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"Menschen bei Maischberger" Eine Runde Mitleid


Bei Sandra Maischberger erfahren wir, wie es ist, viel Geld zu haben, es zu verlieren – und auch mal sozialen Realitäten jenseits von Luxus und Völlerei ins Auge zu schauen. Und weil es Fernsehen ist, hat trotzdem alles ein Happy-End.
Von Jan Zier

Kein Haus. Kein Boot. Kein Pferd. Echte Probleme also, die die meisten Menschen da draußen haben. Ins Fernsehen kommen sie damit natürlich nicht. Das heißt, wenn sie immer schon irgendwie arme Schlucker waren, dann gibt es für sie nur die DokuSoaps im Unterschichten-Fernsehen - und für alle anderen das Dschungelcamp. Kein Zufall also, dass gerade Ramona Leiß bei Sandra Maischberger zur drängenden Frage "Gibt es ein Leben nach dem Luxus?" befragt wird.

Jahrelang war sie das Gesicht der braven deutschen Fernsehunterhaltung - Aktuelle Schaubude, Knoff-Hoff-Show, Fernsehgarten, Volksmusik - solche Sachen eben. Die Achtziger, Neunziger, wir erinnern uns; die Älteren zumindest. Und irgendwann passierte ihr das, was auch vielen da draußen passiert, und zwar ohne dass das Fernsehen mitleidig berichtet. Der Job ist weg, die Beziehung geht in die Brüche, die Mutter stirbt. "Mein Leben war ausgelöscht", sagt sie heute. Kreditschulden für Immobilien in Millionenhöhe türmen sich auf, die Rede ist von zweieinhalb Millionen.

"Eineinhalb Millionen, das hätte ich schultern können"

Und noch heute sagt sie: "Eineinhalb Millionen Miese, das hätte ich schultern können". Ob Moderatoren im Öffentlich-Rechtlichen also nicht vielleicht überbezahlt sind? Und irgendwie, sagt sie, hatte sie doch nur ihrem Sohn was vererben wollen. Ach ja, und das Dschungelcamp, das war "wahnsinnig anstrengend", erfahren wir dann noch von Frau Leiß. Ja, die "Sendung des Schreckens" war das. Jawoll. Trotzdem hat sie dort viel über sich gelernt, sagt sie. Wie schön. Und wir durften ihr dabei helfen.

Einer, der auch in dieses Panoptikum der B-Promis gepasst hätte, ist Christian Anders, aber der ist es auch so wieder zu Geld gekommen. Anfang der Siebziger kam er mit "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" groß raus, verdiente Unsummen, die er in Glückspiel, Partys in Marbella und einen vergoldeten Rolls Royce investierte. "Irgendwann" waren die Millionen dann "mal weg", sagt er heute lapidar, und "plötzlich" waren da drei Millionen Miese. So leicht kann man es sich machen, wenn man nur unkritisch genug mit sich ist. Drei Monate lebte er unter einer Brücke, allerdings in Kalifornien, bis er schließlich eine Frau fand, eine Wirtschaftsberaterin, die ihn schließlich geheiratet hat, obschon sie ihn anfangs – zu recht – arg "peinlich" fand. Hach ja. Eine Geschichte, die nach Fernsehen geradezu schreit.

Mitleid ist fehl am Platze

Allen Menschen an diesem Abend ist gemein, dass sie, ob mehr oder weniger prominent, mal sehr viel Geld hatten. Aus mehr oder minder eigenem Verschulden alles verloren haben. Also: vor allem ihren gesellschaftlichen Status. Und: Sie haben es wieder zu etwas gebracht. Unter anderem, weil sie eben meist keine "Normalos" waren, wie Karriereberater Jürgen Hesse sagt, also auch nicht "mit spitzen Fingern angefasst" wurden. Mitleid ist also ganz und gar fehl am Platze, auch wenn Maischbergers Unterton genau das stets suggeriert.

Nein, es ist durchaus nicht so, dass es für diese Menschen keine Hilfe gegeben hätte. Sie haben sich eben nur geschämt, sie in Anspruch zu nehmen. Immerhin, wenn sie dann doch mal auf dem Amt waren, haben sie dort doch irgendwie gute Erfahrungen gemacht. Schön zu hören. Und ja, irgendwie haben sie dann doch auch gelernt, wer diese Alleinerziehenden, diese Flaschensammler, Obdachlosen und Zigarettenstummelraucher da draußen eigentlich sind. Also, dass es die überhaupt gibt und so. Das ist ja auch schon mal was. Und sie haben gelernt, das es auf die große Villa vielleicht doch nicht ganz so ankommt.

Na dann. Willkommen in der sozialen Realität. Aber weil das hier Fernsehen ist, hat natürlich alles ein Happy-End. Für die anderen Geschichten ist da kein Platz.

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