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TV-Kritik

"Let's Dance": "Stierkampf in der Veggie-Variante" – Tijan hat’s erwischt

Im besten Halbfinale aller Zeiten, und vielleicht sogar von allen, die noch kommen, mussten die Paare gleich dreimal in die Arena. Die Entscheidung war schließlich so knapp, dass Renata Lusin beinahe die Besinnung verlor.

Von Ingo Scheel

"Let's Dance"

"Let's Dance": Für Kathrin Menzinger und Tijan Njie haben zu wenige Zuschauer angerufen

TV Now

Wenn man weiß, wie gut Jorge González die Drama-Klaviatur beherrscht, dann sollte man fürs Finale in der kommenden Woche schon mal die Sonnenbrillen oder Beruhigungstabletten bereit legen. Denn so dezent, wie der Juror diesmal auftrat, kann es zum Abschluss der Tanzboden-Feierlichkeiten auf nichts anderes als eine "Coutür- und Frisür"-Orgie hinauslaufen.

"Let's Dance": Feuerwerk auf dem Dancefloor

Zugegeben, für Otto Normalverbraucher war dieser Kostümmix aus Topflappen und Traumfängern immer noch exaltiert genug, aber mit Blick auf die Hochhaus-Frisuren, die wilden Onesies oder die Büroklammer-Badekappe, das Home-Office auf dem Kopf, war das diesmal eine modische Lektion in Demut und Dezenz. Dafür kam zumindest Motsi Mabuse etwas aufwändiger drapiert, mit einer riesigen Geschenkschleife vor dem Bug, während Joachim Llambi sich zwischen den Alternativen grau und grau für grau entschieden hatte.

Sei es drum, das Feuerwerk findet eh auf dem Dancefloor steht und da mussten die vier Halbfinal-Paare diesmal gleich dreimal liefern. Zunächst gab es einen Hauch Karl-May-Festspiele, als sich Tijan Njie und Kathrin Menzinger als Cowboy und Cowgirl zu "Ring of Fire" durch den Quickstep kajohlten. "Eine schöne Tanz", befand Jorge, und während Motsi die Ausführung mit "gut" benotete, geriet es für Joachim Llambi dann doch "zu polkamäßig". Das Ergebnis: 25 Punkte. Einen Zähler weniger erhielten Lili Paul-Roncalli und Massimo Sinató, die unter einer Art Baumarkt-Pavillon mit Lichterketten zu "Yo No Se Mañana" von Luis Enrique eine solide Salsa anrührten. Charakter gut, Atmo in Ordnung, energiegeladen, das Jury-Telegramm von links nach rechts.

Luca Hänni und Christina Luft hätten den Pokal bereits einfahren können

Auf ähnlichem Punkteniveau drehten auch Moritz Hans und Renata Lusin ihre Runden, deren Slowfox Jorge "grandios entwickelt" fand, Motsi sich begeistern ließ – "Hammer, Hammer, Hammer" – und Herr Llambi die Schwof-Chose, nach einem kurzen Tadel wegen Unwissenheit Richtung Daniel Hartwich, dessen karierter Anzug ganz entfernt an Uli Stielikes einstiges Lieblingsstück erinnerte, "sehr ordentlich fand". Die Rechenformel hier: 9 + 9 + 7 = 25. In ihrer eigenen Spielklasse hotteten schließlich Luca Hänni und Christina Luft. Mit dem Jive Marke Elvis Presley, so Motsi Mabuse, hätten die beiden durchaus den Pokal bereits einfahren können. Jorge äußerte sich etwas mehr, Joachim Llambi etwas weniger exaltiert, einig waren die drei sich dennoch und zogen jeweils das Frühstücksbrettchen mit der Zahl 10.

