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Christoph Schlingensief: "Das Heer der Fliegen"

Theatermacher Christoph Schlingensief hat sich die RTL-Serie für den stern angesehen. Sein Kommentar.

Der Dschungel, in dem es augenscheinlich passiert, liegt irgendwo in Australien. Der Dschungel, um den es eigentlich geht, ist Deutschland. Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit, das sollen im Folgenden Schlüsselbegriffe sein, die man in der Auseinandersetzung um den neuesten Fernsehcoup bislang fahrlässig missachtet oder gleich willentlich ignoriert hat. Glaubt man den zahlreich hinter ihren heimischen Hydrokulturen hervorgesprungenen Soziologen, Ethikern und Medienwissenschaftlern, dann ist es den Herrschaften im australischen Dickicht genau so ergangen.

Das neue RTL-Format sei unmenschlich, aburteilt eine Medienpsychologin. Die Teilnehmer gingen ein unvorhersehbares Risiko ein. Unter den ihr bekannten Bedingungen des Formats, Spielregeln genannt, träten schon nach kurzer Zeit posttraumatische Stresssymptome auf. Angstzustände, Schlafstörungen und chronische Depressionen seien die Folge.

Der nächste Wissenschaftler konstatiert, bei der Analyse der Fernsehlandschaft sei in Sachen Unterhaltung eine bedenkliche Toleranzentwicklung festzustellen. Es müsse die Frage gestellt werden, wohin das führen werde, wenn das Publikum schon im aktuellsten TV-Dschungel zum "Komplizen von Programmmachern mit perfiden Ideen" gemacht würde.

Abseits des unwägbaren Geländes naht Rettung erst im Februar. Dann nämlich, wenn die Sendung bereits beendet ist, wollen die Landesmedienanstalten entscheiden, ob die Sendung gegen die Menschenwürde verstoße und abgesetzt gehöre. Das finde ich sympathisch und angemessen deutsch. Wie schlichtweg unzeitgemäß dieser Kaffeekranz in klimatisierten Konferenzräumen verlaufen wird, lässt sich erahnen, wenn man die Einwände des saarländischen Anstaltsvorsitzenden über sich ergehen lässt: Das Dschungel-TV müsse verboten werden, da die maßlose Zurschaustellung von Prominenten, die der Zuschauer "vergöttere" (!), letzteren total überfordere; das sich daraus ergebende Mitleiden sei unzumutbar.

Bei der Ausführung der so genannten Mutproben stünde den Probanten sogar "Todesangst" im Gesicht, nimmt der Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts wahr. Er sieht sich an Foltermethoden erinnert. So könne man mit Menschen nicht umgehen. Dass die Beteiligten für den Fall, dass Prüfungen verweigert würden oder unerfüllt blieben, nichts zu essen bekämen, bezeichnet er als eindeutig "erpresserische Maßnahme", die im Fernsehen nichts verloren habe. Bei so viel Gutmenschentum aber hat man zweifellos nichts mehr ad absurdum geführt als sich selbst.

Die Frage stellt sich, welche Formate diese vermeintlichen "Experten" vor der Entdeckung des australischen Kontinents durch den Kölner Privatsender observiert haben. Scheinbar bemaß sich die Zumutbarkeit des alltäglichen Sender-Einerleis bislang ausschließlich an annehmbaren Studiotemperaturen, der Bereitstellung von einem Glas Leitungswasser für den kritischen Moment, in dem der Mund austrocknet, und dem qualvollen Mitfühlen der Moderatoren.

Ich behaupte, dass das deutsche Fernsehen ausgerechnet am anderen Ende der Welt ein Stück Menschlichkeit, ja Wahrhaftigkeit zurückerobert hat. Dass sich Deutschland zumindest in Australien wiederfindet, wo es sich doch hier zwischen Eiche und Grautanne komplett aus den Augen verloren hat. Zweifellos geht es für die Teilnehmer, die der Sendetitel als "Stars" anerkennt, zwischen Terrarien und Tümpeln um eine Form von Überleben als C- oder D-Star.

Und das will was heißen. Hier geht es um das mehrfach gebrochene Gnadenbrot für abhalfterte Möchtegernpromis, die im prototypisch vorgesetzten Privatdschungel einen entscheidenden Schritt zurück in die eigene TV-Suppe und somit in den Allgemeinzustand Deutschlands gehen. Alles nur noch C-Riege. Aufstieg ausgeschlossen. Deutschland holt sich selber raus? Was interessieren da riesige Planen, die über das Camp gespannt worden sein sollen, um vor Dauerregen zu schützen? Zusatzmahlzeiten, die dem Zuschauer vorenthalten werden, Insekten, die durch gezielte Kühlschrankhaltung nahezu unschädlich gemacht wurden - geht es also darum? Müssen Kakerlaken immer frisch sein? Bedarf es, wie "Bild" fordert, der totalen Entartung, um das Letzte aus Deutschalnd herauszuholen? Und ist dieses Letzte dann das, was man wirklich sehen will?

Die auf absehbare Zeit am Wasserloch gestrandeten Deutschen hingegen nehmen ihr Schicksal richtig ernst. Das ist zeigenswert, denn so lässt uns das Dschungel-TV nicht ohne Trost zurück: Es gibt eine Welt außerhalb des Fernsehens, selbst wenn sie im Fernsehen stattfindet. Es gibt eine Welt, auch ohne Deutschland! Und das ist angemessen bitter. Deutschland bekennt sich, und das ist wichtig! Deutschland kann und will beweisen, dass es kein Risiko scheut, dass wir als alte Kriegskinder Entbehrung zumindest von Guido Knopp her kennen, dass wir einem in der Pubertät steckenden Daniel nichts außer Vater- oder Mutterliebe schenken wollen, auch wenn wir ihn am liebsten an der Kakerlakenfront verloren hätten. Deutschland im Überlebenssandkasten, das finde ich großartig! Das war lange überfällig und nochmals gesagt: die erste ehrliche Bekenntnisshow, die auch unseren Bundeskanzler freuen dürfte, denn bis jetzt ging es nur um Rentendschungel, Gesundheitsdschungel, Steuerdschungel.

In diesem australischen Dschungel geht es aber um die Zukunft Deutschlands, und die ist nicht durch Landesmedienanstalten und unerfahrene Moralapostel zu erreichen.

Deutschland muss wieder härter werden! Nichts ist ekelerregender als die Forderung nach einem 13. Monatsgehalt, nach Sonderurlaub und Kilometergeld. Ekelerregend war und ist die "Bambi"-Verleihung oder die abgesetzte "Bunte TV"- Sendung. Da quillt der Kaviar aus allen Ritzen, da sollte man das nächste Camp errichten.

Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Die Lügner und Beschöniger haben sich aufgeschwungen: Deutschland wird poliert. Den Landesmedienanalysten schließt sich in Kürze schon die Ausweidung des Formats an. Die "Stars" werden, wenn nicht ohnehin schon vorzeitig, zum Ende der ersten Staffel "herausgeholt" und in Vergessenheitswatte gelegt. Dann beginnt der Run durch das private, und wahrscheinlich wieder am stärksten durch das öffentlich-rechtliche Aufarbeitungs-TV, dass dieses Format mit Frank Elstner demnächst nachspielt. Dann sitzen die Arachnophoben den Rattenfängern wieder gegenüber, und wo man uns Glaubwürdigkeit verspricht, wird wieder nichts als Scheiße ausgedrückt.

Und deshalb meine Bitte an RTL: bitte härter werden, nicht nachgeben! Schickt Kakerlaken in die Röhre, streicht Kindergeld und Renten, lasst Treibsand aus den Geräten quellen. Solange bis wir wieder JA zu Deutschland sage; dem kleinen Land am Plastiktümpel.

Christoph Schlingensief / print
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