Es ist wohl allgemein bekannt, dass Musik einen Film vollenden, aber auch verderben kann. Wird sie so prominent eingesetzt wie im Historiendrama "Jakobs Ross", dann ist das also ein Wagnis. Eines, das in der Adaption des gleichnamigen Romans von Silvia Tschui (2014) aber hervorragend gelingt: Angesiedelt in den bäuerlichen Schweizer Alpen des 19. Jahrhunderts, geht es um eine junge Magd, die ihr karges Leben mit der Kraft des Gesangs durchsteht – und darum kämpft, sich aus den rigiden gesellschaftlichen Zwängen einer zutiefst patriarchalen Welt zu befreien. Getragen wird der realistisch inszenierte Film, den ARTE nun als Free-TV-Premiere zur Primetime zeigt, von seiner herausragenden Hauptdarstellerin Luna Wedler.
Die gefragte Schweizer Schauspielerin ("22 Bahnen") verkörpert die Magd Elsie, die beim Putzen herrlich singt und jodelt, damit aber den Zorn der Vorgesetzten auf sich zieht: "Du kannst in der Kirche singen", wird sie zurechtgewiesen und soll entlassen werden. Doch die Tochter des Hausherren, Sophie (Eugénie Anselin), hört in ihrer Stimme großes Talent und stellt eine Gesangsausbildung in Florenz in Aussicht.
Ein Stipendium des reichen Vaters (Luc Feit) soll helfen, stattdessen vergewaltigt der Fabrikbesitzer die Magd. Sie wird schwanger und – damit nichts auffliegt – zur Heirat mit dem Rossknecht Jakob (Valentin Postlmayr) gezwungen. Zusammen werden sie verbannt und fristen fortan in einem Bauernhaus nahe eines abgelegenen Dorfes in den so schönen wie lebensfeindlichen Bergen ein hartes Dasein voller Entbehrungen, Kälte und Schwerstarbeit.
Träume von einem besseren Leben
Inmitten der eindrucksvoll in Szene gesetzten Kargheit rauft sich das Duo zusammen, schöpft langsam Vertrauen – und bewahrt sich so trotz aller Armut gemeinsam die Hoffnung auf ein besseres Leben. Während Jakob für ein eigenes Pferd und damit um einen höheren gesellschaftlichen Status kämpft, träumt Elsie weiter von einer Laufbahn als Sängerin. Der Gesang gibt ihr Halt – und auch beim Zuschauen gehen die oft melancholischen, aber auch hoffnungsvollen Lieder unter die Haut. Luna Wedler lernte für den Film Jodeln und nahm Gesangsunterricht, nur die schwersten Stücke performte Profisängerin Martina Linn. Zur Vorbereitung auf das im Film sehr realitätsnah gezeigte herbe Landleben arbeitete die Schauspielerin mit ihrem Kollegen Valentin Postlmayr zudem einige Tage auf einem Bauernhof.
Als sich Elsie und Jakob gerade in ihrem neuen Dasein eingerichtet haben, tritt mit dem Musiker Rico (Max Hubacher) ein weiterer Mann ins Leben der jungen Frau. Mit seinem Akkordeon weckt er ihren Wunsch nach einer ganz anderen Zukunft im Zeichen der Musik. Sie beschließt, mit ihm abzuhauen und spielend um die Welt zu reisen. Doch Jakob wird gewarnt und die Situation droht zu eskalieren ...
Klassengegensätze und patriarchale Verhältnisse
Regisseurin Katalin Gödrös schafft ein historisch akkurates, mit viel Detailliebe ausgestattetes und bei aller Zurückhaltung dennoch emotional mitreißendes Drama, in dem nicht viel gesprochen wird – und wenn, dann (im Original) vor allem in Schweizer Mundart. Auch dank einer fantastischen Hauptdarstellerin, die für ihre Rolle 2025 für den Schweizer Filmpreis nominiert war, schafft es "Jakobs Ross", gesellschaftlich relevante Themen wie nebenbei in ein facettenreiches Schauspiel einzubetten.
Es geht um den harten Alltag in einer von Männern bestimmten Gesellschaft, die zudem von einem tiefen Klassengegensatz geprägt ist. Es geht um Brauchtümer und um Konventionen, die Frauen als minderwertig betrachten, aber auch um den Ausbruch aus diesen Verhältnissen und die aufkeimende weibliche Emanzipation. Und nicht zuletzt geht es um die Kraft, die uns die Musik in herausfordernden und hoffnungslosen Zeiten liefern kann. Viel davon verweist auch auf aktuelle Entwicklungen – Historienfilme erzählen schließlich nicht nur von der Zeit, in der sie spielen, sondern meist auch viel über die Zeiten, in denen sie entstanden.
Jakobs Ross – Fr. 15.05. – ARTE: 20.15 Uhr