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TV-Kritik "GNTM" Heidi, die "coole Schabracke"


Bald ist "GNTM"-Finale: Aminata klappt zusammen, Nathalie klappt Klotüren. Und Betty haut Heidi einen Spruch um die Ohren, der die Modelmama kurzzeitig sprachlos macht. Bloß Joop taucht zu selten auf.
Von Simone Deckner

Ja, die Jugend von heute. Man versteht sie einfach nicht. Während hüftsteife Wörterbuchverlage ganze Enzyklopädien mit angeblicher Jugendsprache herausbringen (Yolo, Alter! Isch bin hier der Babo!), hauen die jungen Gören einfach mal so Wörter raus, die eigentlich schon total asbach uralt sind. Wie Betty, das süße, braun gelockte Kind. "Heidi ist einfach eine coole Schabracke", sagt sie mit honigsüßem Lächeln, nach den Vorzügen der Modelmama befragt. Die hat daraufhin kurzzeitig Mühe, ihre sonst jederzeit so gut sitzenden Gesichtszüge zu kontrollieren. Mit-Juror Thomas Hayo mag partout auch keine coole Denglisch-Floskel ("Du musst da really mal mehr performen") dazu einfallen.

"Schabracke", welch göttliche Situationskomik! Denn offensichtlich hält bloß Betty die Bezeichnung für ein formidables Kompliment, während alle anderen, inklusive der Klum, bei Schabracke an eine runzlige, furchtbare Alte denken. "Als ich das Wort zum letzten Mal gehört habe, hatte das noch eine andere Bedeutung", seufzt Heidi.

Ganz großes Tennis (Jugendsprache ca. 1995, Prof. Grzimek) auch, wie Betty in der "Fragen-Challenge" die Klum nachäfft. Mit Kieksstimme und affektierten Handbewegungen – fast so gut wie das Original. Hayo anerkennend zur Gesamtsituation: "Du kannst das nicht besser machen, als Betty das machen kann." Zur Belohnung kann Betty mit einer Wildcard direkt in die nächste Runde walken. Denn die "Meedchen" sollten bei dieser Challenge zeigen, ob sie locker aus sich herausgehen können. Ja, die Mysterien Klum'scher Logik: Sei professionell! Tu immer, was der Kunde will! Aber sei dabei voll authentisch.

Umarmen als Strafe

Nur Nathalie könnte das ganze Psycho-Gequatsche kaum weniger jucken. Sollen ruhig alle auf sie einreden, sie müsse sich "mehr öffnen" und so weiter. Nathalie schließt sich immer noch auf Toiletten ein und versteht nicht, wieso sie bei einem Wettbewerb mit den anderen Models auf Best Friend machen soll. Unfreiwillig komisch die Aktion, als sie nach dem Live Walk auf die anderen zustakst und fragt: "Darf ich euch mal umarmen?" Heidi Klum hatte ihr das zuvor als Hausaufgabe aufgebrummt – für Nathalie ein Albtraum. Dementsprechend "herzlich" fällt der erzwungene Körperkontakt aus.

Im Shooting durften zuvor Kinder die Kandidatinnen mit allerlei ulkigen Utensilien (Federn, Farbe, Seile, Kuchen) quälen – für die Pökse augenscheinlich eine Riesengaudi. Damit zwischen zermatschtem Gebäck und voll geklecksten Wänden aber nicht zu viel der guten Laune aufkommt, schneidet die Regie immer wieder dramatische Szenen dazwischen: Nancy, schluchzend. So viele Kinder, aber das eigene tausende Kilometer weit entfernt. Stefanie, erst nachdenklich, später auch schluchzend: Sie will lieber keine Kinder bekommen wegen ihrer schweren Krankheit, an der sie schon mit 3 und mit 13 Jahren hätte sterben können, wie sie erzählt. Die Selbst-Diagnose: Wanderorgane. Ivana holt einen wieder in die Realität: "Ich mag echt keine Kinder, aber die hier sind so mega-süß."

Mehr Joop braucht die Show

Was der Folge fehlt, offenbart sich erst beim Live Walk. Es mangelt an Wolfgang Joop. Erst zum Ende hin sitzt er mit Puck-Sonnebrille im Studio. Und ereifert sich. Und urteilt hart, aber fair. Und lässt sich von allen Mädchen so dolle abbusseln, dass er immer wieder nachgeschminkt werden muss. Als sein Liebling Ivana in einem schwarzen Nichts aus Spitze den Cat Walk arrogant entlang gleitet, gleitet Joop fast aus seinem Stuhl: "I can't take it! Oh my God, look at her, that's too much." Ganz anders reagiert er auf Aminatas ungewohnt schlaffen Auftritt. "Wenn ich der Designer dieses Kleides wäre, hättest du mir mit diesem Auftritt die Show versaut", meckert er.

Aminata, eh schon ein Häufchen Elend an diesem Tag, klappt daraufhin hinter der Bühne zusammen. Asthma-Anfall vor Aufregung. Nach den ominösen Wanderorganen von Stefanie liefert Aminata dann gleich die zweite verstörende Selbstdiagnose des Abends ab: "Ich kriege so einen Anfall immer, wenn ich zu viel nachdenke." Nach einer Dreiviertelstunde mit Notarztbesuch, einem sich erklärenden Joop ("So habe ich das doch nicht gemeint.") und Umarmung von Heidi heißt es am Ende: Alle kriegen ein Foto, keine muss gehen. Nächste Woche aber werden Nägel mit Köpfen gemacht, da ist Halbfinale. Da kennt die coole Schabracke keine Gnade mehr, jede Wette.

Die Autorin bei Twitter: http://www.twitter.com/senatorsim


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