HOME

Interview mit Niki Stein zu "Rommel": "Der Nationalsozialismus darf dramatisiert werden"

"Rommel" ist das neueste Geschichtsspektakel in der ARD - und höchst umstritten. Regisseur Niki Stein verteidigt Film und Drehbuch. Ein Gespräch über Grenzen, Brutalität und Geld.

Herr Stein, eignen sich deutsche Militaristen als Helden der gehobenen Fernsehunterhaltung?
Die Frage ist unglaublich deutsch. Präsentiert werden dürfen interessante Geschichten. Und die von Rommel gehört zweifellos dazu.

Nur erzählen Sie ausschließlich die letzten Monate des Generalfeldmarschalls. Fast 35 Jahre Militärkarriere schnurren zusammen auf die Monate, in denen er sich von Hitler zaudernd löst und schließlich zum Selbstmord gezwungen wird.
Der Film hat eine ganz klare Haltung. Rommel erscheint als durch und durch ambivalente Figur. Er ist der Durchschnittsdeutsche, der viel zu lange die Verbrechen des Regimes nicht wahrhaben wollte. Diese Verbrechen werden im Film immer wieder thematisiert. Da wird nichts relativiert oder verharmlost.

Aber es fehlt alles, was Rommel die meiste Zeit seines Lebens ausgemacht hat. Sie erzählen nur von seiner späten Wende.
Vor der habe ich auch Respekt. Ich hätte auch die Geschichte des Karrieristen Rommel erzählen können, der besessen darum kämpft, Orden zu bekommen. Oder die der Propagandafigur, von der Goebbels gar nicht genug kriegen konnte. Aber natürlich greift man sich als Autor bei jeder historischen Figur den Moment heraus, in dem sich etwas ändert. Das mache ich bei Rommel, das hat Schiller bei Wallenstein gemacht. Das ist weder Geschichtsklitterung noch ein Geniestreich, sondern ganz normales Handwerk.

Nur war Wallenstein mehr als 150 Jahre tot, als Schiller über ihn geschrieben hat. Da war er bereits eine entrückte Figur. Mit Hitlers Spitzenpersonal ist man bisher weniger empathisch umgegangen.
Aber wer bestimmt, ab wann wir was dürfen? Für mich ist das entschieden. Auch der Nationalsozialismus darf dramatisiert werden. Die Frage ist zunächst, welche Figur ist es wert. Himmler ist es sicher nicht wert. Rommel aber sehr wohl.

Ihr Hauptdarsteller Ulrich Tukur sagt, er habe versucht, die Figur möglichst lieb zu gewinnen. Musste das sein?
Natürlich. Das ist sein Handwerk. Das würde Ihnen George Clooney genau so erzählen. Das muss ein Schauspieler selbst tun, wenn er Hitler spielt. Sonst funktioniert die Sache nämlich nicht.

Der Produzent Nico Hofmann hat darauf hingewiesen, vor sechs Jahren hätte man den Film noch nicht so machen können. Was hat er damit gemeint?
Sie sind das beste Beispiel für die Haltung, die hier gerade überwunden wird. Nämlich dass man den Nationalsozialismus in Deutschland nicht aus Tätersicht erzählen darf.

Vielleicht gibt es Gründe, dass man die Identifikation des Publikums mit diesen Figuren vermeiden will?
Wenn sie eine Geschichte dramatisieren, dann entsteht ganz automatisch Identifikation. Die Kunst ist es, diese Identifikation richtig zu führen. Bleibt dem Zuschauer die Empathie vielleicht auch mal im Hals stecken? Genau das habe ich gemacht.

Sagen Sie ein Beispiel.
Die Leute werden bewegt sein, wenn Rommel am Ende die Giftpille nehmen muss, seine Frau völlig entsetzt zusammenbricht und er auf dem Weg in den Tod seinem Sohn die Hausschlüssel gibt. Aber sie kriegen direkt wieder die NS-Propagandafigur um die Ohren gehauen, wenn ich zeige, wie das Regime den Selbstmord ausgenutzt hat. Man muss Rommels Wandlung immer in Bezug setzen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und seiner eigenen Hitler-Begeisterung. Genau das tun wir.

