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"Pretend It's A City" auf Netflix Martin Scorsese würdigt die Autorin Fran Lebowitz – und deren Heimatstadt New York

Autorin Fran Lebowitz bei einer Filmgala
Die New Yorker Autorin Fran Lebowitz
© Robin Platzer / Picture Alliance
Wenn man New York verstehen will, dann reicht es, der Autorin und Satirikerin Fran Lebowitz zuzuhören. Die heute 70-Jährige hat den Big Apple in seinen wildesten Zeiten miterlebt und weiß genau, wie die Stadt tickt. Deshalb lässt Scorsese sie in "Pretend It's A City" einfach erzählen.

Die Chance, dass Sie Fran Lebowitz nicht kennen, dürfte groß sein. Wenn dem so ist: keine Sorge. Sie haben zwar bisher etwas verpasst, aber auf Netflix kann man die 70-jährige New Yorkerin jetzt kennenlernen. Sehr intim sogar. Ihrem guten Freund, dem Regisseur Martin Scorsese, erzählt die Schriftstellerin in der Reihe "Pretend It's A City" von ihrer Kindheit, ihrer Sucht nach Zigaretten, ihrer Geringschätzung für Sport sowie für gewisse Musicals und vor allem erzählt sie von New York.

Was wie eine subjektive Veranstaltung klingt, ist deshalb ganz wundervoll, weil Lebowitz die wohl schlagfertigste, scharfsinnigste und coolste Frau ist, die man seit Langem auf einem Bildschirm gesehen hat. Etwa wie ein Roger Willemsen, nur weiblich, amerikanisch und bitterböse. Fran Lebowitz hat zu allem eine Meinung. Sie formuliert sie in Sätzen, die so großartig sind, dass man permanent mitschreiben möchte. "Niemand kann es sich leisten, in New York zu leben", sagt sie etwa. "Trotzdem tun es acht Millionen Menschen. Wie wir das machen? Ich habe keine Ahnung!"

Ein Leben, das neidisch macht

Lebowitz kam mit 18 Jahren in die Stadt, arbeitete erst als Taxifahrerin, dann als Journalistin – unter anderem für Andy Warhol und dessen "Interview"-Magazin. Ständig erwähnt sie nebenbei, welche Superstars der Kulturszene sie persönlich kennt oder kannte. Jazz-Musiker Charles Mingus war ein guter Freund, ebenso Autorin Toni Morrison. Sie kennt Mick Jagger, Leonardo DiCaprio und Spike Lee. Besonders erfrischend: Während Lebowitz ehrlichen Respekt für interessante Menschen zeigt, hält sie sich selbst für die interessanteste Person in ihrem Leben. Und vermutlich liegt sie damit richtig.

Die 70-Jährige wirkt ein bisschen traurig darüber, dass junge Menschen heute New York nicht so bei den Hörnern packen wie ihre Generation in den 70ern: "Es überrascht mich, wie viele junge Leute um die 20 auf der Straße zu mir kommen und sagen: 'Oh Fran, ich wünschte, ich hätte das New York der 70er miterlebt! Das muss so viel Spaß gemacht haben.' Eines weiß ich ganz sicher: Als ich um die 20 war, habe ich keine Menschen, die so alt sind wie ich heute, angesprochen und gesagt: 'Oh Mann, ich wünschte, ich hätte in den 30er Jahren in New York gelebt!' Das wäre mir nie eingefallen!"

Kaum jemand meckert so eloquent

In einer Gesellschaft, in der "toxische Positivität" inzwischen ein real existierender Begriff ist, ist Lebowitz' Zorn und poetisches Gemecker eine große Freude. Sie findet viele Dinge dumm, sie findet viele Dinge schlecht – und sie sagt es. "Ich habe keinerlei Macht, aber ich bin randvoll mit Meinung", formuliert die Frau, die stets maßgeschneiderte Herrenhemden und -jackets trägt, es treffend. Reichlich Meinung hat sie etwa zum New Yorker U-Bahn-System. "Niemand, der das Subway-System nutzen muss, hat noch Kampfgeist übrig. Den haben sie aus uns rausgeprügelt. Es bräuchte nur eine U-Bahn-Fahrt, um den Dalai Lama in einen Wahnsinnigen zu verwandeln."

Ein Ärgernis ist es für sie auch, inmitten der Vor-Covid-Menschenmengen durch die Straßen der Stadt zu laufen. "Es ist ein Wunder für mich, dass ich noch lebe, wo ich doch zu Fuß in New York unterwegs war", scherzt sie bissig. Ihre Mitmenschen starren beim Gehen auf Handys, Taxifahrer ignorieren jegliche Fußgängerüberwege – und dann die Touristen. Touristen, die mitten auf dem Gehweg stehen bleiben und bei GoogleMaps die Route recherchieren. "Ich kann nirgends rumstehen und eine Zigarette rauchen, ohne dass mich sofort mindestens zehn Menschen nach dem Weg fragen. Das überrascht mich jedes Mal. Ich meine: ernsthaft? Sehe ich für euch so warmherzig aus?"

Ihre Forderung an unbeholfene Touristen wurde dann auch zum Titel dieser wunderbaren Collage aus Straßenszenen, Interviews und Musik: "Pretend It's A City", "Stell dir vor, es wäre eine Stadt". Eine Stadt, in der echte Menschen leben, die Termine haben oder einfach mal ihre Ruhe wollen. Aber auch zum Stichwort Ruhe hat Lebowitz natürlich direkt wieder zwanzig herrliche Anekdoten parat ...

Wer eine gewisse Emotion für New York hat, der muss "Pretend It's A City" auf Netflix gesehen haben.


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