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"Wetten, dass ..?" aus Mallorca: Sonne, Sangria und etwas Show

Ab in den Süden: Nach Quotensinkflug und Querelen sendet "Wetten, dass ..?" von der Ferieninsel Mallorca. Nur Spielverderber würden bei dieser Feierlaune fragen, was das ZDF für den Show-Betriebsausflug auf die Balearen bezahlt hat. Aber für Gottschalk hat es sich ausgezahlt.

Von Malte Krebs

Als "Torrero der Showarena" hat er sich ankündigen lassen: Ganz in Weiß gewandet begrüßte Thomas Gottschalk seine Zuschauer zu einer "Wetten, dass ..?"-Sendung aus Mallorca. Tatsächlich hatte der Moderator in letzter Zeit einige Kämpfe auszustehen, sein Show-Schlachtschiff verlor im vergangenen Jahr mehr als zehn Prozent der Zuschauer. Gegen die Kritik sollte der Kurzurlaub im Mittelmeer helfen. Mehr als zwei Wochen dauerten die Umbauten, um die Stierkampf-Arena in Palma in ein riesiges TV-Studio zu verwandeln. Unter freiem Himmel und in bester Laune begrüßte Thomas Gottschalk die 9000 Zuschauer im Stadion und die Millionen in der Heimat: "Das ist so wie Fernsehgarten reloaded"

Zu erwarten waren die üblichen Zutaten: Ein bisschen Promis, ein bisschen Show-Acts, einige lauwarme Kalauer von Gottschalk, und - ach ja - dann gibt es da auch noch die Wetten. Die Krise des ZDF-Gemischtwarenladens "Wetten, dass ..?" erinnert fast an die aktuellen Probleme der Kaufhäuser mit ihrem drögen Warensortiment: Irgendwie ist alles dabei, aber alles ist irgendwie nur Mittelmaß. Promis haken ihren PR-Termin ab, ebenso die Show-Acts, deren Musik lediglich niemanden allzu sehr stören soll, Thommys Trefferquote bei Kalauern ist meist nicht mehr messbar und selbst die Wetten wirkten zuletzt eher wie lästiges Beiwerk.

Quatschen ohne Naomi Campbell

Aber diesmal sollte alles anders werden, wie der Moderator zu Beginn vollmundig versprach: "Es geht einfach darum, dass wir eine große Party haben." Weniger Promi-Talk auf der Bank, dafür mehr Spaß. Konzentration auf die Kernkompetenz, sozusagen.

Und tatsächlich kamen sie vergleichsweise kurz, die Promi-Gäste auf dem Sofa. Michelle Hunziker, die bereits zum vierten Mal als Gast dabei war, verwechselt noch immer hysterisches Gekicher mit Humor, Ralf Möller erinnert sich gerne und dankenswerterweise mehrfach an seine Nebenrolle im Film "Gladiator" und einen Opernbesuch mit Arnold Schwarzenegger.

Otto gibt noch immer den "Blödelbarden" und - das hätte Gottschalk fast vergessen - betätigt sich als Synchronsprecher im Film "Ice Age 3". Ähnlich das PR-Parlando mit Opernstar Placido Domingo (Gottschalk: "Woher nehmen Sie bloß die Kraft?") oder mit "Topmodel" Sara Nuru (Gottschalk: "Hat dir schon jemand gesagt, dass du gut aussiehst?"). Da war es nicht weiter schlimm, dass Ex-Supermodel Naomi Campbell gar nicht erst kam, obwohl sie noch im Vorspann als Stargast angekündigt worden war (Gottschalk: "Bei Naomi weiß man eh nie, ob sie einem ein Ohr abbeißt").

"Sangria für alle!"

Als gegen Ende Hardy Krüger Jr. ("Forsthaus Falkenau") und Wayne Carpendale (" Der Landarzt") über Einschaltquoten und Zielgruppen reden wollten, konnte man Zeuge einer Zuschauer-Rebellion werden. Statt nach den strunzdummen Fragen Gottschalks auch noch auf die kreuzbraven Antworten der beiden Schauspieler zu warten, beschäftigte sich das TV-Volk im Rund der Stierkampf-Arena lieber mit sich selbst: Mit La-Ola-Welle und Gegröle übernahmen die 9000 Live-Gäste die Regie und beendeten das seichte Sofa-Geschwätz. Die Stierkampf-Arena glich immer mehr einem Stadion.

Genüsslich zoomten die Kameras in das enthemmte Publikum, das gruppenweise mit pinken Perücken, Riesensonnenbrillen oder Achsel-Schweißflecken die Heimat winkte. Da konnte Gottschalk nur noch ein verlegenes "Sangria für alle!" in die Arena rufen. Zumal auch auf dem Promi-Sofa reichlich Long-Drinks und Proseccos vernascht wurden (Ralf Möller: "Drei Stunden Gottschalk kann man nur mit Alkohol überleben").

Bei so viel Ferien-Feierlaune gerieten sogar die Show-Acts zu fast übermütigen Darbietungen: Eine Beatles-Coverband wurde mit "Zugabe"-Rufen verabschiedet, die Simple Minds durften erst von der Bühne, nachdem sie neben ihrem aktuellen Hit auch noch ihren Oldie "Don't You (Forget About Me)" von 1985 gespielt hatten. Gegen diese Nostalgie-Nummern konnte "High School Musical"-Star Ashley Tisdale als Zugeständnis an die "jüngere Zielgruppe" (Gottschalk) nichts mehr ausrichten.

Chinesin wird Wettkönigin

Auch bei den Wetten gab es an diesem Abend eine Überraschung. Wettkönig wurde nicht etwa der Medizinstudent Dominik Brandtönies, der innerhalb kürzester Zeit mit Essstäbchen 25 BHs von ihren Trägerinnen aufknipste, noch der Baggerfahrer Stefan Averkamp, der mit seinem 36 Tonnen schweren Gefährt nur auf der Vorderachse fahrend per Fackel ein Feuerwerk entzündete, sondern eine junge Chinesin: Mit 280 metallenen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften wirbelte Linlin Jin wie ein silberner Tornado zum Sieg.

An diesem Abend konnte man Thomas Gottschalk den Spaß ansehen, den er bei seiner Show auf der Ferieninsel hatte. Fast schien es, als seien hier die letzten Quoten-Diskussionen vergessen, als könnte der 59-Jährige unbeschwert mit seinen Wettkandidaten flachsen, mit dem Publikum schäkern ("Haben Sie auch den falschen Sonnenschutzfaktor benutzt?") und dafür sogar seine langweiligen Sofa-Gäste vernachlässigen. Mal sehen, wie schnell die mallorcinische Sommerfrische nach der Pause in den deutschen TV-Untiefen des ZDF verweht.