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TV-Kritik

"Maybrit Illner" zum Fall Dieter Wedel: Wir wissen doch was richtig und was falsch ist – wirklich?

Was ist Belästigung, was Verführung? War es richtig, dass die "Zeit" über die Vorwürfe gegen Dieter Wedel berichtete? Wie weit geht Sexismus in Deutschland? Um diese Fragen ging es bei "Maybrit Illner" im ZDF. Einigkeit bei der Beantwortung gab es nicht.

Von Andrea Zschocher

Der Fall Dieter Wedel: Die Zeit nach der Veröffentlichung der Vorwürfe sei "verdammt schwer" gewesen, sagte Patricia Thielemann

Der Fall Dieter Wedel: Die Zeit nach der Veröffentlichung der Vorwürfe sei "verdammt schwer" gewesen, sagte Patricia Thielemann bei "Maybrit Illner".

"Jeder kennt doch die Linie." Das sagte Patricia Thielemann, eine ehemalige Schauspielerin, die in der "Zeit" den Regisseur Dieter Wedel beschuldigte, sie vor Jahren sexuell belästigt zu haben. Sie erklärte bei "Maybrit Illner", dass sie erst jetzt die Kraft gefunden habe, über das Erlebnis zu sprechen. "Es geht mir nicht um Vergeltung, sondern um die Unterstützung für die Frauen", sagte Thielemann. Sie könne darüber reden und sei stark genug, den medialen Shitstorm auszuhalten, der seit dem Bekanntwerden auch ihrer Vorwürfe auf sie einprassle. Wie sollen sich Frauen, die noch in dem Beruf arbeiten, zu Wort melden und Stellung beziehen, fragte sie, wenn vor ihr als ehemaliger Schauspielerin kein Halt gemacht werde?

Ganz grundsätzlich, da waren sich "Zeit"-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo und Filmproduzent Benjamin Benedict einig, sei es aber auch vollkommen falsch beurteilen zu wollen, dass sich die Frauen im mutmaßlichen Fall Wedel erst jetzt zu Wort melden. Diese Verurteilung sei "hochproblematisch", so Benedict. Di Lorenzo erklärte, dass eine der Frauen nach einem Vorfall mit Wedel darüber gesprochen hätte und schließlich Post von Wedels Anwalt bekommen habe: Die Verletzungen hätte sie sich nicht bei einem Übergriff Wedels zugezogen, sondern weil dieser ihre Avancen abwehren musste. "Ich hätte mich damals nicht getraut, es hätte mir sowieso keiner geglaubt", erklärte Patricia Thielemann.

Fall Dieter Wedel: Leser werden zu Richtern

Wieso die "Zeit" aber überhaupt über die Vorwürfe gegen Wedel berichtete, wollte Illner vom Chefredakteur wissen, immerhin gelte in Deutschland die Unschuldsvermutung. Nach Monaten der Recherche hätten die Journalisten sieben Fälle dokumentieren können und die Zeuginnen erschienen dem Team glaubhaft, sagte di Lorenzo. Während die Initiatorin des Hashtags #Aufschrei Anne Wizorek von Wedels Schuld überzeugt ist, sieht Journalistin Svenja Flaßpöhler das anders: Ihr sei die mediale Berichterstattung auch deswegen unangenehm, weil es sie in die Rolle der Richterin dränge, die über Schuld oder Unschuld des Regisseurs urteilen müsse.

Für sie sei aber unter anderem die Frage viel relevanter, wie exemplarisch die Jahre zurückliegenden Fälle für die heutige Gesellschaft seien. Ihrer Meinung nach würden Frauen heute in eine "infantile Rolle" gedrängt, bei der sie sich nur durch die Öffentlichkeit Gehör verschaffen könnten, statt selbstbewusst "Nein" zu sagen. Frauen sollten sich ihrer Situation ermächtigen, statt nach stärkeren Gesetzen zu rufen. Und überhaupt habe sie zwar auch Situationen erlebt, in denen sie sich belästigt gefühlt have, aber vom Mann sei das sicher "als Verführung gedacht" gewesen.

Genau solche Aussagen sind es aber doch, die anderen Frauen einen Bärendienst erweisen. Selbstverständlich haben unterschiedliche Frauen unterschiedliche Grenzen, nur, wo genau die Grenzen zur sexuellen Belästigung sind, das sollte eigentlich klar sein. Bis auf Flaßpöhler waren sich da alle Gäste auch einig.

Verführung oder Belästigung?

An Aussagen wie dieser rieb sich insbesondere Wizorek, die vor allem darüber sprechen wollte, dass sexualisierte Gewalt nicht erst bei Vergewaltigungen beginne. Sie sieht auch die Gefahr, dass die Diskussion um die #MeToo-Debatte ein Verhaften in Einzelfällen bleibt. Statt über das gesamte Ausmaß an sexualisierter Gewalt im Alltag zu sprechen, würden immer nur die Spitzen publik. Für Wizorek ist es wichtig, dass das, was Frauen als sexualisierte Gewalt erleben, auch so benannt werden darf, statt, wie Flaßpöhler forderte, darauf zu beharren, dass sie sich ja wehren könnten.

Hier von fehlender Unterstützung unter Frauen zu sprechen, führt vielleicht ein bisschen weit, aber im Streitgespräch zeigte sich schon recht deutlich wie unterschiedlich Frauen sexualisierte Gewalt und Übergriffe eben beurteilen. Was für die eine ein harmloser Flirt scheint, ist für die andere ein Angriff. Es gilt also auch Frauen stark zu machen, sich zu wehren, wenn sie sich angegriffen fühlen.

Die Männer der Runde waren sich im Übrigen sehr einig: Die Linie, die aus einem harmlosen Flirt eine zumindest unangenehme Situation für Frauen macht, die ist klar. Die rote Linie, die niemals überschritten werden darf, ist immer auch dann relevant, wenn jemand seine Macht missbraucht, so wie Dieter Wedel es mutmaßlich getan hat.

Gestärkte Frauen sollten das Ziel sein

Bei den prominenten Fällen wie bei Wedel oder Weinstein sei vor allem das Problem, so Flaßpöhler, dass sie den Boulevard bedienen würden. Sie findet eine Diskussion über materiellen Sexismus in Punkten der Lohnungleichheit und den fehlenden Frauen in Führungspositionen wichtiger. Dabei warf sie Di Lorenzo vor, eben nicht darüber zu berichten, sondern das voyeuristische Interesse der Leser zu bedienen. "Man kann das eine tun und das andere nicht auslassen", entgegnete der "Zeit"-Chefredakteur klug.

Das wohl wichtigste Fazit zog das mutmaßliche Wedel-Opfer Thielemann. "Die Frauen sollen gestärkt werden", sie sollen wissen, "dass sie eine Stimme haben und sich wehren können." An diesem Empowerment müssen Männer und Frauen gemeinsam arbeiten, statt sich auf Nebenkriegsschauplätzen zu verlieren.

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