Von Bernd Gäbler

Was war denn das für eine Sendung? Um 23 Uhr 19 stand der Sieger der „politischen Talent-Show“ des ZDF endlich fest: Jacob Schrot, 18 Jahre, 16 Ehrenämter, aus Brandenburg an der Havel, mit Ludwig-Ehrhard-Poster an der Wand und CDU-Parteibuch in der Tasche. Damit aber nicht genug. Im anschließenden „heute-journal“ kam er mit einem bereits nachmittags aufgezeichneten „Zwischenruf“ zur Rente noch einmal zu Wort. Als Sieger der Casting-Show „Ich kann Kanzler“ hat er ein Praktikum und Geld in Höhe des Netto-Monatsgehalts der Kanzlerin gewonnen. Im Finale besiegte er Philip Kalisch, 30, Bundestagsreferent aus der Boygroup des SPD-rechten Seeheimer Kreises.

Aber: Was war das für eine Sendung? Es war eine Show, eine Casting-Show, die aber alles daran setzte, das nur ja nicht sein zu wollen. Es war also eine Sendung, die ihren Charakter immerfort dementierte. Vielleicht wirkte sie auch deswegen arg länglich.

Bei einer Show müssen die Spielregeln von Anfang an klar sein. Hier war nicht durchschaubar, warum die Jury welche sechs Kandidaten fürs Finale ausgesucht hatte. Per Telefon-Voting wähle das Publikum den Sieger, hieß es am Donnerstag im ersten Teil der Show. Aber es gab zunächst noch einige Ausscheidungsrunden inklusive mehrfacher Abstimmerei des Saalpublikums. Was den Show-Charakter aber definitiv ad absurdum führte war Moderator Steffen Seibert, der durch die Sendung stolperte. Mag ein kompetenter Nachrichtenmann sein, ein Showmaster ist er nicht.

Zudem wurde das sonst genre-übliche Bespielen von Leistung und Versagen zugunsten einer allseits erbaulichen Pädagogik vermieden. Immer waren alle nett zueinander. Es sollte um höhere und ernste Ziele gehen: Die Casting-Show war nur die Leimrute, die ausgelegt wurde, um die Jugend für Politik zu interessieren. Was kaum gelang, denn die schaute gar nicht erst zu. Bei der Vorrunde am Donnerstag waren es gerade einmal 280.000 Zuschauer unter 50 Jahre.

Die Jugend will auch keine Mogelpackungen. Die handelsübliche Hochstapelei des Titels „Ich kann Kanzler“, den ohnehin nur die Juroren ernst nahmen, konnte kaum darüber hinwegtäuschen, dass wir letztlich nicht viel mehr sahen als ein einigermaßen professionell gefilmtes und verpacktes „Jugend debattiert“. Ganz nett, sehr harmlos.

Wer heute über die Zugänge junger Menschen zur Politik nachsinnt, betont in der Regel, ihr Engagement sei ideologiefrei und projektbezogen. Weniger politik-, sondern parteienverdrossen seien die meisten. Beim ZDF war es genau umgekehrt. Das Finale war ein Triumph der Parteibuch-Jugend. Am Ende standen sich ein für sozialen Zusammenhalt plädierender Jung-CDUler und ein für Familienpolitik kämpfender SPD-Referent gegenüber. Die Große Koalition in Jeans und Turnschuhen - sogar mit Halstuch, was Juror Günther Jauch sogleich als „unangepasst“ missdeutete.

Begonnen hatte das Freitagsfinale in hübsch paritätischer Zusammensetzung: ein Hamburger und zwei Bayern, West und Ost, eine junge Mutter und eine junge Frau mit Migrationshintergrund, alle freundlich und strebsam. CDU, CSU und zweimal SPD waren vertreten, die parteilose junge Mutter war zudem eine glühende Verehrerin von Ursula von der Leyen.

