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Momente der TV-Geschichte Dann zieht er die Axt – und der WDR bricht entsetzt die Talkshow ab

Nikel Pallat mit dem Beil
"Macht kaputt, was euch kaputt macht", heißt einer der bekanntesten Titel von Ton Steine Scherben. Manager Nikel Pallat nimmt das 1971 wörtlich.
© WDR
Die WDR-Talkshow "Ende offen" läuft 1971 völlig aus dem Ruder. Als Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat mit Worten nicht mehr weiter kommt, holt er eine Axt hervor - und schlägt auf den Tisch ein.

"Ende offen" heißt die Talkshow, die der WDR Anfang der 1970er Jahre in seinem dritten Programm etabliert. Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Die Gäste durften sich so viel Zeit nehmen wie sie wollten, die Runde war erst zu Ende, wenn alles ausdiskutiert war. Doch in der Live-Sendung vom 3. Dezember 1971 hat ein Teilnehmer genug der Worte – und lässt Taten sprechen.

Ohne Unterlass redet Nikel Pallat, Manager der Protest-Rockband Ton Steine Scherben, an diesem Freitagabend auf sein Gegenüber ein. Der Krautrock-Produzent Rolf-Ulrich Kaiser muss als Feindbild herhalten. Es geht um die Frage, wie kommerziell alternative deutsche Popmusik sein darf. Da Kaiser gerade einen Vertrag mit einem Musikverleger abgeschlossen hat, wirft  Pallat ihm Verrat vor. Er habe sich mit der "Kapitalistensau" eingelassen und "voll auf die Seite des Systems gestellt". Dass Kaiser irgendwann gar nicht mehr zuhört, macht Pallat nur noch rasender.

Nikel Pallat zieht die Axt aus dem Jackett

Nach zwei Stunden, zwölf Minuten und unzähligen Zigaretten passiert es. "Fernsehen ist ein Unterdrückungsinstrument in dieser Massengesellschaft", sagt Pallat, "und deswegen mach ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt, ja." Er greift mit der Hand in sein Jackett und zieht ein Handbeil hervor, hämmert damit mit Wucht auf den vor ihm stehenden Holztisch ein. Gläser klirren, Aschenbecher fallen um – nur der Tisch will nicht kaputt gehen. Pallat steht auf, drischt noch kräftiger drauf los. Die anderen Talkshowgäste gehen in Deckung. Nachdem er einmal um den Tisch herumgegangen ist, sagt der Manager: "So, jetzt können wir weiter diskutieren."

Tatsächlich setzen sich die ersten Gäste zurück an den Tisch – so als wäre nichts gewesen. Doch der WDR zieht entsetzt den Stecker. "Morgen schreiben die Zeitungen, dass es ein gutes Happening war", ist Kaiser im Hintergrund noch zu hören. Dann wird das Bild schwarz. Pallats Wutausbruch war geplant. Warum sonst hätte er eine Axt dabei haben sollen.

Die Diskussion setzt Pallat anschließend beim Bier fort. Ein TV-Zuschauer meldet sich beim WDR und übernimmt freiwillig die Reparaturkosten für den Tisch: 95 D-Mark. In weitere Talkrunden wird Pallat nicht mehr eingeladen.

mai

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