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"Zwei Engel für Amor": Ohne Ex geht alles hopp

Im Ersten startet der inoffizielle "Berlin, Berlin"-Nachfolger "Zwei Engel für Amor". Darin müssen zwei Jungberliner Liebesboten spielen, um das eigene Glück zu finden. Ist die Serie ein würdiger Lolle-Ersatz? Ein Vergleich.

Von Peer Schader

1. Die Geschichte

"Berlin, Berlin": Lolle, das Mädchen vom Land, zieht nach dem Abitur nach Berlin, will Comiczeichnerin werden und verliebt sich in ihren Cousin Sven, was sie sich erst nach vier Staffeln richtig eingestehen kann (und das auch nur, weil Hauptdarstellerin Felicitas Woll danach endlich mal was anderes spielen wollte).

"Zwei Engel für Amor":

Im Berliner Café Engel fällt die 26-jährige Kellnerin Kim aus allen Wolken als die Marmorstatue des Liebesgottes Amor plötzlich mit ihr spricht und ihr einen Deal vorschlägt: Spiel für mich den Liebesboten, und ich erfülle dir deinen sehnlichsten Herzenswunsch. Kim willigt ein, weil sie unbedingt ihren Ex zurückkriegen will, der sie für eine andere verlassen hat. Die Situation wird dadurch verkompliziert, dass sie mit Max zusammenarbeiten soll, einem zur Selbstüberschätzung neigenden Großkotz, der von Amor versprochen bekommt, er könne alle Frauen der Welt haben, wenn er mitmacht. Weil Kim und Max tatsächlich ein prima Team sind, kitten die beiden künftig allerlei gescheiterte Beziehungen und bringen Leute zusammen, die sich alleine nie gefunden hätten.

Im Vergleich: "Zwei Engel für Amor" ist genauso flott erzählt und ebenso humorvoll wie der Vorgänger. Eigentlich geht es ja auch wieder darum, sich selbst und die passende Liebe zu finden. Nur bei der Angelegenheit mit dem Engel hat man den Eindruck, Autor David Safier, der auch schon "Berlin, Berlin" geschrieben hat, hätte ein bisschen zu heftig an der Shisha gezogen.

2. Die Charaktere

"Berlin, Berlin":

Hauptdarstellerin Lolle war ein Wirbelwind, der seinen Emotionen freien Lauf ließ und immer den eigenen Dickkopf durchsetzte, aber weniger selbstsicher war als sie auf Außenstehende wirkte.

"Zwei Engel für Amor":

Max, von Beruf TV-Kommissar, ist ein hoffnungsloser Angeber, der glaubt, er sei unwiderstehlich. Kim belehrt ihn schnell eines Besseren, aber das ist Max schnuppe, so lange er sich weiterhin seiner Illusion hingeben kann. Einfühlsamkeit ist nicht seine Stärke. Aber er hat einige lichte Momente, in denen er tatsächlich zu verstehen scheint, dass andere Menschen auch Gefühle haben. Kim hingegen ist sensibel, weiß mit anderen umzugehen und kann sehr gut nachfühlen, wie es ist, verletzt zu werden. Sie selbst ist völlig am Boden zerstört, weil sie glaubt, die Liebe ihres Lebens verloren zu haben und entdeckt erst mit der Zeit, dass es auch ganz gut ohne ihren Ex geht.

Im Vergleich:

Kim ist ruhiger als Lolle und neigt weniger zu emotionalen Ausbrüchen. Eigentlich würde sie gut als ältere Schwester durchgehen. Max hat ein bisschen was von Hart, dem verpeilten Nachbarn aus "Berlin, Berlin". Und statt einer sympathisch-schnodderigen Berlinerin als WG-Mitbewohnerin wie bei Lolle hat Kim eine (etwas ältere) sympathisch-schnodderige Berlinerin zur Schwester.

3. Die Schauspieler

"Berlin, Berlin": Ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, spielte Felicitas Woll ihre Figur über Jahre hinweg mit nur drei Gesichtsausdrücken: dem traurig-verletzbaren, dem himmelhochjauchzenden und dem, der ein fürchterliches Donnerwetter ankündigt.

"Zwei Engel für Amor"

Man weiß nicht so genau, ob Kai Lentrodt alias Max sich irgendwann mal beschweren wird, dass er immer dieselben Rollen spielen muss: Nämlich den naiven Nixblicker, der die Frauen nicht verstehen kann, einem aber trotzdem ans Herz wächst, wenn man ihm seine Übertreibungen verzeiht. Das war in "Berlin, Berlin" schon mal der Fall, als Lentrodt den wahnsinnigen Freund der Ex-Frau von Lolle-Cousin Sven gab, und ganz ähnlich in "Liebesleben", einer unterschätzten Sat.1-Serie, die der Sender im vergangenen Jahr wegen vermeintlich schlechter Quoten unschön abkürzte. Immerhin: Diese Art Rolle beherrscht Lentrodt perfekt. Und stellt Theresa Scholze als brave Kim damit ein bisschen in den Schatten. Macht nichts: Kim ist eindeutig die stärkere Identifikationsfigur, und Scholze spielt sie so nachvollziehbar, dass man sie sofort zur besten Freundin haben wollte.

Im Vergleich:

Wer die Schauspieler von "Berlin, Berlin" mochte, wird so manche Charaktere unter neuem Namen auch bei "Zwei Engel für Amor" entdecken.

4. Besonderheiten

"Berlin, Berlin":

Besondere Momente entlud Lolle über Gedankenspiele, in denen sie selbst als Comicfigur auftrat - und unfreundliche Fremde etwa mit einem großen Holzhammer platt schlug.

"Zwei Engel für Amor":

Kim versinkt öfter mal in Rückblicken und glaubt dann, in ihrer Kindheit Situationen zu entdecken, die denen aus ihrem jetzigen Leben ganz ähnlich sind. Das mag recht plausibel sein, wenn einem in der ersten Klasse schon mal der Freund weggelaufen ist, aber wer öfter von einem Marmorengel als Hilfskraft eingespannt wird, sollte vielleicht lieber mal den Psychiater aufsuchen.

Im Vergleich:

Bei den Engeln fehlt es eindeutig an Holzhammerszenen, dafür sind die Rückblicke, in denen Kim als zopftragende Grundschülerin auftritt, herzzerreißend schön auf alt getrimmt.

Fazit

Man muss nicht wissen, dass "Zwei Engel für Amor" ursprünglich mal "Liebe, Liebe" heißen sollte, um die Parallelen zu "Berlin, Berlin" zu entdecken. Das kann von Vorteil sein, wenn man auf Lolle-Entzug ist, und ein bisschen enttäuschend für alle, die etwas völlig Neues erwartet haben. Macht ja nichts: Eine schönere Vorabendunterhaltung wird es im deutschen Fernsehen in den nächsten Wochen wohl kaum zu sehen geben.

"Zwei Engel für Amor", dienstags bis freitags um 18.50 Uhr im Ersten.

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