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"Mission Hollywood": Verloren im Nuschel-Nirwana

Darauf hat Hollywood bestimmt nicht gewartet: auf eine Gruppe von deutschen Jungschauspielerinnen, die mehr Träume als Talent haben. Gestern mussten sie wieder durch einen Parcours von Peinlichkeiten. Immerhin bekam jemand die Leviten gelesen, der in Hollywood selbst nie landen konnte: Til Schweiger.

Von Mark Stöhr

Was denken wohl die Amerikaner über uns Deutsche? Erst latschte ein zweitklassiges Model mit ihrer Rasselbande über den Walk of Fame, jetzt ein zweitklassiger Schauspieler. Der Casting-Tourismus aus Good Old Germany kann bei den Unterhaltungsprofis in Los Angeles nur ratloses Staunen hinterlassen. Im besten Fall. Staunen über das Dauerrecycling abgehangener Fernsehformate. Staunen über ein Führungspersonal, das ohne einen Hauch von rhetorischem Talent Shows zur besten Sendezeit moderieren darf. Heidi Klum, die fleißige Aufsteigerin aus Bergisch-Gladbach, hat ihren Text immer auswendig gelernt. Til Schweiger, der alternde Aushilfs-Beau aus Gießen, muss ihn ablesen. Oder er improvisiert frei und schickt Sätze ins vernuschelte Nirwana seines nasalen Singsangs. Im Zweifel beides.

Eines immerhin werden die Amerikaner vermissen: das deutsche Wasser. Viele hundert Liter pumpten die Kandidatinnen schon aus ihren Augen und Nasen in den sandigen Boden. Die Bäume werden ihre Blätter hängen lassen, wenn die letzte Casting-Karawane abgezogen ist. Aber noch wird geflennt und gerotzt, dass die Mattscheibe beschlägt. Auch gestern wieder in "Mission Hollywood", dieser Kopie von der Kopie von der Kopie. Wann bewerben sich die Leute endlich wieder so wie früher, ohne dass ihnen jemand dabei zusieht? Wann begreifen die Fernsehmacher endlich, dass der letzte, aber auch der allerletzte Horst inzwischen schon vorgesprochen, vorgesungen oder vorgetanzt hat?

Der RTL-Spätling hat im Vergleich zur ProSieben-Mutter einen einzigen Vorteil: Es geht um Schauspieler. Schauspieler sind per se komisch. Mit ihrem esoterischen Körperquatsch und ihrer nervösen Überreiztheit sind sie immer für einen Lacher gut. Juliane, eine der verbliebenen neun Kandidatinnen, ist der Prototyp einer Schauspielerin. Ihr Credo: "Das Hirn muss die Klappe halten, dann kehrt der Glaube an einen selbst zurück."

Doch so recht mochte das nicht klappen. Denn zu sehr war ihre "Psyche zerfurcht". Vom Lärm im Hotel, einer billigen Absteige, wo die ganze Nacht Karaoke gesungen wurde, und vom Wind. Der weht in L.A. wohl schärfer als in Gröbenzell bei München. Dort kommt Juliane nämlich her. Und dort durfte sie nach ihrem gestrigen Rauswurf auch wieder hin. Aus der Traum von Hollywood.

Annika ist auch nicht schlecht. Bei den "Headshots" - zu Deutsch: Bewerbungsfotos - saß die 27-jährige Berlinerin vor dem Starfotografen Alan Weissman wie im Passautomaten. Nicht die kleinste Regung ließ sie sich entlocken und fühlte sich danach trotzdem ein bisschen "modelig".

Ähnliches Bild beim Dreh eines Demobandes. Die jungen Frauen mussten Szenen aus US-Komödien nachspielen. Annika war mit "Love Vegas" dran. Eine Frau stellt darin nach dem Aufwachen fest, dass sie über Nacht geheiratet hat. Wo Cameron Diaz im Original eine furiose Slapstick-Einlage hinlegt, gab Annika die eherne Pose von Hanna Schygulla in Fassbinders "Liebe ist kälter als der Tod". Zur Furie wurde sie erst, als sie Til Schweiger bei der Juryentscheidung zur Gruppe der Wackelkandidatinnen einteilte ("Ihr habt die Chance, aus Wackeln was Festes zu machen"). So rotzfrech wurde der Frauenschwarm mit Sicherheit selten angegangen. Es war der einzige sehenswerte Moment des Abends.

Man weiß nicht, wen man in diesem wahnwitzig wertlosen Workshop weniger beneiden soll. Ob die Bewerberinnen, die in Catwoman-Kostümen auf offener Straße ahnungslose Passanten um Geld anbetteln müssen und es mit einem unfähigen Trainerteam zu tun haben; dem schmierigen Schweiger einerseits, der lässig bis an die Grenze zum Hirnkoma vor sich hin deliriert und sich in wachen Augenblicken als selbstgefälliger Ober-Macker inszeniert; dem Schauspielcoach Bernard Hiller andererseits, der den irren Blick von Uri Geller hat und ansonsten hauptsächlich grottenschlechtes Deutsch spricht. Oder eben diese Beiden, die mit einem Rudel von Rollenanwärterinnen konfrontiert sind, die mehr Träume als Talent haben. Eine von ihnen sollte gestern aus "American Pie" den Satz "Ich habe mir eine Flöte in die Muschi geschoben" aufsagen. Ihre Version: "Ich habe mir eine Klarinette in die Pussy geschoben."

Vielleicht sollte sich die ganze Crew ein Beispiel an Friederike nehmen. Die Tochter eines Diakons hat einen Nothebel für den Fall der Fälle: Gott. "Der kann immer noch was draus machen." Also beten, RTL, beten.