Bavaria Studios Wetten, dass... gestreikt wird?


Stellen Sie sich vor, die "Wetten, dass...?"-Kulisse bestünde nur aus der Wettcouch und die aufwändigste Studiodekoration wäre Thomas Gottschalks Anzug. Sollten sich die Bavaria Studios und die Gewerkschaft ver.di in ihrem Tarifstreit nicht einigen, könnte dies bei der nächsten Sendung Wirklichkeit werden.
Von Carolin Neumann

In den Bavaria Filmstudios in Bayern drohen die ersten Streiks seit 19 Jahren. Seit acht Monaten verhandeln die Gewerkschaft ver.di und die Bavaria Film- und Fernsehstudios GmbH (kurz: Bavaria Studios), eine Tochtergesellschaft der Produktionsfirma Bavaria Film. Grund ist, dass bereits Mitarbeiter gekündigt wurden, darunter Familienväter und Personen über 50. Vorrangig im Bereich Bühnenbau sollen weitere Mitarbeiter entlassen werden. Sollte bei der nächsten Tarifrunde heute am frühen Nachmittag keine Einigung erzielt werden, dann kündigt ver.di Bayern "zeitnah" Warn- und Solidaritätsstreiks an. Diese würden auch die nächste "Wetten, dass…?"-Ausgabe in Nürnberg Anfang Oktober gefährden, die von den Bavaria-Dekobauern ausgestattet wird.

Sechs Rationalisierungs-bedingte Kündigungen hat es in diesem Jahr schon gegeben. Der Gewerkschaft ver.di liegt ein internes Planungspapier der Bavaria Studios vor, wonach die Belegschaft bis Ende des Jahres um ein Drittel verkleinert werden soll - obwohl es dem Unternehmen laut Jörg Reichel von ver.di Bayern finanziell gut geht. In den Verhandlungen geht es in erster Linie darum, drei anstehende Kündigungen im Bereich Dekobau zu verhindern. Die Gewerkschaft wolle darüber hinaus eine Arbeitssicherung für alle Mitarbeiter bis Ende 2009 erreichen, sagt Reichel.

Aus diesem Grund hat ver.di bereits im April ein konkretes Angebot vorgelegt, wonach die Bavaria-Mitarbeiter längere Arbeitszeiten und Zuschlagskürzungen in Kauf nehmen, um ihre Jobs zu retten. 70.000 Euro in diesem Jahr und 150.000 Euro in 2009 könnten so eingespart werden und das Defizit von rund 162.000 Euro ausgleichen, das eine Unternehmensberatung den Bavaria Studios bescheinigt. "Doch die Bavaria zweifelt an, dass unsere Zahlen stimmen", sagt Reichel.

Zahlen-Verwirrung in Bayern

Bei der Bavaria Studios GmbH hört sich das ganz anders an. Im Gespräch mit stern.de bestätigte Michael Klee, einer der Geschäftsführer der Bavaria Studios, dass es ein Personalplanungspapier gebe, das "Reduzierungen" vorsieht. Allerdings handle es sich hierbei nicht um konkrete Schritte und es sei an keiner Stelle von betriebsbedingten Kündigungen die Rede. Sowohl der Betriebsrat als auch ver.di sprechen von insgesamt 28 Entlassungen, um die es in dem Plan geht. Diese Zahl streitet Michael Klee genauso ab wie die Summen im Einigungsvorschlag der Gewerkschaft. "Diese Zahlen sind für uns nicht nachvollziehbar."

Im letzten Dezember hatten sich die Verhandlungsparteien das erste Mal zusammengesetzt und noch immer gibt es kein Ergebnis. Die ungewöhnlich langen Verhandlungen erklärt Jörg Reichel mit der "Doppelstrategie" der Bavaria Studios, die nicht gesprächsbereit seien und in der Öffentlichkeit so täten, "als kannten sie die Zahlen nicht". "Wenn die Geschäftsführung glaubt, den Bereich der Bühnenbauer mit billigen Leiharbeitern ausstatten zu können, dann entziehen sie sich ihrer sozialen Verantwortung", sagt Reichel. Lediglich bei einem Teil der bisherigen Entlassungen sei eine sozialverträgliche Lösung gefunden worden, sagt Betriebsratsmitglied Horst Buchmann. Einige gekündigte Mitarbeiter haben beim Arbeitsgericht geklagt und sind bis zu einer Entscheidung vorerst weiter beschäftigt.

Ende in Sicht?

Ein Streik könnte die Bavaria Studios - mit knapp 80 Festangestellten ein kleines Unternehmen - hart treffen. Nicht nur die Dekobauer, sondern auch Mitarbeiter aus laufenden Produktionen würden sich am Streik beteiligen, sagt Jörg Reichel. "Wetten, dass…?" ist wohl das medienwirksamste Streikziel, betroffen wären aber auch weitere ZDF-Sendungen wie "Leute heute", "Mona Lisa" und "Aktenzeichen XY ungelöst". Der Sender ist nicht nur einer der Hauptkunden der Bavaria Studios, sondern auch zu einem Drittel an dem Unternehmen beteiligt und deshalb für die Rationalisierungsentscheidungen mitverantwortlich. Im Gegensatz zu den anderen Eignern, Bavaria Film und der LfA Förderbank Bayern, befindet sich das ZDF jedoch laut Reichel zumindest in Gesprächen mit der Gewerkschaft.

Die seit Monaten stockenden Verhandlungen könnten ein Ende finden, denn zum ersten Mal wird die Geschäftsführung heute Nachmittag mit einem Angebot in die Verhandlungsrunde kommen. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir zu einer Einigung kommen", sagte Michael Klee. Falls es dennoch zu Streiks komme, werde auch für den "Wetten, dass…?"-Dekobau eine Lösung gefunden - und zwar ohne Leiharbeiter.

Auch das ZDF, das die Wettshow selbst produziert, sieht den Tarifverhandlungen gelassen entgegen: "'Wetten, dass…?' findet auf jeden Fall statt und zwar mit angemessener Bühnendekoration", sagte ZDF-Redakteur Peter Gruhne. Wollen wir wetten?


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