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CSI: "Wer's glaubt, ist selig ..."

Wie realistisch sind die hoch erfolgreichen Ermittler der "CSI" - im Vergleich zum echten Kriminalistenleben? Der international renommierte Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke über sauertöpfische Spurenkundler, vernichtete Beweise und Polyesterhosen.

Kein Wunder, dass manche Praktikantinnen schimpfen und mit dem Fuß stampfen: Die Serie "CSI" lockt sie wie Hannibal Lecters Katzengold in einen Beruf, den sie gar nicht gemeint haben. Ich habe für den stern mit langen Zähnen zwei aktuelle "CSI"-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamten, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht. Denn wenn wir wie in der Fernsehserie verwaisten Kindern Schwüre schwüren, Tätern hämisch die Todesstrafe unter die Nase rieben oder mit schief liegendem Köpfchen und stechendem Blick "Den Mund aufmachen, na los!" und "Das muss sofort untersucht werden!" bellen würden, könnten wir uns nicht mehr auf das konzentrieren, was ein Kriminaltechniker objektiv auswertet: Blut, Fasern, Haare, Sperma, Kot, Urin und Insekten. Doch niemals Täter - das machen Kollegen aus der anderen Abteilung ...

Durch die dramaturgisch gewollte Zusammenziehung der Jobs kommt es wohl auch, dass die Damen und Herren in "CSI" stets in schickem Zwirn auftreten. Unsereins bevorzugt Polyesterhosen und -hemden, weil die häufiges Waschen besser vertragen als Kaschmir und italienisches Leder. Sind die Figuren doch einmal im Labor, so scheint zumindest eine von ihnen ein fragwürdiges Verhältnis zu Leichen zu haben. In einer der Folgen streichelt sie einer Toten durchs Haar (Spurenvernichtung!) und murmelt: "Kein Leben sollte mit achtzehn enden. Wie tragisch!" Das brachte mich zum Schmunzeln: Wie viele Leben sollten wohl mit 35, 48 und 55 enden, ohne dass es tragisch wäre?

Vermutlich wollen die Produzenten einfach ein wenig Emotion in der Serie haben. Doch dabei greifen sie in die Mottenkiste. Weder sind Rechtsmediziner nekrophil, noch können Polizisten alles gleichzeitig und gleich gut: Projektile aus dem Augenwinkel zu einer (noch gar nicht vorhandenen) Glock-Pistole ordnen, Verbrecher überlisten und die Kollegen dabei stets neunmalklug von der Seite anlabern.

Wenn echte Spurenkundler auch nur fünf Minuten so geleckt, sauertöpfisch und wichtigtuerisch durch den Tatort oder das Büro der Ermittler tapern würden, dann brächen die KollegInnen wohl spätestens dann in Lachkrämpfe aus, wenn sich die Tür hinter ihnen schlösse. Vermutlich aber schon vorher. Denn wer das Schicksal der Spurenträger - hier: der Leichen - mit dem Lebensweg der nun toten Menschen verbindet und sich dabei so dicketut wie die "CSI"-Figuren, der hat seinen Beruf verfehlt und sollte zunächst einmal Bescheidenheit lernen und dann Priester, Journalist oder Sozialarbeiter werden.

Schön an der Serie fand ich, dass die Requisiteure mal eben einem Flugzeug die Rotoren verdellen dürfen, die Kamera hohe Gebäude nicht scheut und ab und zu auch mal der Mann für Digitaleffekte randarf und eine Tsunami-Welle ins Bild zaubert. Die zahlreichen und blitzschnellen Wendungen der Fälle passen dazu ganz gut. Was bei uns wohl fünf- bis zehntausendmal mehr Zeit in Anspruch nimmt, wird im Fernsehen eben mit Fingerschnippen gelöst. Schön auch, dass sich die Spurenkundler von "CSI" vor der tödlichen Welle einfach im Tresor einer Bank verschanzen und Minuten später in blütenreiner Wäsche weiterermitteln. Wer's glaubt, ist selig.

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