VG-Wort Pixel

"Markus Lanz" Debatte über Impfpflicht: Nur einmal pro Woche in die Kneipe?

TV-Kritik Markus Lanz
Markus Lanz diskutierte mit seinen Gästen über eine mögliche Impfpflicht und die Bedeutung von Wäldern für Unwetterkatastrophen.
© Screenshot / ZDF
Weil es sein muss: ein nächster Corona-Talk bei Markus Lanz. Für eine Impfpflicht sehen Gäste und Moderator die Bedingungen momentan nicht gegeben. Was aber tun mit den Ungeimpften? Eine FDP-Politikerin hat da einige Ideen.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Das Nena-Konzert. Was sagt der Aerosolforscher dazu? Der Aerosolforscher heißt Gerhard Scheuch und erklärte am Dienstagabend bei "Markus Lanz": "Nicht das Nena-Konzert ist das Problem, sondern die Toiletten auf dem Konzert." Denn: "Im Freien verfliegen die Aerosole sofort." In Innenräumen hingegen, besonders wenn sie eng sind, ergo auch auf Konzert-Toiletten, hielten sie sich mitunter über Minuten, in Aufzügen sogar teilweise über Stunden – abhängig von dem Lufttemperaturunterschied im und außerhalb des Aufzugs. So hätten sich beispielsweise 71 Menschen den Tag über in einem einzigen Lift angesteckt, der von einem Infizierten benutzt wurde. Daher: "Wir müssen uns um die Innenräume kümmern." Hingegen: "Masken auf dem Schulhof, das ist absurd, nicht notwendig, auch nicht auf dem Schulweg." Warum es trotzdem gemacht wird? Wohl aus Unkenntnis. Scheuch verwies darauf, dass es in der Bevölkerung immer noch ein zu geringes Verständnis über Aerolsole gäbe. Und wie ist das mit den Luftfiltern, was bringen die? Luftfilter! "Darüber haben wir schon 140 Mal geredet", sagte Lanz. Aber solange es nötig sei, würde man weiter dranbleiben. Und, ja, es war nötig. Ein nächster Corona-Talk bei Lanz. Hilft ja nichts.

Die weiteren Talkgäste:

  • Christine Aschenberg-Dugnus, FDP-Politikerin
  • Petra Bahr, Theologin
  • Peter Wohlleben, Förster

250 bis 500 Euro koste so ein Luftfilter, rechnete Scheuch vor. Zwei brauche man pro Klassenzimmer. Möglichst geräuscharm. Um den Stromverbrauch müsse man sich nicht sorgen: "Die ziehen nicht mehr Strom als zwei Glühlampen." Raumluftfilter könnten zwar das Lüften nicht ersetzen, aber daraus sei nicht zu folgern, dass sie nichts bringen, so der Biophysiker weiter. Es gehe darum, beides anzuwenden und nicht in Entweder-Oder zu denken. Wie aber kommen die Luftfilter in die Schulen? Aschenberg-Dugnus weiß, dass manche Schulen vor einem Wust an Formularen kapitulierten: "Zu bürokratisch." Was bedeutet das nun, wenn die Schulen wieder öffnen? Gibt's da Erleichterungen? Scheuch kritisierte, dass sich kaum was getan habe. Jemand, der Zusagen machen konnte, war nicht zu Gast.

Peter Wohlleben hat seinen Auftritt am Schluss

Es fiel auf, dass Lanz, und das auch schon in den jüngst vergangenen Sendungen, debattierend weniger in eine Richtung drängte – außer neulich bei Lars Klingbeil – sondern sich um mehr Ausgewogenheit kümmerte und dadurch auch immer wieder, so würde er es selbst ausdrücken "einen Punkt hatte". Also mehr Journalist als Aktivist. Und weniger Duracell-Hase. Das macht es angenehmer, den Diskussionen zu folgen, und man nimmt letztlich auch mehr mit. Bei der Themengewichtung wäre zu überlegen, ob man noch unbedingt ein anderes Thema "dranklatschen" muss, wenn ein anderes gut zwei Drittel der Sendung dominiert.

