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"Voice of Germany" Casting-Kampf mit sexy Grandpa


Lobhudelei ohne Ende: Bei "Voice of Germany" geben sich die Juroren weiterhin alle Mühe, um zu zeigen, dass sie die etwas andere Castingshow machen. Sonderlich fair ging es beim Gesangsduell zwischen Kampfamazone Ramona und "Opa" Butch allerdings nicht zu.
Von Sylvie-Sophie Schindler

So wie sie redet, glaubt man, ihr stünde ein Bundeswehreinsatz in einer Krisenregion bevor. "Ich will den großen Krieg gewinnen", sagte Ramona Nerra, Teilnehmerin bei der gestrigen Ausgabe von "Voice Of Germany". Gut, vielleicht stammt die 32-Jährige ja auch von Napoleon ab oder Friedrich dem Großen, wer weiß das schon. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Wahrheit enttäuschend banal ist. Etwa so: Ramona Nerra hat ihren Satz in einer Selbsthilfegruppe für handelsübliche Casting-Kandidaten gelernt. Wer dort etwas sagen will, beginnt beispielsweise so: "Ich bin Ramona und ich bin bald Superstar." Könnte sein. Denn: Illusionen hat doch irgendwie jeder.

Siehe auch Butch Williams, 53 Jahre alt, ebenfalls Sänger, der nicht müde wurde zu wiederholen, er sei „The Sexiest Grandpa“. Als käme es bei einem Großvater ausgerechnet darauf an. Noch dazu bekräftigte die Jury, dass Butchs Kinder bestimmt sehr stolz auf ihn seien. Als würde man tatsächlich davon träumen, dass der leibeigene Papa bei TV-Wettbewerben herumhampelt. Doch, wozu wundern. Wenn Casting-Shows überhaupt zu etwas gut sind, dann doch dazu: Liebhaber von Kuriositäten kommen voll auf ihre Kosten.

Ungekünstelt, überdreht, aber immer sympathisch

Und vielleicht muss man überhaupt erst als Jurymitglied dabei gewesen sein, bevor sich einem solche Fernsehereignisse, die im Grunde mehr als ausgelutscht sind, erschließen. "Ich hätte nie gedacht, dass eine Casting-Show so viel Spaß machen kann", rief beispielsweise Jurorin Nena sowie nur Nena das rufen kann. Ungekünstelt, leicht überdreht, aber immer sympathisch. Zum Glück belästigt sie nicht mit maskenhaftem Püppchengrinsen, so wie es für Sylvie van der Vaart, Jurorin des Konkurrenzformats "Das Supertalent" typisch ist.

Doch, Halt, im Grunde sind schon die Begrifflichkeiten falsch. Denn ProSieben und Sat.1 wollen mit "Voice Of Germany", und das sollte sich nun endlich herumgesprochen haben, in jeder Hinsicht anders sein. "Wir sind keine Juroren, wir sind Coaches", betont Nena. Was auch sagen will: Wir hauen den Kandidaten keine menschenverachtenden Sätze um die Ohren, sondern liegen ihnen mit Schmeichel-Streichel-Kommentaren zu Füßen. Das war zumindest zu beobachten in der gestrigen Ausgabe der Staffel. Nach den so genannten "Blind Auditions" traten in dieser zweiten Castingphase namens "The Battle" je zwei bis drei Kandidaten im direkten Duell gegeneinander an. Das Perfide der angeblichen Kuschelshow: die Kontrahenten kamen aus den eigenen Teams, die die Coaches zusammengestellt hatten. Darunter auch langjährige Bekannte, die man im Gesangs-Boxring via Stimme gegeneinander hetzte. Eine zumindest unkonventionelle Art, Freundschaften zu zerstören. Nett geht anders.

"Der beste des Universums"

Auch nicht hübsch: den Kandidaten zu suggerieren, sie mögen unbedingt ihr Bestes geben - was ja eigentlich wettbewerbsüblich ist - und dann denjenigen zum Sieger zu erklären, der weniger gut gesungen hat. So geschehen bei dem Duell zwischen Kampfamazone Ramona und Grandpa Butch. Die Coaches von The Boss Hoss, Alec Völkel und Sascha Vollmer, entschieden sich für Ramona, weil sie noch nicht so ausgereift sei wie ihr Konkurrent und man noch mit ihr arbeiten könne.

Wer daraus ein Prinzip ableiten will, irrt sich aber. Denn Xavier Naidoo beispielsweise legte sich bei dem Duell zwischen dem 24-jährigen Rüdiger Skoczowsky und dem 20 Jahre älteren Giovanni Costello eindeutig auf den Stimmfavoriten fest. Original-Ton: "Rüdiger ist der Beste des Universums. Ich war noch nie in der Nähe eines so unglaublich guten Sängers." Was, und das sei angemerkt, natürlich sehr schade ist für Xavier Naidoo, denn Rüdiger ist zwar sicherlich ein passabler Sänger, aber bestimmt keine Offenbarung.

Ähnliche Seltsamkeit nach dem bestenfalls durchschnittlichen Auftritt von Katja Georgas Spannos und Sharron Levi, nach dem Nena völlig außer Rand und Band war. Fast atemlos sagte sie: „Ich habe so etwas noch nie gehört. Das ist von Gott gegeben. Warum ihr und nicht ich?“

Stimmen für Weihnachts- und Betriebsfeiern

Hilfe! Derlei übertriebene Lobhudelei mutet seltsam an - ähnlich wie bei einem Sechsjährigen, der gerade Klavier lernt und von seinen Eltern bereits als zweiter Mozart gehandelt wird. Oder anders: Die Jubelarien wirken ebenso inszeniert wie die derben Prollsprüche von DSDS-Chef Dieter Bohlen. Mehr noch: das permanente Hochgepeitsche, diese unermüdliche Euphorie bei einer Sendedauer von 135 Minuten, so als hätte jeder mindestens fünfzig Energy-Drinks in sich hineingekippt, strengt beim Zuschauen mächtig an. Und nervt. Denn mehr als Mittelmaß ist nicht geboten. Stimmen, die auf Weihnachts- und Betriebsfeiern sicher gut ankommen, aber das war es dann auch.

Einzig Pamela Falcon, die mit Percival den Price-Dauerbrenner "Purple Rain" performte, hatte das gewisse Etwas. Wozu die Kandidatin noch coachen? Dachte sich auch Coach Rea Garvey von Reamon. Seine Erkenntnis: "Ich habe mich als Coach nutzlos gefühlt. Manchmal ist es gut, nichts zu sagen." Möglich, dass das tatsächlich ein echter Moment war bei "Voice Of Germany".


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