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Diskussion nach ARD-Film: Wie gefährlich ist Scientology wirklich?

Mehr als acht Millionen Zuschauer haben den ARD-Film über Scientology eingeschaltet. Stern.de sprach mit einem Experten des Verfassungsschutzes über die Gefahr, die von der Sekte ausgeht.

Herr Murck, wie viele Mitglieder hat Scientology in Deutschland?
In Deutschland gibt es derzeit rund 5.000 Scientologen. In den vergangenen Jahren haben wir einen leicht rückläufigen Trend der Mitgliederzahlen in Deutschland beobachtet.

Seit 1997 wird Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet. Welche Befürchtungen hatte man damals und was davon hat sich bewahrheitet?
Es gab deutliche Anhaltspunkte für den Verdacht, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebt, die nicht den Grundsätzen der freiheitlichen Demokratie und des Rechtsstaats entspricht, also als verfassungsfeindlich einzustufen ist. Außerdem befürchtete man, dass Scientology großen Einfluss auf andere gesellschaftliche Bereiche, insbesondere die Politik habe. Diese Anhaltspunkte sind immer noch vorhanden, auch die Rechtmäßigkeit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz wurde unter anderem durch ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster im Jahr 2008 bestätigt. Nicht bestätigt haben sich Befürchtungen über einen relevanten Einfluss der Scientology auf die deutsche Politik. Scientology hat allerdings mit einigen Tricks versucht, politische Kontakte zu schaffen.

Wie unterscheidet sich Scientology international von Scientology in Deutschland?
Scientology funktioniert überall gleich nach der "Technologie" des Gründers L. Ron Hubbard. Da Scientology jedoch stets um ihren Ruf besorgt ist und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird, agiert sie hier vergleichsweise zurückhaltend. Deswegen sind auch die Aktivitäten des "Office of Special Affairs" (OSA), dem internen Geheimdienst von Scientology, eher geringer geworden. Hierzulande gibt es auch kein "Rehabilitation Project Force" (RPF), das ist ein Art Straflager, bei dem die Mitglieder ideologisch indoktriniert werden.

Was ist das Gefährliche an Scientology?


Scientology strebt danach, die freiheitliche Demokratie längerfristig und mit Hilfe kontinuierlicher Expansion durch ein totalitäres scientologisches Systems zu ersetzen. Diese Gefahr ist allerdings eher abstrakt, weil die Sekte nicht über signifikanten Einfluss in unserer Gesellschaft verfügt. Aber die Gefahr für einzelne Menschen, die Mitglied werden, ist sehr konkret, denn es wird erheblicher psychischer Einfluss auf sie ausgeübt und sie werden finanziell ausgebeutet.

Wie ködert die Sekte ihre Mitglieder?


Potenzielle Mitglieder werden persönlich angesprochen, sowohl im Bekanntenkreis als auch bei öffentlichen Aktivitäten. Die Scientologen suchen bei Kandidaten nach einem Schwachpunkt, dem sogenannten "Ruin-Point", und versprechen, dass sie helfen können. 'Wir machen dich fähiger', lautet die Devise. Das greift vor allem bei Personen, die zum Zeitpunkt des Werbens psychisch-soziale Konflikte oder andere Probleme haben, sie bekommen Hilfsangebote und persönliche Zuwendung. Die Scientologen nennen das "Love Bombing" und setzen es taktisch ein, sodass sich bei einem neuen Mitglied zumindest anfangs ein wohliges Gefühl der Akzeptanz und Geborgenheit einstellt.

Welche Initiationsriten gibt es?


Am Beginn der Mitgliedschaft gibt es einen "Purification Rundown" mit Sauna, Vitaminen und Joggen. Das soll den Körper reinigen. Im weiteren Verlauf der Mitgliedschaft greift ein "Ethik-Programm". Wenn neue Mitglieder sich nicht linientreu verhalten, dürfen sie beispielsweise nicht an internen Aktivitäten der Gruppe teilnehmen. Damit übt man sozialen Druck aus. Ausstiegswillige werden typischerweise penetrant und über längere Zeit zum Bleiben bzw. zur Rückkehr aufgefordert. Dies kann ein regelrechtes Bedrängen sein. Straftaten wurden unseres Wissens in diesem Zusammenhang in Deutschland aber nicht verübt.

Anfang 2007 wurde in Berlin unter großem Protest ein pompöses neues Zentrum von Scientology eingeweiht. Hat das der Sekte neuen Auftrieb gegeben in Deutschland?


Es ist eine bekannte Taktik der Sekte, mit derartigen Einweihungen eine Expansion vorzugaukeln, die in Wirklichkeit so nicht existiert. Die Errichtung eines solchen Zentrums dient auch der Propaganda nach innen und festigt den Zusammenhalt. Allerdings wurde die Idee einer Expansion in alle gesellschaftlichen Bereiche, auch in die Politik, noch nicht aufgegeben und nach wie vor errichtet die Sekte ihre Niederlassungen in politischen Zentren, wie zuletzt in Brüssel, um dort Einfluss zu suchen. In Deutschland insgesamt hat diese Einrichtung in Berlin Scientology aber keinen bemerkenswerten Auftrieb verliehen. Es waren eher propagandistische Effekte damit verbunden. Es ist übrigens nicht die Deutschland-Zentrale. Die Scientology Kirche Deutschland e.V. hat ihren Vereinssitz in München.

Interview: Kathrin Buchner