So bestritt zwar Peter Wohlleben das knappe letzte Drittel, aber die Aspekte, die er anbrachte – Bedeutung des Waldes zur Eindämmung von Regenfluten – hatten viele Anknüpfungspunkte für eine eigene Sendung rund um das Zusammenwirken von Faktoren, die zur Flutkatastrophe geführt haben. Wohllebens wichtigste Botschaft: "Die Bäume haben es echt drauf". Er hob hervor: "Ein intakter Wald kann große Wassermassen abpuffern." Nadelwald-Plantagen könnten das, da sie nicht natürlich gewachsen seien, nicht. Man müsse sich außerdem klarmachen, dass sehr viel Boden verloren gegangen sei und damit auch "95 Prozent seiner Aufnahmefähigkeit." Der Förster schlug Alarm: "In den nächsten 10 bis 15 Jahren könnten wir die Hälfte der Wälder verlieren." Verursacht durch die Forstwirtschaft. Die Abpufferung schwindet dadurch logischerweise auch.

Soll die Impfpflicht kommen?

Zurück zu Corona. Und die große Frage "Kommt die Impfpflicht?" Lanz: "Hier in dieser Sendung habe ich immer wieder gehört, es ist in Ordnung, wenn Menschen sich nicht impfen lassen, eine Impfpflicht komme nicht." Und nun, wie kommt es, dass man plötzlich darüber rede? "Das war ein Testballon von Helge Braun", so der Moderator. Aschenberg-Dugnus setzte dagegen: "Es gibt keine Grundrechte zweiter Klasse." Sie setze sich für eine Gleichbehandlung von Geimpften, Genesenen und Getesteten ein. Als Lanz abklopfte, wie sie sich das vorstelle, wer beispielsweise zahle die Tests zukünftig, geriet sie ins Schludern. "Pro Woche wird ein Test weiterbezahlt", schlug sie als Option vor. "Damit bestrafen sie die, die sich weitere Tests nicht leisten können", so Lanz. "Nein, mache ich nicht", wehrte sich die FPD-Politikerin. Was aber, so Lanz weiter, bedeute das für einen Ungeimpften, der nur wenig Geld habe: "Der kann dann nur einmal in die Woche in die Kneipe?" Aschenberg-Dugnus findet das ausreichend: "Soll dass etwa die Allgemeinheit zahlen, dass er dauernd überall wo ist?" Einen anderen Haken an der Sache sprach sie selbst an: "Auch Geimpfte können noch ansteckend sein, also müssen die sich ja auch testen lassen." Wer das dann zahlt und überhaupt – Lanz: "Machen Sie das mal konkret." – blieb im Diffusen.

Petra Bahr befand, dass die Debatte um eine mögliche Impfpflicht noch zu früh geführt werde. Man müsse sich erstmal drum kümmern, die zu erreichen, die noch zögerten. Nicht alle, die sich nicht impfen lassen wollen, würden Verschwörungstheorien anhängen. Man müsse auf diese Leute zugehen. Nicht mit Drohungen allerdings: "Es gibt zu wenig wärmende Kommunikation." Lanz insistierte, dass es dennoch legitim sei, wenn beispielsweise Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Denn: "Covid ist vor allen Dingen eine Erkrankung des Alters." Und grundsätzlich: "Impfung bedeutet auch Risiko, das muss einem klar sein." Was für Folgen sie habe, "können wir nicht wissen". Auch Scheuch wies darauf hin, dass man noch zu wenig wisse, etwa wie groß das Ansteckungsrisiko durch Geimpfte im Vergleich zu Ungeimpften sei. Kurz: es fehlen noch Daten. Daher müsse man sich, wie Lanz zu bedenken gab, fragen, inwiefern eine Impfflicht legitim sei: "Können wir es dann anordnen?" Man müsse auch an die denken, die sich nicht impfen lassen können. Und an die Kinder.

Ein asiatisch aussehender Mann mit längeren Haaren und Feder-Ohrring legt den Kopf schräg und steht er vor einem gelben Altbau

Sehen Sie im Video: Die Diskussionen über eine Corona-Impfpflicht halten an. In einer Berliner Arztpraxis ist von Impfmüdigkeit nichts zu spüren. Trotzdem versteht Hausarzt Viet Dinh Khac alle, die sich nicht impfen lassen – und hat eine andere Idee als die diskutierte Impfpflicht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker