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"Mein Leben": Der andere Marcel Reich-Ranicki

Kann man aus der Biografie des streitbaren Kritikerpapstes Marcel Reich-Ranicki einen unterhaltsamen Film machen? Kann man! Und ein großartiger Matthias Schweighöfer zeigt darin, wie Deutschlands größter Literaturkritiker zu dem wurde, der er ist.

Von Johannes Gernert

Zuletzt hat Marcel Reich-Ranicki für Aufregung gesorgt, als er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises das Fernsehprogramm "Blödsinn" schimpfte und sich weigerte, die Auszeichnung fürs Lebenswerk anzunehmen. Auf der Bühne stand ein alter Mann mit erhobenem Zeigefinger, der sich ereiferte. Etwas böswillig könnte man sagen: ein geifernder Greis. So sieht das aktuelle, öffentliche Bild von Marcel Reich-Ranicki aus. Einer, der mit grollendem R alles zerreißt, was ihm nicht klug und unterhaltsam genug ist. So hat er sich einen Namen gemacht, so hat er sich im "Literarischen Quartett", der ZDF-Sendung, die ihn endgültig zum Kritikerpapst machte, nicht nur Bücher, sondern auch Kritikerkolleginnen vorgenommen. Findet er etwas "grässlich", kennt Reich-Ranicki keine Gnade. Weil er während diverser Verrisse wild fuchtelte und lispelte, wurde er ausführlich parodiert. Für die, die ihn nur fernsehflüchtig kennen, ist Reich-Ranicki eher Kritikerkarikatur als Kritiker.

Doch nun gibt es einen Film, der dieses Bild korrigiert. Er heißt - wie die erfolgreiche Autobiografie - "Mein Leben" und zeigt einen völlig anderen Reich-Ranicki. Ein ruhigen, hübschen Mann, der zum Argumentieren selten den Zeigefinger hebt.

Reich-Ranicki wird in Warschau in eine jüdische Familie geboren. Seine Mutter schickt ihn schon früh ins "Land der Kultur", zu den Deutschen, nach Berlin, damit er deren Sprache lerne und Bücher lese. Anfangs zieht sich der Junge mit der Brille vor dem Spott der Klassenkameraden in die Winnetou-Welt Karl Mays zurück. Als Abiturient begeistern ihn die Stücke der Berliner Bühnen so sehr, dass er zu einem Ein-Mann-Theaterensemble wird, wenn er sie nacherzählt, um eine junge Nachbarin zu beeindrucken. Er würde gern in Berlin studieren, aber das verhindern die Nazis. Reich-Ranicki muss zurück nach Warschau. Seine Familie wird erst ins Getto gesperrt, dann werden seine Eltern und sein Bruder ins Konzentrationslager deportiert. Nur Marcel wird die Shoah überleben.

Er war bereits über 80, als er diese Geschichte in seiner Autobiografie aufgeschrieben hat, die er ganz schlicht "Mein Leben" nannte und die bis heute weit über eine Million Mal verkauft wurde. Gemäß Reich-Ranickis Credo "Man darf die Leute nicht langweilen" ist es eine packende Erzählung, die nicht mit dem Zweiten Weltkrieg endet. Sie beschreibt auch, wie der polnische Geheimdienst Marcel Reich-Ranicki nach seiner Befreiung übel mitspielt, bis er das Land verlässt und wieder nach Deutschland geht. Er ist ein Vertriebener, der seine Heimat schließlich in der Literatur findet.

Auftritt Schweighöfer

Das präzise filmische Porträt des frühen Reich-Ranickis verdeutlicht, wer dieser Mann eigentlich ist, der da auf einem Fernsehpreis-Podium steht und gegen den TV-Quatsch anwettert. Um das so eindrucksvoll zu tun, wie es ihm gelingt, musste sich Hauptdarsteller Matthias Schweighöfer vom Original entfernen. Er rollt das R nicht, auch lispelt er kein bisschen. Schweighöfer lässt seine Figur weit von der echten Person weg ins Fiktive hinein driften. So weit weg, dass Zuschauer diesen jungen Mann akzeptieren können, ohne sofort an diverse Parodien und an das Gefluche aus dem "Literarischen Quartett" zu denken. Der Zuschauer erlebt ihn als einen unerbittlich zielstrebigen Menschen, der die Maxime seiner Mutter befolgt: "Du musst immer der Beste sein". Er weiß auch bald auf welchem Gebiet: "Ich sehe meine Aufgabe darin, Leser an gute Literatur heranzuführen. Ich bin Kritiker", sagt der junge Reich-Ranicki. An solchen Stellen blitzt der eitle Alte auf.

