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"Schuld" nach Ferdinand von Schirach: Mord und Totschlag in der Business Class

Die ZDF Serie "Schuld" will dem deutschen Fernsehkrimi Auftrieb verleihen, doch sie bietet kaum mehr als ein kurzes Schaudern in gelackten Bildern.

Von Oliver Creutz

Reden wir über Schuld. Die Schauspieler: Devid Striesow, Bibiana Beglau, Moritz Bleibtreu? Schuldlos. Der Autor der Vorlage? Freigesprochen. Wer also ist verantwortlich dafür, dass das Versprechen auf eine große deutsche TV-Serie erneut nicht eingelöst wurde? Zumindest für den ersten Teil von "Schuld", der neuen Serie nach Erzählungen von Ferdinand von Schirach, muss man konstatieren: Zu hochtrabend waren die Ambitionen, zu gering ist der Ertrag.

Die Geschichte selbst ist wie gemacht für einen guten Krimi: Ein Geschäftsmann steht mit einem steinernen Aschenbecher in einem Hotelbad, vom Objekt tropft Blut. Der Geschäftsmann (Striesow, dessen Statur sich immer mehr der von Gert Fröbe annähert) wischt das Blut von den Kacheln, bittet die Rezeptionistin beim Auschecken, das Zimmer alsbald reinigen zu lassen, fährt nach Hause, entdeckt seine Frau (Beglau) im Garten, ruft sie vom Auto aus an, um ihr zu sagen, dass es später wird - und entschwindet dann.

Moritz Bleibtreu mit grau gefärbten Schläfen

Darauf entrollt sich in Rückblenden die Geschichte, die zur Tat geführt hat: Sie handelt von sexuellen Abenteuern, vom Geben und Nehmen in der Ehe, von wachsender Eifersucht, die im Ekel gipfelt, welcher sich wiederum in Gewalt entlädt. Das Prinzip der Schirach-Stories besteht darin, dass ein Strafverteidiger von unerhörten Begebenheiten berichtet und so in die dunkelsten Windungen der menschlichen Seele leuchtet. Moritz Bleibtreu spielt den Verteidiger - um dem einstigen wilden Hund des deutschen Films mehr Gravität zu verleihen, wurden ihm die Schläfen grau gefärbt. Er nimmt in dieser Episode aber kaum mehr als eine Schöffen-Funktion ein.

Oliver Berben, der Produzent von "Schuld", schwärmt gern von den amerikanischen Vorbildern. Er hätte die Mittel dazu, dass sich das deutsche Serienfernsehen dem US-Standard annähert. Doch dann sitzen die Figuren in teuren Häusern, auf teuren Möbeln, starren auf Anwaltskanzleien-Kunst, die Musik suggeriert Dramatik, ab und zu fällt ein Gegenstand durchs Bild (eine optische Spielerei, die man auch als Verzweiflungstat empfinden kann). Der Zuschauer kommt sich vor wie in einer animierten Wohnzeitschrift. Ein Set-Dekorateur, der ernsthaft zwei weiße Eames-Sessel ins Bild rückt, sollte zurück in die Werbung gehen.

Aus der angenehm gekühlten Juristen-Prosa des Autoren Schirach sind Wohlfühl-Bilder geworden. Das ist "Derrick" im Jahr 2015: Mord und Totschlag in der Business Class. Am Ende werden noch zwei, drei Schirach-Sentenzen verlesen, so als handele es sich um eine Moritat für das Freitagskrimi-Publikum. Eine Art Wellness-Schaudern, und dann ist es schon vorbei.

"Schuld nach Ferdinand von Schirach: Der Andere", ZDF, 21.15 Uhr