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"DSDS" 2012: Der Verbal-Terminator ist müde - das Publikum eben­falls

Daniele und Luca haben sich bei "Deutschland sucht den Superstar" gegen Jesse durchgesetzt. Das Halbfinale zeigte: Die Casting-Dämmerung ist angebrochen, denn Superstars werden im TV einfach nicht entdeckt. Und selbst Dieter Bohlen scheint des Treibens müde.

Von Christoph Forsthoff

Du hast eine tonale Treffsicherheit wie Wilhelm Tell - jeder Ton ein Treffer." Und jeder Satz ein Offenbarungseid: Da behauptet RTL, Deutschland suche den Superstar, und Ober-Juror Dieter Bohlen würdigt allen Ernstes im Halbfinale, dass Jesse Ritch tatsächlich die richtigen Töne getroffen hat. Ja, geht's denn noch? Wenn nicht einmal mehr das der Fall sein sollte, warum stehen die drei Jungs denn sonst überhaupt an diesem Abend auf der großen Showbühne in Köln? Doch Kollegin Natalie Horler legt die Messlatte keinen Deut höher, wenn sie dem zweiten Halbfinalisten Luca Hänni attestiert, der Schweizer habe "sehr schön und sauber gesungen" - DSDS oder doch eher "Karaoke-Meister gesucht"?

Am Ende reichte die Intonation dann aber doch nicht, das Fernsehpublikum kickte mit seiner Wahl den lieben Jesse raus, stattdessen werden nun kommenden Sonnabend Luca und Daniele Negroni um den Titel singen. Am Sonntagmorgen müssen die beiden allerdings erst einmal in Bohlens Studio in Tötensen antanzen, der Meister will mit ihnen den Siegersong produzieren. Ob diesen dann tatsächlich noch viele hören wollen (die Quoten dieser Staffel zeigen eher das Gegenteil), spielt offenbar keine Rolle – the show must go on. Oder vielleicht doch nicht? Bohlen selbst war ja bereits während der letzten Sendung der vielsagende Nebensatz entglitten, "falls es noch einmal DSDS gibt" - und auch gestern lag etwas von Casting-Dämmerung über dem Abend.

Drei Milchbubis auf der Bühne

Da standen drei Milchbubis auf der Bühne, allesamt nette Jungs, doch keiner von ihnen auch nur mit einem Hauch von Ausstrahlung oder gar Charisma. Stattdessen einstudierte Gesten und Standard-Posen, hörbare Stimmen, indes weit entfernt von charakteristischen Stimmfarben, ohne wirklich eigene Note und Persönlichkeit - aber woher sollte die auch rühren bei Teenagern, die gerade dem Kindesalter entwachsen sind? Doch eben solche Qualitäten versuchten die Jury und Moderator Marco Schreyl einmal mehr dem Publikum unterzujubeln, wenn etwa Bruce Darnell nach fast jedem der dreimal drei Songs den Jungs weismachen wollte: "Du versuchst nicht irgendetwas nachzusingen, du machst es auf deine eigene Art." Keine Ahnung, wann der dauerhaft zutiefst Berührte das letzte Mal im Konzert eines gestandenen Musikers und charismatischen Künstlers gewesen ist, das hier jedenfalls reichte gerade einmal für ordentliche Cover-Songs.

Und insgeheim war das den Erwachsenen - einmal abgesehen von Darnell - wohl auch längst klar, wie so manch verräterischer Nebensatz offenbarte. "Ich hatte Schlimmeres erwartet", entfuhr es da Horler, nachdem Luca sich an "Ma Chérie" von DJ Antoine gewagt hatte - um noch schnell anzufügen, dass sie es einfach viel lieber habe, wenn der süße Eidgenosse "sanfte Nummern" sänge. Bohlen diagnostizierte bei Daniele eine Stimme, "die genauso traurig klingt wie die Lunge vom Marlboro-Mann", und formulierte mit dem vermeintlichen Witz doch nur salopp, dass der arme Junge mit solcher Stimmführung nach einer halben Stunde heiser ist. Auf den Punkt aber brachte Schreyl die TV-Verlogenheit, als er kurz vor der Entscheidungsverkündung dem Trio noch einmal die Großartigkeit dieses Augenblicks und der Show mit ihrem Millionenpublikum einhämmern wollte: "Ist euch klar, dass es so etwas wahrscheinlich nur einmal im Leben geben wird?"

Beleidigend und witzlos

Eben. Nix da mit Superstar und Karriere, eine Sendung noch, danach ein paar Auftritte, mit viel Glück ein oder zwei Chartplatzierungen - und dann werden künftig bestenfalls noch ein paar kreischende Teenies bei Elektromarkt-Eröffnungen die DSDS-Helden bejubeln. So wie nach jedem Hype in den bisherigen acht DSDS-Staffeln: Da helfen auch die von RTL nun vor dem Halbfinale in den Heimatorten der Kandidaten initiierten Jubelkonzerte nichts, die natürlich ebenso als Filmchen zwischen den Live-Auftritten eingespielt wurden wie die verlogenen Heile-Welt-Familiengeschichten des Trios. Kein Wort oder keine Nachfrage dazu, warum Danieles Mutter denn ihren 16-jährigen Sohn ins Jugendheim gesteckt hatte - um den Gefallenen nun nach dem DSDS-Erfolg auf einmal wieder mit offenen Armen daheim aufzunehmen und ihm seine Lieblings-Lasagne zu kochen. Boah, was ward einem da übel…

Ob Bohlen die Perfidität dieser Pseudo-Superstarsuche mittlerweile auch über ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall scheint der Verbal-Terminator mittlerweile müde geworden. Nicht nur die vernichtenden Kritik-Sprüche, auch humorvolle Bemerkungen waren gestern kaum noch zu vernehmen - und seine flapsigen Bemerkungen zum bisherigen Maurer-Beruf von Luca waren schlicht peinlich und beleidigend: "Ich hoffe, dass die Leute für dich anrufen, damit du armes Schwein nicht wieder in der Schweiz mauern musst." Allein Ex-Finanzminister Peer Steinbrück hätte vielleicht seine Freude an den Attacken auf die Nachbarn gehabt - "Was ich mich die ganz Zeit immer frage, warum dich in der Schweiz keiner entdeckt hat: Sind die alle blöd?", unkte Bohlen mit Blick auf Jesse. Der am Ende dann doch die Segel streichen musste: Vermutlich haben die Eidgenossen einfach schon viel früher erkannt, dass hier kein neuer Superstar heranwächst.