Sie selbst sprechen von einer disparaten Generalsperspektive. Man sieht die Herren auf dem beschlagnahmten Schloss. Als sein Generalstabschef Speidel mit der Comtesse schäkert, sagt Rommel, da könne man doch glatt zum Lump werden. Man sieht das und weiß, es ist Sommer 1944: In den Vernichtungslagern sterben Millionen. Zu sehen bekommt man Altherrenwitze. Da schaudert es einen doch.
Das ist genau das, was ich zeigen und erreichen wollte. Nehmen Sie die Szene mit Rommel und dem gefangenen englischen Offizier. Sie sitzen am Tisch und trinken Tee. Und Rommel sagt, machen wir doch Frieden. Der Engländer erinnert an die Judenfrage. Rommel antwortet, das sei Politik und gehe ihn nichts an, er sei Soldat. Das entlarvt ihn.

Teetrinken war nun wirklich nicht charakteristisch für diesen Krieg.
Sie sehen doch im Film Gewalt und Tod. Ich habe einen wirklichen Tabubruch begangen und gezeigt, wie General Stülpnagel, der zum Widerstand gehörte, mit der Drahtschlinge gehängt wird. Ich habe das bewusst getan, weil ich wenig Möglichkeiten hatte, die Brutalität des Regimes zu zeigen. Und die durfte nicht fehlen.

Wäre es nicht angemessener gewesen, den Terror gegen die Gegner des Regimes und die Zivilbevölkerung zu zeigen.
Das ist doch drin. Ich zeige zum Beispiel, wie Geiseln nach der Enttarnung der Comtesse als Resistance-Kämpferin abgeführt werden. Ursprünglich wollte ich den Film als Zweiteiler machen. Da wäre dann mehr Raum für ein Sittengemälde gewesen. Da hätte ich auch die Vernichtung des Dorfes Oradour durch die SS gezeigt, und wie Speidel sieht, dass russische Kriegsgefangene erschossen werden. Aber das ist keine Entschuldigung. Der Film zeigt, so wie er jetzt ist, durchaus das ganze Bild und nicht nur einen Ausschnitt.

Trotzdem wird das Gefühlsleben Rommels ungleich lebendiger als der Wahnsinn um ihn herum.
Wenn in Deutschland Filme gemacht werden, reden wir auch immer über Geld. Ich hatte einfach nicht die Möglichkeiten wie in einer Hollywoodproduktion Millionen für ein paar sehr eindrückliche Minuten mit Kriegsszenen auszugeben. Wir hatten zwei Lastwagen und einen Panzer, den aber auch nur einen Tag. Natürlich wäre eine Szene denkbar, die noch eindrucksvoller die Brutalität des Krieges zeigt als die mit dem jungen Leutnant, der sich erschießt, als er schwer verletzt unterm Panzer liegt. Aber das ist bei begrenzten Budgets schwierig.

Es gibt seit zehn Jahren einen Trend, dass man Deutsche als Opfer zeigt. Bombenopfer, Vertreibungsopfer, einfache Soldaten. Kommen jetzt die Opfer der eigenen Hitler-Begeisterung?
Ich nehme die deutsche Geschichte sehr ernst. Mein Vater hat sechs Jahre den Zweiten Weltkrieg mitgemacht, von 18 bis 24. Das ist für mich ein stetes Thema seit meiner Jugend. Natürlich haben wir immer gefragt: Warum habt ihr mitgemacht? Wir haben diese Generation in eine Ecke gestellt, aus der sie nicht rauskam. Das führt uns nicht weiter. Wir müssen versuchen zu verstehen - und zwar auch Dinge und Menschen, die wir ablehnen oder zu denen wir ein zwiespältiges Verhältnis haben.

"Rommel" - am 1. November, 20.15 Uhr in der ARD

Stefan Schmitz