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"Markus Lanz" Ist Jamaika noch eine Option? Wahrscheinlich. Aber zuerst muss die Union ihr Ego-Problem in den Griff bekommen

Markus Lanz 6. Oktober
Markus Lanz debattierte mit seinen Gästen über die Probleme der CDU und politische Aufbruchstimmung. Mit dabei waren Johannes Vogel, Diana Kinnert, Markus Feldenkirchen und Harald Welzer.
© Screenshot ZDF
Nein, so könne das nicht weitergehen. Es müsse in der CDU Schluss sein mit "Beinchen stellen" und "Köpfe beschädigen". Stattdessen beschwört CDU-Politikerin Diana Kinnert den "Sound der Zukunft" – und auch die FDP schwärmt von Aufbruch.
Sylvie-Sophie Schindler

Die Pressekonferenz der Grünen fand früher statt als die der FDP. Was hat das zu bedeuten, was schließen wir daraus, also das kann doch kein Zufall sein, auf gar keinen Fall. Befand Markus Lanz am Mittwochabend. Zustimmung von Markus Feldenkirchen. Nein, sowas überließen die Chefs der Parteien gewiss nicht dem Zufall, das sei eine "kluge Inszenierung", auch sonst, man wolle "supersmart rüberkommen". Ja, ja, genau. Das Mutmaßen rund um die Sondierungsgespräche schien dem Moderator mal wieder einen ganz besonderen Kick zu geben.

Talkgast Harald Welzer hingegen winkte nur müde ab. Also wissen Sie, Herr Lanz, diesen "ganzen Bohei" um Vorsondierungen, Sondierungen, also, ich finde das nicht sonderlich interessant, muss das denn sein. "Herr Welzer ist raus", schoss sogleich Johannes Vogel dazwischen. Allerdings verweigerte auch er sich, obwohl von Lanz mehrmals dazu aufgefordert, in jeden Sondierungsmoment etwas hineinzudeuten. Wollen nicht wenigstens Sie, Frau Kinnert, wollen denn nicht Sie was zum Söder sagen, seine Absage an Jamaika, was sind denn seine Motive, warum macht der das? Aber auch Kinnert war nicht zur Psychoanalyse bereit: "Ich muss nicht wissen, was seine inneren Absichten sind."

Es diskutierten:

  • Markus Feldenkirchen, Journalist
  • Diana Kinnert, CDU-Politikerin
  • Johannes Vogel, stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender
  • Harald Welzer, Soziologe

Illoyale Momente einer christlichen Partei

Grüne und FDP beginnen am heutigen Donnerstag mit Sondierungsgesprächen zu dritt – gemeinsam mit der SPD. Alle Zeichen also auf Ampel? Hat Söder tatsächlich Jamaika den Todesstoß gegeben? Immerhin, Robert Habeck habe bei der Pressekonferenz eine, so Lanz, "Rettungsleine" Richtung CDU geworfen. "Auch wir schließen Jamaika nicht aus, es bleibt eine Option", bekräftigte Talkgast Vogel. "Wenn die Ampel nicht funktioniert, muss die Union geschlossen bereitstehen", machte Kinnert deutlich. Als Zweitplatzierter sei man in einer Abhängigkeit. Das müsse man akzeptieren. "Wir müssen für uns werben." Dass Söder das nicht tat, dafür habe sie kein Verständnis. Kinnert hielt sich mit harter Kritik am CSU-Chef nicht zurück. Was Söder betreibe sei "destruktiv", sei eine "offene Sabotage". Es fehle der Respekt.

Überhaupt, wie man in der Partei mit Armin Laschet umgehe, sei "in Teilen charakterlos". Die Politikerin forderte, dass "wir anständig miteinander umgehen". Seit vier Jahren, so Kinnert, sei man in der CDU damit beschäftigt, "einen Kopf nach dem anderen zu beschädigen". Es hätte mehrere illoyale Momente gegeben. Viele Figuren innerhalb der Partei, etwa Merz und Röttgen, würden sich nicht als gemeinsame Führung verstehen. Sondern sich "gegenseitig Beinchen stellen". "Es ist krass, was in der CDU passiert", entsetzte sich auch Feldenkirchen. Das sei "nicht seriös" und "unchristlich" – und das bei einer Partei, die das Christliche im Namen trage. Die Demut, die Laschet an den Tag gelegt habe, sei der richtige Weg, – also, die Entscheidung der Grünen und der FDP zu respektieren. Söder hingegen agiere wie eine "beleidigte Leberwurst".

