HOME

"Rommel"-Film in der ARD: Der arme, arme Feldmarschall

Es menschelte gewaltig. Ulrich Tukur ließ Hitlers Lieblingsgeneral Erwin Rommel geradezu nett erscheinen. Als Film ein Ereignis - als Geschichtsstunde gruselig.

Von Stefan Schmitz

Erwin Rommel geht zum Wagen der Männer, die gekommen sind, um ihn zu holen. "In einer Viertelstunde bin ich tot", sagt er. Die Giftpille liegt bereit. Seine Frau weint, der Sohn beinahe. Es ist Oktober 1944. Ausgerechnet Adolf Hitler, den Rommel so lange und heftig bewundert hat, zwingt seinen populärsten Soldaten zum Selbstmord. Wird die Familie versorgt sein? Ja, versichern die Überbringer des Todesbefehls. "Danke", sagt der Feldmarschall. Dann steigt er ein zu seiner letzten Fahrt. Er hatte gehört von den Attentatsplänen der Verschwörer des 20. Juli und sie nicht verraten. Als der Anschlag fehlschlug, traf die Rache der Nazis auch ihn.

Das ist großes Drama. Auch als Ulrich Tukur als Rommel den Atlantikstrand entlang stapft. Er soll die Invasion der Alliierten stoppen und weiß doch, dass er keine Chance hat. Jeder weiß es. Nur Hitler nicht, der längst in seiner eigenen Wirklichkeit lebt. Der Diktator fordert: durchhalten, sterben, keinen Meter preisgeben. Da lehnt sich Rommel ein klein wenig auf. Er redet auf seinen geliebten Führer ein. Schreibt ungehörige Lageberichte. Putschen will er nicht. Er ist Soldat, schon ein Leben lang. So wird er zum Beinahe-Widerständler, passiv und gefangen, verzweifelt und verunsichert. Der große Empathie-Erzeuger Tukur haucht diesem eher schlichten Mann Leben ein. Um seinen Hals hängen die höchsten Orden, die Kaiserreich und Nazi-Deutschland zu vergeben haben. Seine Reflexe sind noch die alten. "Auch Sie haben einen Eid geschworen", entgegnet er einem Offizier, der ihn für den Umsturz gewinnen will. Aber in ihm sieht es anders aus. Da tobt die Schlacht.

Vor allem diese Schlacht ist im Film zu besichtigen. Die zögernde Wandlung gehört zu Rommel, der als schneidiger Panzerführer in Frankreich und vor allem als "Wüstenfuchs" in Afrika zu unfassbarem Ruhm gekommen war. Aber sie ist nur ein kleiner Teil seiner 35-jährigen Karriere: In zwei Weltkriegen hat er viele Zehntausende in die Schlacht geführt; immer auf der Suche nach Ruhm, Lorbeer und dem nächsten Orden. Eine breite Blutspur hat er in oft unsinnigen Gefechten gezogen. Er liebte den Krieg. Er spielte das Spiel. Und er wollte gewinnen. Nicht wenig hat diese Art von Militarismus dazu beigetragen, dass die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein furchtbares Gemetzel war.

Krieg und verbotene Fantasien

All das zeigt uns Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein nicht. Er hat den Stoff gewendet und gewogen und dann eine Entscheidung getroffen: Nur die letzten Monate in Rommels Leben erzählt er. Das sei die spannendste Geschichte. Es schaudert einen, wenn man die Altherrenwitze im Generalstab hört und weiß, dass überall in Europa gerade Millionen sterben. Etwas sträubt sich dagegen, sich der Seelenpein dieses Kriegers hinzugeben, der so lange brav Hitlers Angriffskrieg gefochten hat.

Tukur schafft es trotzdem. An seiner Seite weiß er dabei großartige Kollegen wie Benjamin Sadler, der Rommels Stabschef spielt. Oder Vicky Krieps, die als glutäugige Comtesse verbotene Phantasien in den arischen Herren weckt. Sogar der echte Krieg findet hier und da Eingang in das Spiel. Rommel wird nicht glorifiziert - aber am Ende bleibt das Gefühl, einen großen Mann in tragischer Verstrickung und bei schwersten Entscheidungen begleitet zu haben.

Rommel ist Rommel ist Rommel

Darf man so mit Größen des NS-Regimes umgehen? Selbstverständlich, sagt Regisseur Stein. Natürlich dürfe auch der Nationalsozialismus dramatisiert werden. Identifikation mit den Protagonisten gehöre da dazu - und werde von ihm kunstvoll gebrochen.

Steins Umgang mit Rommel wird diktiert von den Regeln seines Geschäfts. Das Ergebnis aber ist nicht nur Unterhaltung. Nico Hofmann, der Produzent des Films, erwartet, dass Tukurs Rommel das Bild des Feldmarschalls auf Jahre prägen wird. Genau das ist das Problem. So bleibt vor allem eine Erkenntnis: Auch fast siebzig Jahre danach sind Hitlers schneidige Heerführer die falschen Identifikationsfiguren für das populäre Geschichtsdrama im Fernsehen.