HOME

Das Fernsehgericht: "Am Himmel der Tag": Jung, ambitioniert, langatmig

Während der WM zeigt die ARD die Reihe "Filmdebüt im Ersten". Los geht's mit "Am Himmel der Tag". Aylin Tezel spielt eine junge Frau, die ungewollt schwanger wird und darin ihren Lebenssinn sieht.

Von Oliver Creutz

Die Weltmeisterschaft beginnt, und die öffentlich-rechtlichen Sender treten auf die Bremse. Von Juni bis August zeigen sie keine frischen Filme, der "Tatort" geht in die Sommerpause, und die wenigen Erstausstrahlungen im Programm sind oft Fundstücke aus dem Archiv: Sie wurden bezahlt, für nicht so gut befunden und werden ausgestrahlt, wo sie nicht weh tun können. Eigentlich müssten wir für die Sommermonate einen verringerten Rundfunkbeitrag zahlen.

Doch halt: Ein paar Lichtungen finden sich im Programm, auf denen junge Filmemacher sich nach der Sonne strecken dürfen. Die ARD etwa zeigt sechs Wochen lang die Reihe "Filmdebüt im Ersten" mit insgesamt zwölf Werken. Die Filme waren teilweise schon im Kino zu sehen, andere hatten ihre Premiere in den dritten Programmen. Wer wissen will, was die junge Generation erzählen will und was sie drauf hat, sollte hinschauen. Die Reihe beginnt mit "Am Himmel der Tag". Ein verquaster Titel. Was soll er bedeuten? Die Regisseurin Pola Beck sagt, es gehe um die "Sinnsuche meiner Generation". Wo? Am Himmel? Und was findet die Generation dort? Den Tag?

Leben im Ausprobiermodus

Los geht es aber in der Nacht. Lara küsst Nora. Aus Spaß, einfach so. Große Bilder von Lippen, Zungen, Augen. Der Film geht nah ran an zwei Frauen, die ihr Leben im Ausprobiermodus führen. Kurz darauf küsst Lara einen Barkeeper, sie ist auf Pille, das Küssen wird zum Rausch, der Rausch führt zu einer schnellen Nummer auf dem Klo, der Sex führt kurze Zeit später zu Bauchschmerzen. Lara ist schwanger. Endlich ein Anker in einem ziellos geführten Leben. Doch mit der Vorfreude auf das Glück steigert sich Laras Einsamkeit. Sie ist eine werdende Mutter ohne Partner. Ihre Freundin Nora hat nun einen Freund und eine Karriere vor Augen. Die Eltern streiten. Lara bleibt nur das Drehen um sich selbst.

Aylin Tezel, die junge Ermittlerin aus dem Dortmunder "Tatort", spielt die Lara als eine Verlorene. "Verdammt, jetzt lieb mich doch mal einer", scheint sie zu rufen. Es ist ein Leben der Unverbindlichkeit, des hoffentlich folgenloses Spaßes, der zerrissenen Bindungen. Ein Mensch ist dem anderen nur wertvoll, wenn er keine Probleme bereitet. Wird es ungemütlich, sucht man schnell den Ausgang. Wir sehen das Berlin der 10er Jahre, eine Stadt, die voll ist von tanzenden Gleichgültigen. Leider belässt es die Regisseurin bei einem behäbigen Tempo, sie variiert es kaum und erzählt vorzugsweise im Modus der Gefühligkeit. Einmal sitzt Lara beim Sozialdienst. Die Beraterin erscheint sachlich-grob, Lara fragt, ob sie selbst Kinder habe. - Nein, sagt die Frau. - Warum nicht? - Weil es sich nie ergeben habe, antwortet die Beraterin und bekommt unverhofft weiche Züge. Die Botschaft: Wenn wir nur miteinander redeten, dann könnten wir der Gesellschaft ihre Kälte austreiben. Ach je.

Im Möbelhaus, in dem Lara ein Babybett bestellt, entdeckt eine Verkäuferin einen Blutfleck auf Laras Kleid. Im sechsten Monat der Schwangerschaft hat das Herz des Embryos aufgehört zu schlagen. Lara bringt im Krankenhaus einen toten Jugen zur Welt. Den stärksten Moment hat "Am Himmel der Tag", als Lara das leblose Wesen in den Händen hält, so stolz, so untröstlich. Für ein paar Minuten erreicht der Film die Nähe, die er in den Eröffnungsbildern versprach.

Urteil: Ein bisschen Selbstmitleid, ein wenig Nabelschau - aufbereitet in schönen Bildern. Für einen bewegenden Film reicht das, trotz toller Hauptdarstellerin, nicht.

"Am Himmel der Tag", Donnerstag, 12.6. um 22.45 Uhr im Ersten

Folgen Sie dem Autor auf Twitter

Themen in diesem Artikel