So könne es auf keinen Fall weitergehen. Kinnert verkündete den "Sound der Zukunft". Es sei die Zeit für eine Erneuerungsphase gekommen. In diesem Zuge müssten "politische Verletztheiten" aufgearbeitet werden. Kinnert ließ keinen Zweifel daran, wie dringend das sei. Ihr Engagement und vor allem auch ihre Ehrlichkeit wirkten erfrischend. Auch FDP-Mann Johannes Vogel beschwor, und das lässig und souverän, den Aufbruchsgeist in der Politik: "Die Ära Merkel endet, jetzt ist ein ganz neues Parteiensystem da, mit vier mittelgroßen Parteien." Das einstige Lagerdenken passe nicht in die heutige Zeit. Und wissen Sie, Herr Lanz, ich plaudere auch keine Vertraulichkeiten aus, da können Sie so lange nachbohren, wie Sie wollen, nicht mit mir, was vertraulich ist, bleibt vertraulich. Denn: "Auch das gehört zum Neuen." Überhaupt, es gehe nun um die große Fragen, man müsse eine Regierung bilden, es gehe um ganz Deutschland und "nicht um eine bayerische Landtagswahl".

Wachstum und Klimaschutz oder die "kollektive Lebenslüge"

Herr Welzer, jetzt mal zu Ihnen und zu Ihrem Buch, der Titel ist ja auch ironisch gemeint, "Nachruf auf mich selbst – Die Kultur des Aufhörens". Was Sie da schreiben, bedeutet, wir werden in Zukunft Einbußen in Kauf nehmen müssen. Ja, Herr Lanz, wir haben Endlichkeitsprobleme, wir können nicht im Modus der permanenten Grenzüberschreitung leben, das ist eine kollektive Lebenslüge, das ist so nicht fortsetzbar. Klima, ökologische Probleme, die versuchen wir technisch zu lösen, was anderes fällt uns nicht ein. Und auf dem Wachstumspfad, Herr Lanz, können wir auch nicht bleiben, denn was nützt es, wenn der Wachstum grün ist, es bleibt ja Wachstum, und Wachstum bedeutet gesteigerten Verbrauch. Welzer unterbrach seinen Monolog kurz mit Blick auf Johannes Vogel: "Der FDP-Mann kollabiert gleich." Stimmt das, Herr Vogel, kollabieren Sie? Also, bei allem Respekt, Herr Welzer, ich werde mich nicht gegen Fortschritt und Optimismus wenden. Vogel räumte aber ein: "Wir müssen die heutige Art des Wirtschaftens hinter uns lassen."

Wie viel Zukunft verspricht eigentlich die FDP? Welzer knallhart: Er sehe "keinen Zukunftsimpuls." Aber, Moment Mal, in der jungen Wählerschaft hat die FDP viel Zustimmung. Woran liegt das? Welzer meinte, man solle da nicht zu viel hineininterpretieren – und schon gar nicht überinterpretieren. Die meisten jungen Leute würden ihr Kreuzchen "intuitiv" machen, wer ist sympathisch, darum geht es. Scholz und Laschet seien ja schon eine alte Generation, zu weit weg, die Kandidaten der FDP seien jünger und damit näher. Vogel protestierte: "Das ist zu schlicht." Lanz schlug sich auf seine Seite: "Ich erlebe die jungen Menschen als extrem politisiert." Das seien die auch, pflichtete Vogel nun ihm bei: "Die jüngere Generation wird dramatisch unterschätzt." Nach der "Ermattung in den Parteien der Großen Koalition" wollen sie, dass man nun endlich Gas gebe. "Das spüre ich", so Vogel euphorisch. Und Welzer? Wirkte nicht überzeugt.


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