In der nächsten Runde, der zweiten von insgesamt dreien, ging es weiter nach dem Motto "Same Same but different", die große Impro-Action stand erst zum Abschluss des Halbfinales auf dem Programm. Tijan und Kathrin boten diesmal, so Daniel Hartwich, "Stierkampf in der Veggie-Variante", oder anders ausgedrückt: Paso Doble als matadorigen Ausdruckstanz, eine konzentrierte Kalamität zwischen Kastagnetten und koitaler Körpersprache, die auch ohne rotes Tuch funktionierte, die Bilanz: 28 Punkte.

Lili und Massimo packten die fehlenden beiden Punkte zur Idealnote drauf, zerflossen in einem Contemporary um Verlust und Trennung, zu dessen Einstimmung Massimo den martialischen Method Actor gab: Stell’ dir vor, dein letztes Zuhause ist 'Let’s Dance', seine rüde Regieanweisung an seine Partnerin, Zirkusmädchen Lili. Das saß, 30 Punkte. Mit dem Los Bravos-Klassiker "Black Is Black" gab es anschließend mal wieder feinsten Hitstoff aus der Oldieskiste. Moritz und Renata absolvierten ihren Paso Doble dazu in entsprechenden Outfits mit Emotionen und fulminanten Schleuderfiguren. Jorges Fazit: "Ein sehr gut Gedans". Der Rest der Jury drückte es etwas anders aus, sah es aber ähnlich. Zack, 30 Punkte im Köcher, und damit drei mehr als das letzte Zwischenrunden-Paar Luca und Christina, die das "Phantom der Oper" exhumierten, bei dem Daniel Hartwich den falsch sitzenden Mundschutz und Joachim Llambi ein paar Kleinigkeiten mit den Füßen bemängelte.

Improdance even more extreme

Für alle, die sich den etwas kryptischen Terminus vom Improdance schlecht merken konnten, gab es den Jingle schließlich so bummelich 30 Mal, dann hatte auch der letzte Zuschauer das Teil verinnerlicht: Improdance even more extreme, so der Titel der halbfinalen Entscheidungssause. Das Prinzip durchaus fordernd: Zunächst wurde dem jeweiligen Paar ein Tanz zugelost, dann gab es 90 Sekunden für einen Kostümwechsel, bei dem der Profipart des Paares bereits den Song hören durfte, anschließend 30 Sekunden Choreo-Abstimmung für den einminütigen Tanz.

Meis Swarovski Zoff Let's Dance

Hier schmeckten Tijan und Kathrin ihren Wiener Walzer, so sah es jedenfalls Joachim Llambi, mit etwas zu viel Contemporary ab (25 Punkte), während Lili und Massimo sich durchaus dynamisch durch den Charleston zappelten und es damit auf stattliche 28 Punkte brachten. Eine Note, von der Moritz und Renata nur träumen konnten. Deren Rumba fand größtenteils "auf dem Bierdeckel" (Llambi) statt, und während Motsi es "expressiv" fand, urteilte Jorge mit "Wahnsinn". Der übersichtliche Lohn: 23 Punkte.

Eine Höchstnote fuhren als letztes Paar schließlich Luca und Christina ein, die noch einmal die Dresses in den Farben von Borussia Dortmund von der Stange nahmen und einen Cha-Cha-Cha der Marke "Nichts zu meckern" übers Parkett brachten. Das Schlussvoting geriet entsprechend spannend, zumindest auf den hinteren Plätzen. Während die Paare Luca/Christina und Lili/Massimo relativ klar ins Finale kamen, kribbelte es zwischen Tijan/Kathrin und Moritz/Renata um einiges mehr. Als Letztere schließlich den Zuschlag für die Endrunde bekamen, haute es Renata Lusin vor lauter Emotion glatt von den Füßen. Von einem Tränenkrampf geschüttelt, musste sie sich von Partner Moritz beruhigen lassen, der wiederum schien es selbst kaum glauben zu können. Bis zur nächsten Woche sollten die beiden ihre Fassung wiedergewonnen haben, dann nämlich steigt das große "Let’s Dance"-Finale.