Bunte Vögel wurden aussortiert

Die noch in der Vorrunde vereinzelt aufgetretenen „bunten Vögel“, die eine „soziale Grundsicherung für alle“ oder die „Auflösung nationaler Armeen“ forderten, waren samt und sonders aussortiert worden. Zwar wurde ständig etwas von „neuen Ideen für Deutschland“ erzählt, aber diese hießen: mehr Bildung, bessere Familienpolitik, mehr Integration, ein gerechteres Steuersystem, Optimismus und „Machen statt Meckern“. „Peacenicks“ oder „Dritte-Welt-Bewegte“, Globalisierungskritiker, strenge Ökologen oder Feministinnen; auch nur Ansichten, die quer zum Mainstream liegen oder parteipolitische Schemata sprengen, kamen gar nicht erst vor. Auf die Welt schaute keiner. Letztlich maßen nur innenpolitisch fixierte freundliche Kinder der Wohlstandsgesellschaft ihre Fähigkeit zu Rede und Selbstdarstellung. In beidem waren sie erstaunlich gut, ab und an sogar angenehm. Schon in der Vorrunde aber hatte Anke Engelke vermutet, dass so viele seiner Klassenkameraden vielleicht mit dem späteren Sieger Jacob Schrot nicht gerne in Urlaub fahren würden. Aber wenigstens glaubt man ihm seine Leidenschaft.

Was sagt die Sendung aus über Jugend und Politik? Nichts. An der Jugend vorbei gesendet wurde ohnehin. Selbst wenn es ein paar Kommentare im Internet gab. Aber auch das war seltsam an diesem Show-Zwitter: Es sollte um Politik gehen, es wurden auch einige brave Fragen zur Staatsbürgerkunde gestellt, auch schaute der Studioleiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Peter Frey, vorbei, aber eigentlich war Politik gar nicht präsent. Kein Politiker weit und breit - nicht mal ein Provinz-Bürgermeister tauchte auf. Dafür viele prächtige und stets „konstruktive“ Ideen.

Viel leeres Stroh gedroschen

Sagen wir es offen: es wurde auch viel leeres Stroh gedroschen. Manches war Gehabe, Äußerlichkeiten spielten eine Rolle. Aber selbst einen wirklichen Argumentations-Wettstreit gab es nicht. Ob CSU oder SPD - alle lagen sich in den Armen. Letztlich traf die Sendung nur eine Aussage darüber, welche Vorstellung von politischem Engagement jene ohnehin überengagierten Jung-Politiker haben, die an einer solchen Sendung teilnehmen.

In Kanada, woher die Show-Idee ursprünglich stammt, ist der Bezug zur Politik schon deswegen enger, weil die Juroren tatsächlich Politiker sind: knorrig, erfahren, allesamt ehemalige Regierungschefs. Hier fehlte genau diese Position in der Jury. Der populäre frühere Bremer Bürgermeister verkörperte nicht den Politiker, sondern gab den jovialen rüstigen Opa, der einfach begeistert ist von diesen engagierten jungen Leuten. Günther Jauch war dabei, weil seine Firma „i+u“ die Sendung nur dann für das ZDF produzieren durfte, wenn er den Mainzern auch seine persönliche Popularität zur Verfügung stellte. Er gab am ehesten den harten, sachorientierten Frager. Stets war er besorgt, dass die Ideen auch einer Mehrheit zu vermitteln sind. Gelegentlich scheint es, er strebe ins höhere Fach eines nationalen Universalpädagogen. Für die Emotionen und persönliche Fragen war Anke Engelke zuständig. Sie trocknete Tränen, bewunderte und hatte alle lieb. So haben wir über die Jury fast mehr erfahren als über die Kandidaten. Auf jeden Fall, dass sie sich ganz fest vorgenommen hatten, dass dies die erste Kuschelecke-Casting-Show im deutschen Fernsehen werden sollte.

Wenn die Sendung letztlich so furchtbar viel mit Politik doch nicht zu tun hatte, auch recht wenig mit „der Jugend“, so haben wir doch indirekt sehr viel über das ZDF erfahren. Es traut sich Experimente zu, will dabei aber nichts riskieren. Es will Politik und Unterhaltung paaren, und heraus kommt ein Hybrid, der beides nicht ist. Es will ein bisschen so aussehen wie das Private, aber in die Form einen gegenteiligen Inhalt pressen, was nicht hinhaut. Es will junge Leute, aber auf keinen Fall welche, die aus dem Ruder laufen. Alles muss harmlos bleiben, nett und bieder. Am Ende kam in der nur gut gemeinten Sendung eine Jugend zum Zug, wie sie das ZDF gerne hätte: allzeit konstruktiv und strebsam. So wie wahrscheinlich auch Steffen Seibert und Bettina Schausten vor fünfzehn Jahren waren.