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"Tatort"-Kritik "Allmächtig" Münchner Satansbraten


Zwei Tage vor Heiligabend sendet das Erste einen "Tatort", in dem ein angehender Priester einen Reporter beim Exorzismus zu Tode quält. Das Thema ist gewagt - und der Krimi ist teuflisch gut.
Von Annette Berger

Spätestens, wenn die Kommissare Leitmayr und Batic bei einer Autofahrt durch die bayerische Berglandschaft darüber sinnieren, auf welche Ideen Menschen kommen, die keinen Sex haben dürfen - spätestens dann dürfte an diesem Krimiabend so manchem gläubigen Christen der Kragen geplatzt sein. Denn die Bemerkung zielt auf einen jungen Priesteranwärter. Dieser quälte über Stunden einen Mann in einer einsamen Berghütte, schnitt ihm in die Stirn, damit der Teufel weiche. Zum Schluss bekam das Opfer die letzte Ölung - und einen tödlichen Schlag auf den Schädel.

Die Tat, die mit kurzen, bildstarken Sequenzen gegen Ende der eineinhalb Stunden nacherzählt wird, ist die Auflösung und der Höhepunkt des "Tatorts", zwei Tage vor dem Heiligen Abend. Nachdem die vorherige Folge der Krimireihe mit Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) wegen der wirren Handlung böse kritisiert wurde, dürfte der neue Fall des Münchner Ermittlerduos mit dem Titel "Allmächtig" nicht weniger Aufmerksamkeit erregen. Vermutlich gefällt vielen Zuschauern der Umgang mit dem Katholizismus nicht.

Reality-TV bekämpft Kirche - und umgekehrt

Diesen "Tatort" des Regisseurs Jochen Alexander Freydank aber als plumpe Agitation gegen die Kirche zu verstehen, greift zu kurz. Im Gegenteil. Man kann die Handlung sogar so deuten, dass hier geradezu christliche Werte transportiert werden. Dazu lohnt ein Blick auf die Einzelheiten der Geschichte. Der Teufel steckt sozusagen im Detail.

Der Fall beginnt in einem Milieu, das extrem weit entfernt ist von der Kirche. Es ist die Welt des Reality-TV: Ein junger Mann wird vermisst. Albert A. Anast (Alexander Schubert) ist der kreative Kopf einer Videoproduktionsfirma, deren Spezialität kurze Clips sind. Die Kamera hält drauf, wenn Anast als rasender Reporter Menschen bloßstellt.

Anast, ein dunkelhaariger, gut aussehender krawalliger Typ, dringt tief in die Privatsphäre seiner Opfer ein. Brutal, meist ungefragt und mit katastrophalen Folgen für diejenigen, über die berichtet wird. Über eine Finanzbeamtin beispielsweise. Eigentlich eine adrette, fleißige Frau, die tagsüber ihre Fälle in der Behörde abarbeitet. Doch sie leidet unter dem Messie-Syndrom, wohnt in einer vermüllten Wohnung.

Iiiieeh, da kann man gar nicht hinsehen!

Als Anast seinen Clip über den Hausbesuch bei ihr im Internet veröffentlicht, geht es mit der Frau erst richtig bergab: Hunderttausende klicken das Video an. Plötzlich wird ihre Kompetenz als Finanzbeamtin angezweifelt. Sind ihre Bescheide überhaupt korrekt? Sie gibt ihren Beruf auf, verschanzt sich zu Hause. Ihr Ex-Mann muss sein Restaurant dichtmachen. Schmutz färbt ab.

Es ist diese Frau, die Anast kurz vor seinem Verschwinden besuchen wollte, um eine Fortsetzung zu drehen. Denn der erste Clip mit ihr war ein Renner im Internet - und der Grundstein für den Erfolg der Produktionsfirma. Es kann ja so schön sein, der Zerstörung von Existenzen zuzusehen. Einen zweiten Teil aber wird es nicht geben, denn die Frau wird erstochen in ihrer stinkenden Wohnung gefunden, und Anast ist vermisst.

Sein toter, geschundener Körper wird Tage später entdeckt. Batic und Leitmayr haben Verdächtige zu Hauf - es gibt unzählige Drohbriefe gegen den Reporter.

Als Pfarrer ist man schwul, oder man hat uneheliche Kinder

Auch Pfarrer Fruhmann (Ernst Stötzner) hatte Grund zum Hass, er schrieb allerdings keine Drohbriefe. Ein Clip, in dem Anast die Frage nach etwaigen unehelichen Kindern des Geistlichen stellt, beendet Fruhmanns beruflichen Aufstieg in der Kirche. Fortan kümmert er sich mit dem jungen Priesteranwärter Rufus Czerny (Albrecht Abraham Schuch) in einer Selbsthilfegruppe um die Opfer der zerstörerischen Videoclips.

Und diese Filme sind wirklich ganz schrecklich - der "Tatort" zwingt den Zuschauer mehrmals, die Clips anzusehen. Moment mal: zwingt? Nicht nur Kommissar Batic klickt sich gern durch Anasts Läster-Universum. Auch dem Krimi-Publikum dürften die Videos ein gewisses Vergnügen bereiten.

Wer als "Tatort"-Zuschauer gegen diese Art des Voyeurismus immun ist, an den richtet sich jetzt die folgende Frage: Wollten Sie nicht auch wissen, ob der Pfarrer und sein junger Gehilfe schwul sind? Wenn der Pfarrer schon kein uneheliches Kind hat... So leicht ist also die Verführung mit Bildern, Andeutungen, Lügen, Vorurteilen. Der Krimi lockt den Zuschauer in die Voyeurismus-Falle, beweist, wie leicht und wie gern man sich verführen lässt.

Der schwarz-rote Teufel

Am Ende ist der Pfarrer derjenige, der keine Rache sucht, sondern verzeiht, christliche Werte lebt. Also doch kein Anti-Kirchen-Krimi. Gleichzeitig ist der Geistliche aber auch derjenige, der den jungen Priesteranwärter mit dem Exorzismus vertraut macht - allerdings mit der harmlosen Variante, in der gebetet wird und man eine Fischleber verbrennt.

Für Pfarrer Fruhmann, dessen Predigten gegen das Böse in der Gemeinde beliebt sind, ist der Reporter Anast eine Art Satan. Und setzt man die Buchstaben des Namen "Anast" etwas anders zusammen, erhält man tatsächlich "Satan".

Mehr zu bieten hat aber der Name des jungen Priesteranwärters Rufus Czerny. "Rufus" ist lateinisch für "der Rote" und "černý" bedeutet auf Tschechisch "schwarz". Der Übertäter ist also der Schwarz-Rote. Wie gesagt, bei diesem Krimi steckt der Teufel im Detail.


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