Der Film erklärt die Überzeugung mit der Erfahrung: Die Literatur begleitet den Verfolgten ins Getto genauso wie in den Keller eines Buchsetzers auf dem polnischen Land, der Reich-Ranicki vor den Nazis versteckt. Dort, während er seinen Rettern den "Hamlet" nacherzählt, lernt er, wie sehr man mit Literatur fesseln kann. Das gelingt ihm noch einmal, als er im Getto Fußböden schrubben muss und einen deutschen Soldaten mit der Nacherzählung eines Berliner Fußballspiels milde stimmt, die so auch im Radio hätte laufen können. Er versteht die Macht von Geschichten, und so die Macht von Literatur.

Eine Lebensliebe

"Mein Leben" ist auch die Geschichte einer Lebensliebe. Schweighöfers Reich-Ranicki ist ein ernsthafter Mann, blitzgescheit, oft mit Sorgen im Gesicht. Je schwieriger die Situation wird, desto enger wächst er mit seiner Frau Tosia zusammen. Die wird von Katharina Schüttler gespielt, die sich vor allem als brillante Theaterschauspielerin einen Namen gemacht hat. Als er im Warschauer Getto die Hoffnung verliert, erhängt sich Tosias Vater. Sie kann ihn nicht retten, obwohl sie noch versucht, seinen Körper hochzustemmen, der leblos von der Decke baumelt. In diesem Moment lernt sie Marcel Reich-Ranicki kennen. Der zitiert den Stummfilm-Schauspieler Emil Jannings: "Wir sind nicht in dieses Leben geschickt worden, um ihm zu entfliehen, sondern um es zu bezwingen". Danach schweigen sie gemeinsam und halten sich fest.

Es ist einer der nicht gerade häufigen Augenblicke im Film, in denen gewichtige Zitate fallen. Später ermahnt Marcel Tosia, an das Dostojewski-Urteil zu denken. Der russische Schriftsteller wurde zum Tode verurteilt, eine Minute vor der Hinrichtung wurde das Urteil in eine Haftstrafe umgewandelt, und Dostojewski kam nach Sibirien. Aber er überlebte. Auch Marcel und Tosia überleben. Sie sind auf dem Weg ins Konzentrationslager - und schaffen es zu fliehen.

Zwei Große

Regisseur Dror Zahavi und Drehbuchautor Michael Gutmann konzentrieren sich auf einen klar umrissenen Ausschnitt aus Reich-Ranickis Autobiografie und finden dafür einen passenden Rahmen: Nach dem Krieg wird Reich-Ranicki von einem polnischen Geheimdienstler verhört. In diesen Gesprächen, die so tatsächlich nie stattgefunden haben, erzählt er seine Geschichte. Mitreißend, wie sich das für ihn gehört, so dass der Vernehmer ihn schließlich laufen lässt.

Wie Reich-Ranicki später zu einem der größten deutschen Kritiker wird, das zeigt "Mein Leben" nicht. Er erzählt stattdessen, wie es fast zwangsläufig dazu kommen musste. Dabei gibt es nur wenige Szenen, die auf den alten Mann von heute verweisen. Als Marcel im Deportations-Zug von Berlin nach Warschau sitzt, stellt er fest: "Ich habe das falsche Buch mitgenommen. Er ist sehr zäh, dieser Balzac." Den letzten Satz hätte im "Literarischen Quartett" durchaus auch der Alte lispeln können. Da allerdings dann schon mit seinem fuchtelndem Kritikerschwert, dem Zeigefinger, in der Luft. Nach einer Privatvorführung von "Mein Leben" hat er diese Waffe übrigens nicht erhoben: Ihm gefalle der Film "fabelhaft". Er ist ja sein Held. Und weil ihn Matthias Schweighöfer dazu gemacht hat, lobt er auch den: Aus ihm werde noch einmal ein Großer. Wenn vielleicht auch nicht unbedingt ganz so groß wie Reich-Ranicki selbst.

Arte zeigt "Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki" am Freitag, 10. April, um 21 Uhr und am Sonntag, 12. April, um 16 Uhr. In der ARD ist die Filmbiografie am 15. April um 20.15 Uhr zu sehen