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"Menschen bei Maischberger" Ein bisschen Gefühl muss sein


Ja, das Weihnachtsfest steht vor der Tür, da ziehen auch im Fernsehen allenthalben friedliche Töne ein. Selbst in den Talkshows menschelt es noch mehr als sonst - stört es da noch jemanden, dass bei Sandra Maischberger der Gesprächsfaden endgültig verloren geht?
Christoph Forsthoff

"Nur die Liebe zählt"? Haben wir uns im Programm geirrt? Sollte Kai Pflaumes gleichnamige Kuppelshow bei der ARD neu aufgelegt worden sein? Nein, es ist tatsächlich Sandra Maischberger, die uns da mit eben diesem Herzschmerz-Motto begrüßt. Videobotschaften hat sie zwar nicht im Gepäck und auch der Liebes-Caravan ihres Sat1-Kollegen fehlt, doch dafür tummeln sich an diesem Abend noch mehr Menschen als sonst auf ihrem Sofa.

Und ob Ingrid und Kurt Biedenkopf, Maite Kelly und Florent Raimond oder Luzandra und Roberto Blanco: Alle eint dieses große, wunderbare Gefühl, das schon seit Jahrtausenden die Menschen beschäftigt - und nebenbei im Fernsehen für Quoten sorgt. Ja, Weihnachten steht vor der Tür, das Fest der Liebe, und da mag natürlich auch die menschelnde Talkmasterin ihre Zuschauer zu so später Stunde nicht mit den bösen Abgründen des politischen Tagesgeschäfts quälen, sondern setzt lieber auf ein softes Thema - oder sollte am Ende die bislang eher bescheidene Zuschauerzahl von unter zwei Millionen diese Flucht ins Leichte befördert haben?

Gesprächsführung: mangelhaft

Indes wie schon in der Vergangenheit mit schöner Regelmäßigkeit scheitert Maischberger auch an diesem Abend einmal mehr an der Gesprächsführung. Der rote Faden fehlt, Verbindendes gibt es kaum, eine Diskussion zwischen den Gästen noch viel weniger - stattdessen eine reine (Ab)Frage-Stunde.

Das ist mal mehr, mal weniger unterhaltsam, selten anregend oder gar erhellend. Als Maischberger etwa dem Ehepaar Biedenkopf eine Liebe seit Kindertagen - die beiden kennen sich, seit er elf und sie zehn Jahre alt war - unterschieben will, weil der Junge damals eine lange Radtour auf sich nahm, um dem Mädchen das Fahrrad zu reparieren ("eine Zuneigung muss da gewesen sein"), lässt der ehemalige sächsische Ministerpräsident die Moderatorin kurzerhand ins Leere laufen. Auch mit dem Kuss bei einer gemeinsamen "Dornröschen"-Schulaufführung kommt sie nicht so recht weiter. Und als der kluge CDU-Kopf seiner Frau zwar liebevoll, aber doch bestimmt Einhalt gebietet, als diese ein klein wenig aus dem privaten Ehe(streit)alltag plaudert, geht Maischberger zum nächsten Paar über.

Kurzes Innehalten in der plaudernden Beliebigkeit

Da ist die Fallhöhe nicht ganz so hoch, Maite war einst Mitglied der berühmt-berüchtigten Kelly-Family, die Deutschlands Teenager in zwei Lager spaltete. Nun hat sie ihre Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt und die RTL-Show "Let's dance" gewonnen - und nebenbei auch noch den Mann fürs Leben kennen- und liebengelernt. Zwar nicht beim Tanzen, aber dafür bei einem christlichen Hilfsprojekt in Afrika - da liegt die Frage nach dem Glauben natürlich auf der Hand, und Maischberger stellt diese denn auch prompt. So schön allgemein und unverbindlich indes, dass die Antwort entsprechend ausfällt: "Für uns war es wichtig, kirchlich zu heiraten." Wer hätte das gedacht bei Christenmenschen?

Irgendwie wird dann die Brücke zu Inge Jens geschlagen, Ehefrau des mittlerweile an Demenz erkrankten Rhetorik-Professors Walter Jens. Und zumindest für einige Minuten entkommt dieses Gespräch der plaudernden Beliebigkeit, wenn die 84-jährige Literaturwissenschaftlerin vom veränderten Leben mit ihrem Partner erzählt. Von der Liebe, die sich in ein Gefühl der Verantwortung gewandelt hat, von der Zuneigung, aus der Fürsorge und Caritas geworden sind. "Das Wesen unserer Ehe hat die Tatsache ausgemacht, dass wir uns absolut aufeinander verlassen konnten - all dies ist nicht mehr möglich." Da herrscht Stille im Studio.

Ewig fröhlicher Roberto Blanco

Doch irgendwie muss Maischberger ja nun noch den ewig fröhlichen Roberto Blanco und seine junge Ehefrau Luzandra in die Runde einbinden - gut, dass es da noch ein Einspielfilmchen mit dem Alzheimer-Spot gibt, den der Sänger vor einiger Zeit gedreht hat. Worüber sich prima zum Altersunterschied zwischen den beiden jeweils zum zweiten Mal frisch Vermählten überleiten lässt - vier Jahrzehnte trennen die blonde Kubanerin von dem 74-Jährigen - und ein paar Allgemeinweisheiten aus der Kategorie "Liebe zählt die Jahre nicht".

Tatsächlich sind dann die 75 Minuten auch schon rum - und falls sich nun jemand am Ende doch fragen sollte, was denn eigentlich das Thema dieser Plauderrunde war, so hat Frau Maischberger auch dafür noch einen hübschen Schlusssatz parat: "Ich hoffe, wir haben all jenen, die Angst vor dem zweiten Mal haben, Hoffnung gegeben, dass es sich doch lohnt." Na denn: Frohe Weihnachten!


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