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TV-Kritik

Tanzshow auf RTL: Jorge hat die Haare schön - "Let’s Dance" mit dubiosen Schauwerten

Die zweite Ausgabe der Tanzshow auf RTL ohne Publikum und man könnte fast meinen, es sei nie anders gewesen. Qualitativ rückt das Feld dichter zusammen, den wahren Höhepunkt liefert Jorge Gonzalez mit einem Kopfputz aus der Zwischenwelt.

Die Mutter aller Un-Frisuren.

Die Mutter aller Un-Frisuren.

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Es gibt Fernsehshows, die Bilder produzieren, die die Zeit überdauern, die auch Dekaden später noch für ein bestimmtes Momentum stehen, das den jeweiligen Zeitgeist für die Nachwelt wie in Bernstein einschließt. Der hüpfende Hans Rosenthal. Martin Jente mit dem Mantel für Kuli. Nina Hagen hebt das Bein, Biolek die Pfeffermühle. Maren Gilzer dreht einen Buchstaben um, Barbara Herzsprung isst ein Kuhauge – und Jorge Gonzalez präsentiert einen Haarschnitt to end all Haarschnitte. Ein monumentales Frisürchen, als hätte man versucht, aus den Haaren von drei Bobtails eine Mischung aus Brandenburger Tor und Duschvorhang nachzubauen, oder um es anders zu sagen: der zerschossenste Kopfputz, seit Boris Becker diese Nummer mit den zwei Fliegenklatschen gebracht hat. Vielleicht aber auch nur ein verschlüsseltes Signal des Trostes: Leute, seid nicht traurig, dass die Friseursalons geschlossen sind, sonst würdet ihr jetzt vielleicht genauso aussehen.

Solider Start

Aber sei es drum, zumindest wurde auf diese Art hinterm Jurytresen nicht ununterbrochen über Jorges Banane geredet, stattdessen davor mal mehr, mal weniger dem Tanz gefrönt. Solide geriet der Start mit Luca Hänni und Christina Luft, die sich zu NSYNCs "Tearin Up My Heart" - die Hits der 90er waren diesmal das Motto - solide schmachtend durch einen Slowfox schwoften. "Hollywood Extravaganza", das kryptische Urteil von Motsi Mabuse, Joachim Llambi war nicht so von den Socken wie noch in der Woche zuvor, für solide 22 Punkte reichte das dennoch.

Im Anschluss gab es von Sükrü Pehlivan einiges an Kalenderspruch-Standards, "Walzer ist wie Schach", "Ohne starke Frau ist man kein starker Mann". Hätte er mit ähnlichem Engagement auch getanzt, es hätte für ihn und Partnerin Alona Uehlin, beide in dramatischem Schwarzrot, sicher ein paar Punkte mehr gegeben. "Die Nummer hatte etwa 100 Sekunden, davon waren zwölf nicht schlecht", so Llambis Rechnung. Oder um es anders auszudrücken: 88 Sekunden davon waren eher mau. Das Ergebnis mit 17 Punkten dennoch einigermaßen okay.

Optische Karl-May-Festspiele

Ein Wiedersehen gab es mit Loiza Lamers und Andrzej Cibis, eigentlich in der Vorwoche ausgeschieden, diesmal aber als Ersatz für John Kelly, der endgültig nicht mehr dabei sein wird, ins Feld zurückgestolpert. Optisch an die Karl-May-Festspiele gemahnend, den Charleston zum 90er-Squaredance-Pogo "Cotton Eye Joe" getanzt, ergab das mit 24 Punkten ein erstaunliches Comeback. Werte, von denen Ulrike von der Groeben und Valentin Lusin nicht einmal träumen konnten. Da mochten die fliederfarbenen Puschel über Ulrikes Schuhen noch so flattern, das Hosenbein noch so ansehnlich sitzen, in den Knien war zu wenig Spannung, brave Grundschritte reichen da nicht, 12 Punkte, der karge Lohn.

Ein Probewoche wie Grahambrot hatte Moritz Hans hinter sich gebracht. Quick, quick, slow. Step. Hop. Step. Ein Morsecode des Grauens, aber irgendwie schob ihn Partnerin Renata Lusin auf den Punkt motiviert Richtung Tanzboden, der Quickstep zu "Flying" von den Nice Little Penguins "einer der besten, den wir je hatten", so Motsi Mabuse. 25 Punkte sprangen dafür heraus. Immerhin auf 16 Punkte brachten es Ilka Bessin und Erich Klann, die sich an einer Salsa zu "La Vida Es Un Carnaval" von Celia Cruz versuchten. Ilka Bessins Outfit ein kleidgewordener Rosenmontagszug, nicht zufällig gewählt, wie sie im Anschluss konstatierte. "Die Kacke ist am Dampfen, da hilft nur Humor".

Perfekte Nummer 

Weniger lustig, dafür mit großem Drama der langsame Walzer von Lili Paul-Roncalli und Massimo Sinató, zwischen denen es Woche um Woche mehr zu knistern scheint. Ein Britzeln, von dem die Jury sich bereitwillig anstecken ließ, Jorge kurz vorm Ausflippen, Motsi innerlich erhitzt, selbst Llambi wurde da emotional. Die Rechnung geriet einfach: 3 x 10 = 30, die maximale Punktzahl. Mit Christian Polanc schließlich, der sich kurzfristig krankgemeldet hatte, verbuchte die Show einen weiteren Ausfall. Laura Müller hatte das Nachsehen und musste sich nach harter Trainingswoche binnen zwei Stunden mit Ersatzmann Robert Beitsch neu eingrooven.

Contemporary stand auf dem Programm, der Ausdruckstanz zu "Hijo de la Luna" geriet erstaunlich gut aufeinander eingespielt nach so kurzer Zeit, immerhin 20 Punkte gab es dafür. Den Abschluss bildeten Martin Klempnow und Marta Arndt, deren robuste Rumba 17 Zähler einbrachte, gefolgt von Tijan Nie und Kathrin Menzinger, deren "König der Löwen"-Samba "oben rum" gearbeitet, "unten rum" ordentlich bewegt wurde, und deren "pures Feuer" die Flamme auf 29 Punkte hochdrehte. Wie hatte es bei Sükrü Pehlivan und Alona Uehlin noch geheißen: Walzer ist wie Schach. Nun denn, am Ende gingen die beiden schachmatt - und mussten das Feld räumen. In der nächsten Woche geht es mit "Let’s Dance" weiter. Vielleicht.