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Talk bei Markus Lanz Ex-AfD-Politiker Jörn Kruse erklärt seinen Parteiaustritt: "Das Ende der Fahnenstange erreicht"

Jörn Kruse bei einer Pressekonferenz der AfD zu den Ergebnissen bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg
Jörn Kruse bei einer Pressekonferenz der AfD in Hamburg. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2015.
© Ulrich Perrey / DPA
Der ehemalige Hamburger AfD-Fraktionsvorsitzende Jörn Kruse sprach bei Markus Lanz über die Gründe seines Parteiaustritts und distanzierte sich von rechtspopulistischen Tendenzen innerhalb der Partei. Eine Aussage ließ ihm Lanz jedoch nicht durchgehen. 

Jörn Kruse ist pensionierter Wirtschaftswissenschaftler und blickt auf eine beeindruckende Karriere in der AfD zurück. Der 70-Jährige ist Gründungsmitglied der Partei, war Fraktionschef in Hamburg. In der vergangenen Woche verkündete er nun seinen Austritt - und sorgte damit deutschlandweit für Schlagzeilen. Bei Markus Lanz sprach er über die Anfänge der Partei und die Gründe, der AfD nun den Rücken zu kehren. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse des Gesprächs:

Die AfD damals und heute

Kruse ist Gründungsmitglied der AfD und seit 2013 in der Partei. Zu dem Zeitpunkt der Parteigründung sei es ihm um "Protest gegen die Eurorettungsschirme" gegangen, erklärte er bei Lanz. "Auch gegen mangelnde Demokratie auf europäischer Ebene sind wir damals auf die Straße gegangen." Wirtschaftsprofessor Kruse fühlte sich mit dem Ökonom Bernd Lucke an der Seite sehr wohl. Die Partei sei eine "sehr gute Umgebung" gewesen. "Da war ich völlig im Reinen mit mir." 

Essener Parteitag als Zäsur

Für erste Irritationen habe dann Frauke Petry gesorgt. Laut Kruse habe sie "aus eigenem Ehrgeiz" damit begonnen, die "Truppen aus dem Osten zu mobilisieren". Busseweise seien diese dann zum Parteitag in Essen Anfang Juli 2015 angereist. Dort sei es dann zu einem "Tabubruch" gekommen, der Rechtsruck begann. "Ich habe zwei Tage lang gelitten", so Kruse. Auf der Fahrt zurück habe er darüber nachgedacht, am nächsten Morgen seinen Austrittsbrief einzureichen.

Warum er es nicht gemacht habe, will Lanz wissen. Lucke habe schließlich auch Konsequenzen gezogen. Kruse führt persönliche Gründe an: Er sei gerade erst in die Hamburger Bürgerschaft gewählt worden. "Eine faszinierende Erfahrung." Er habe eine Menge interessanter Leute kennengelernt, "gut-bürgerlich" betont Kruse. Die Fraktion in Hamburg sei "in Ordnung" gewesen.

Mit Björn Höcke dagegen habe er "schon immer ein Problem" gehabt, betont er. Von Anfang an habe er gesagt, dass "solche Leute" aus der Partei raus müssen, "wenn es nicht schiefgehen soll".

Die Gründe für den Partei-Austritt

Lanz hakt mehrfach nach, warum sich Kruse dann mit dem Austritt so lange Zeit gelassen habe. Er sei "gewissermaßen eine Gallionsfigur für den liberalen Flügel der AfD" gewesen, rechtfertigt sich der Wirtschaftsprofessor. Bis zuletzt habe er Hoffnung gehabt. Aber ab Chemnitz "war einfach das Ende der Fahnenstange erreicht".

Zwei konkrete Gründe für seinen Austritt führt er an:

- Er kritisiert, dass drei AfD-Landesvorsitzende mit Rechtsradikalen in Chemnitz "gemeinsame Sache gemacht haben". "Die waren nicht zufällig in einer Demo zusammen. Die haben es bewusst geplant, ganz bewusst den Schulterschluss gemacht mit Pro-Chemnitz, mit Pegida und so weiter."

- Der ausbleibende Protest der Bundesspitze: "Die Bundesspitze hat sich dagegen nicht zur Wehr gesetzt. Sie hätten normalerweise sehr energisch sagen müssen: Leute, was ihr da gemacht habt, geht gar nicht. Als die Bundesspitze das nicht gemacht hat – und da meine ich ganz konkret den Bundesvorsitzenden Meuthen und den Bundesvorsitzenden Gauland – da war für mich das Ende. Da musste ich gehen."

Die unglaubwürdigste Argumentation

Ob er sich nicht oft gefragt habe, wo er da reingeraten sei, will Lanz wissen. Kruse bejaht, betont aber, dass bei der Hamburger Fraktion stets alles "bestens" gewesen sei. Die Geschehnisse im Osten dagegen seien eine "völlig andere Welt. Das ist eine AfD, wie ich sie nicht kenne".

Das könne er ihm nicht abnehmen, erklärt Lanz. "Sie unterscheiden jetzt fein säuberlich zwischen einer Hamburger West-AfD und einer Ost-AfD. (...) So ahnungslos können Sie doch nicht gewesen sein." Es ist ein starker Moment der Sendung, die richtige Nachfrage zur richtigen Zeit.

Kruse gibt zu, von der Partei vielleicht ein "geschöntes Bild" gehabt zu haben. Er habe nach dem Parteitag in Essen alle Parteifunktionen niedergelegt, war nicht mehr aktiv in viele Prozesse eingebunden. Nun sei er froh, nicht mehr gemeinsam mit Björn Höcke in einer Partei zu sein.

Die Sendung von gestern Abend können Sie in der ZDF-Mediathek noch einmal nachsehen.

Talk bei Markus Lanz: Ex-AfD-Politiker Jörn Kruse erklärt seinen Parteiaustritt: "Das Ende der Fahnenstange erreicht"
ikr

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