HOME

Stern Logo DSDS - Deutschland sucht den Superstar

Peinlicher Patzer bei DSDS: Falsche Endziffern, echte Gefühle

Schwerer Patzer bei "DSDS": Die Telefonnummern zweier Kandidaten wurden vertauscht. Keiner muss gehen, es gibt eine Sendung mehr. Bei den Kandidaten und sogar Dieter Bohlen lagen die Nerven blank.

Von Mark Stöhr

Ein pfeifendes Publikum. Ein tobender Juror. Ein bleicher Moderator. Und ein Kandidat, der vor Zorn in die Kulisse flüchtete: Bei "DSDS" hing der Haussegen gewaltig schief am Ende der fünften Mottoshow. Der Grund war ein Zahlendreher in einer Übersichtstafel für die Anrufer zu Hause. Zazou Mall hatte plötzlich die Endziffer von Marco Angelini und der ihre. Eine böse Panne.

Sie verhagelte Angelini das pomadige Lächeln, das ihm bis dahin ins Gesicht tätowiert zu sein schien. Das allein war schon bemerkenswert. Der Jungarzt aus Graz sah seine Felle davon schwimmen. Tausende seiner Fans würden nun für die Schweizer Konkurrentin anrufen, deren Stimme doch wieder einmal klang wie "meine Einparkhilfe im Auto" (Bohlen). Was Angelini vergaß: Er war nicht besser. Oder wie es Bohlen mit einer gewissen Resignation ausdrückte: "Der Unterschied zwischen Dir und meinem Blinddarm ist, dass ich Dir den Durchbruch wünsche. Darauf warte ich jede Show."

Einfach eine Show draufgelegt

Entscheidungen am grünen Tisch sind momentan ziemlich in Mode. Der 1. FC St. Pauli blickt nach der Bierbecherwurf-Affäre beim Heimspiel gegen Schalke bang dem Urteil des Deutschen Fußball-Bundes entgegen. RTL wollte seine Würfelbecher-Affäre offenkundig zu einem raschen Ende bringen.

Um Mitternacht verkündete die Jury, keiner der Kandidaten müsse gehen. Es werde eine zusätzliche Show geben. Das Finale ist damit um eine Woche verschoben und findet jetzt am 7. Mai statt. So schnell wird im Privatfernsehen also Programm gemacht. Gewiss nicht zum wirtschaftlichen Schaden des Marktführers aus Köln. Der Nutzen für RTL ist jedenfalls höher als der für Mall und Angelini, die lediglich eine verlängerte Gnadenfrist eingeräumt bekommen, bevor sie sich endgültig verabschieden dürfen.

Die Masken fallen

Das Verwirrspiel um die falschen Telefonnummern war ein seltener anarchischer Moment in der sonst so perfekten Inszenierung. Interessantes trat zutage. Ein ehrlich verärgerter Bohlen, der sich hinter keinem Spruch mehr versteckte, sondern Moderator Marco Schreyl offen anging. Der wiederum reagierte ungewohnt schmallippig und pampte zurück. Eine Männerfreundschaft werden die beiden in diesem Leben wohl nicht mehr eingehen. Auch die Kandidaten ließen für wenige Minuten ihre wachsweichen Wahlkampfmasken sinken und zeigten sich als das, was sie sind: angestochene Egos, die um jeden Preis einen Wettbewerb gewinnen wollen.

Und das alles, weil Österreich nicht mit der Schweiz verwechselt werden wollte. Dabei ging es eigentlich um das Duell Deutschland gegen England. Jeder Vorsänger musste zunächst einen britischen und im zweiten Durchgang dann einen deutschen Song interpretieren. Wer die Sechser-Gruppe bis dahin verfolgt hat, ahnte schon, dass der große Verlierer wieder einmal die Popgeschichte sein würde.

Du hast die Leute viagramäßig hochbekommen.

Genauso war es. Perlen vor die Säue wie "Every Breath You Take" von Police, aus dem Pietro Lombardi eine Jodelnummer zwischen Soul und Rap machte. Ardian Bujupi verhunzte "Feel" von Robbie Williams auf dermaßen schäbige Art, dass er dafür mindestens eine Woche Gesangsverbot verdient gehabt hätte. Der schon erwähnte Marco Angelini legte seine Schleimspur wieder quer durchs Publikum, dass man sich schon vor dem Fernseher dringend die Hände waschen wollte. Und Sarah Engels winselte sich durch "Symphonie" von Silbermond, als habe sie ein Paar um drei Nummern zu kleine Schuhe an. Immerhin: Dieser Song hat es auch nicht besser verdient.

Einsamer Höhepunkt

Allein der Benjamin der Gruppe wusste zu gefallen. Sebastian Wurth hat für seine 16 Jahre eine unglaublich weit entwickelte Stimme. Wie ein Tuch legt sie sich über die Lieder und bringt sie in einen sanften Schwebezustand.

Wurths Interpretation von "Wonderful Life" der britischen Band Hurts gehörte zum Besten und Aufregendsten, was in den vergangenen achten Jahren bei "DSDS" geboten wurde. Abgesehen davon, dass die Stückauswahl für RTL-Verhältnisse schon ungewöhnlich war - Wurth agierte im Stile des Frontmanns einer Indie-Band und ließ sein "Bravo"-Boy-Image und die lärmende Kirmes um ihn herum für einige Minuten vergessen.

Dem 16-Jährigen würde man vor allem eines wünschen: dass er nicht gewinnt. Mehr noch: Dass er schnell in der Versenkung verschwindet und so die Chance bekommt, in Ruhe an seinem Talent und einer halbwegs selbstbestimmten Musikkarriere zu arbeiten.

Doch seine Fangemeinde ist riesig, die Aasgeier schlagen schon mit den Flügeln. Bohlens Kommentar zu Wurths fabelhafter Vorstellung: "Du hast die Leute viagramäßig hochbekommen." Das ist sicher nicht der Ton, aus dem Träume sind. Hoffentlich dreht vor dem Finale noch mal einer an den Zahlen.