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"Tatort"-Kritik Münsteraner-chinesische Feindschaft


Das Humor-erprobte Duo Thiel-Boerne tauscht in dieser Wiederholung eines Münster-Krimis Witze gegen Weltpolitik. Keine gute Entscheidung - ein von Weltverbesserungsstreberei verklebter 08/15-"Tatort".
Von Niels Kruse

Irgendwann gegen Mitte der 90 Minuten spricht Frank Thiel (Axel Prahl) den erlösenden Satz: "Wir sind hier in Münster!" Die Worte entfahren ihm als Mischung aus Empörung und Unglaube und dürften vielen Zuschauern aus der Seele sprechen. Bis dahin wähnten sie sich vermutlich eher in Ludwigshafen, Köln oder Bremen, "Tatort"-geografisch ausgedrückt. Denn im Münsterland waren die Ermittler bislang nicht durch Weltverbesserungsstreberei, Betroffenheitsbetroffenheit und außenpolitischem Bedenkenträgertum aufgefallen. Aber diesmal kommen die Chinesen, und alles ist anders. Natürlich wackelt sogleich der Moralfinger fiebrig.

Es läuten ja schon die Alarmglocken, wenn, wie zu Beginn, der Chinese nachdenklich aus dem Fenster blickt. Schließlich ist der Chinese der neue Russe. Als Klischeebösewicht unterdrückt er selbstverständlich Künstler, Minderheiten und die Wahrheit und findet es ebenso selbstverständlich, seinen Unterdrückungsapparat weltweit einzusetzen. Warum also nicht auch in Münster?

Am Anfang war noch Sex

Wenn also eine chinesische Künstlerin mit eventuell oppositionellen Neigungen in Deutschland ausstellt, dabei auf einen chinesischen Geheimdienstkiller mit Diplomatenpass trifft und die chinesische Mafia mitmischt, könnte das natürlich in Münster passieren. Was auch nicht unwahrscheinlicher ist, als dass es überhaupt zu einer Art Entscheidungsschlacht im Befreiungskampf der Uiguren (eine unterdrückte muslimische Minderheit im Nordwesten Chinas) kommt. Angesichts dieser völlig konstruierten Handlung ist es beinahe Nebensache, dass dieser Großpolitikkampf ausgerechnet im tiefsten Westfalen ausgetragen wird.

Dabei fängt "Die chinesische Prinzessin" insoweit vielversprechend an, als dass es endlich mal ans Sexualleben des Was-sich-neckt-das-liebt-sich-Duos Thiel/Boerne geht. Während der Kommissar mit Assistentin Nadeshda (Friederike Kempter) abstürzt und die Nacht möglicherweise mit Geschlechtsverkehr beendet, wird Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) von der Künstlerin Songma (Hui Chi Chiu) auf ihrer Vernissage verführt. Sie landen in der Gerichtsmedizin, wo es irgendwie auch erotisch zugeht, vor allem aber stirbt die Chinesin. Boernes Problem: Er liegt, Unterkante-Oberlippe voll Koks und der Tatwaffe in der Hand, neben ihr, kann sich aber an nichts erinnern - eine Amnesie hat ihn befallen.

Dass es um Mord geht, ist letztlich auch egal

Also wandert der Herr Professor Doktor als Hauptverdächtiger in den Knast, was an sich eine spaßige Idee des Drehbuchautoren Orkun Ertener (der auch die Grimme-Preis ausgezeichnete Krimiserie "KDD" geschrieben hat) war. Oder gewesen wäre, wenn Regisseur Lars Jessen die Gefängnisszene etwas liebevoller behandelt hätte. Frisch in der Zelle eingetroffen, begegnet Boerne einem Insassen, den er persönlich hinter Gitter begutachtet hatte. Das vielversprechende Knast-Episödchen gerät leider genauso schnell in Vergessenheit wie der Umstand, dass der Gerichtsmediziner überhaupt inhaftiert war, dass Thiel und Nadeshda vermeintlich Sex hatten und dass die anfänglich so dominant inszenierte Songma auch was mit den Fall zu tun hat. Und der zu klärende Mordfall geht in dem Wust aus witzlosem Hickhack bei gleichzeitig immer absurd-wuchtig werdender Politik völlig unter. Ist letztlich aber auch irgendwie egal.

Der Witz beim 22. Thiel/Boerne-Fall ist: es gibt weit und breit keinen. Vielleicht weil die Kritik am Humorniveau der Münsteraner "Tatorte" zuletzt unfreundlicher wurde. Vielleicht aber auch, weil sich die Macher dachten, dass die "politische Brisanz" Späße verbieten würde. Vielleicht fielen ihnen einfach keine Witze ein. Wie auch immer, und egal wie man zur Komik steht - zieht man den Münsteranern das Clownskostüm aus, stehen sie reichlich nackt da. Womit sie sich leider nahtlos ins überwiegend graue Mittelmaß der gesamten Krimireihe einfügen.

Diese TV-Kritik bezieht sich auf die Tatort-Folge "Die chinesische Prinzessin", die die ARD am Sonntag, 5 April, als Wiederholung ausgestrahlt hat.


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