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Wunsch-"Tatort" Die Pottneurotiker - die ARD wiederholt Peter Fabers siebten Fall

Große Selbstbespiegelung: Plötzlich ist Faber (Jörg Hartmann, Mitte) der Normale.
Große Selbstbespiegelung: Plötzlich ist Faber (Jörg Hartmann, Mitte) der Normale.
© WDR/Thomas Kost
Die ARD wiederholt diesen Fall als Wunsch-"Tatort": Das Dortmunder Team wird in die Nordstadt gerufen, ein Mädchen hat auf dem Spielplatz Kokain geschluckt. Eigentlich geht es um Flüchtlinge, doch der Film kreist wieder mal um die Psyche der Kommissare.

Das hat man davon, wenn man sich ein Quartett aus neurotischen Polizisten heranzüchtet: Irgendwann wird es zu doll. Faber (Jörg Hartmann) als nihilistischer Depri-Kommissar war ja schon immer herausfordernd. Bislang im besten Sinne. Und auch seine schrittweise Wandlung oder Weiterentwicklung haben wir noch gern ertragen. Plötzlich ist vom alten Faber aber nur noch die Hülle, der schlunzige Parka, als Trademark übrig, selbst seine Haare kringeln sich neuerdings in fröhlichen Locken und kleben nicht mehr wirr am Kopf. 

Na gut, seine schroffe Ermittlungstaktik ist geblieben. Aber wie er der Kollegin Bönisch (Anna Schudt) in jovialer Geste seine Antidepressiva anbietet, das ist schon ein bisschen befremdlich. Die wurde von Mann und Kindern ausquartiert (fiese Schlüsseldienstnummer) und wohnt jetzt im Hotel. Sitzt dort Abend für Abend in der Bar im Vegas-Verschnitt und tanzt, nein, schwoft von blauen Lämpchen illuminiert den Engtanz der einsamen Hotelgäste. Während Nora Dalay (Aylin Tezel) einen ältlichen Juristen mit Sportwagen datet und Kossik (Stefan Konarske) entweder im Auto oder mit wechselnden Frauen in seinem vermüllten Appartement schläft. Und seiner Exfreundin hinterherspioniert. Das klingt im bitteren Sinne amüsant. Ist es auch stellenweise, aber nicht in der verabreichten Dosis.

Ermittelt wird diesmal in der Nordstadt, dem Milieu von Drogenhändlern, und von besorgten Bürgern. Ein kleines Mädchen gräbt auf dem Spielplatz in der Nordstadt ein Bonbontütchen aus. Doch die Bonbons sind in Wahrheit Kokain-Kügelchen. Das Mädchen probiert, spuckt sie wieder aus – und stirbt dennoch am Cocktail aus Koks und Streckungsmitteln. Zwei junge Dealer, Lampedusa-Flüchtlinge aus dem Senegal, haben das Kokain auf dem Spielplatz vergraben, die Schuldigen sind also schnell ausgemacht. Doch bevor die Kommissare Jamal Gomis und seine Schwester Niara finden können, wird Niara erschlagen aufgefunden – ausgerechnet vom Vater des toten Kindes. Selbstjustiz eines trauernden Vaters? Vertuschungstaktik des Drogenrings? Oder ein Mord geleitet vom Ausländerhass?

Ein politisch-korrektes Drehbuch

Es geht um die große Frage von Täter- und Opfertum, von Misstrauen und Integration. So düster wie die Stimmung in der Nordstadt, so düster ist auch das gesellschaftliche Bild, das dieser "Tatort" von den Bewohnern des Viertels zeichnet: Die Ängste der Bürger, die Flüchtlinge könnten eine Bedrohung sein, überwiegt. Doch die Kommissare arbeiten als Gegengewicht dagegen an, stellen die richtigen Fragen an den richtigen Stellen. Die Message ist deutlich, das Drehbuch so weit politisch korrekt. Es erinnert an die Problematik aus dem Görlitzer Park in Berlin, wo es auch häufig Flüchtlinge sind, die, oftmals aus Hilflosigkeit beginnen, Drogen zu verkaufen.

Der Impuls, sich der Flüchtlingsthematik auch im "Tatort" zu nähern, ist zweifelsohne richtig. Und doch wirkt die Umsetzung stellenweise mutlos. Als ob Fiktion die Komplexität des Themas nicht verträgt. Dazu werden die harten Schnitte in CSI-Manier mit einem "swusch" untermalt. Bisschen affektiert.

Der Fall und auch die Auflösung überzeugen nicht so recht. Und so sehr man diese Dortmunder Kommissare schätzt, deren Charaktere von Folge zu Folge zurechtgefeilt wurden: Manchmal ist weniger einfach mehr. Und seien wir ehrlich: Parkbank und Pilsken sind nichts für Faber.

Die "Tatort"-Folge "Kollaps" wurde erstmals am 18. Oktober 2015 ausgestrahlt. Die ARD wiederholt den Film als Wunsch-"Tatort" am Sonntag, 9. August 2020 um 20.15 Uhr.


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