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Interview

GNTM-Finale: "Wir sind auf Schönheit geeicht": Das sagt ein Ästhetik-Forscher zum Beauty-Wahn

Im Finale von "Germany's Next Topmodel" wird wieder mal die Schönsten gekürt. Im Interview erklärt der Ästhetik-Forscher Winfried Menninghaus, warum wir auf einen absurden Schönheits-Standard geeicht werden, den niemand erfüllen kann.

Von Dirk van Versendaal

GNTM - Germany's next Topmodel

Sie stehen im Finale von "Germany's Next Topmodel": Julianna, Christina, Toni und Pia.

Heute Abend werden Heidi Klum und ihre Jury zum bereits 13. Mal "Germany's Next Topmodel" küren. Widerstand und Proteste gegen die Castingshow haben zugenommen, es regt sich Widerstand gegen Beauty-Terror und Körperhass. Doch haben wir eigentlich eine Chance gegen die Diktatur der Schönheit?

Winfried Menninghaus ist Professor der Linguistik und sucht am Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik in Frankfurt am Main nach Antworten auf die Frage, was wem warum gefällt. Er und etwa 50 andere Wissenschaftler messen hier die elektrische Aktivität oder die Durchblutung des Gehirns, die Bewegungen der Augen, die Reaktionen der Haut auf das Angenehme und Hässliche, werten Mimik, Gestik und Fragebögen aus, um sich dem schwammigen Begriff Schönheit wissenschaftlich präzise zu nähern.

Herr Menninghaus, woher kommt unser Sinn fürs Schöne eigentlich?
Wir sprechen automatisch auf feine Unterschiede im Aussehen an, egal wohin wir blicken. Diese Sensitivität steckt in uns allen. Sie hat eine enorme Macht. Sobald wir Musik hören oder Sätze lesen, ein Gesicht sehen oder ein Gespräch beginnen, fällen wir immer auch ästhetische Urteile. Oft nur automatisch und nebenbei, ohne dass uns dies bewusst wird - wir haben das nicht unter Kontrolle. Wir sind auf Schönheit geeicht.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters?
Einerseits. Andrerseits lässt sie sich millimetergenau in Winkeln und Abständen messen, aus Lippenhöhe, Wangenbreite und Nasenlänge errechnen. Hüften, Brust, Taille und Beinlänge, reine Haut, volles Haar, wir zerlegen nach ästhetischen Kriterien, was uns vor die Augen kommt. Unser Hirn nimmt die Informationen in Millisekunden auf, verarbeitet diese und fällt sein Urteil sofort.

Das ist uns angeboren?
Schon Neugeborene bevorzugen schöne Gesichter, und es sind exakt die ewigen Kategorien von Proportion und Symmetrie, die dabei zählen. Sobald wir etwas schön finden, werden Teile des Belohnungszentrums unseres Gehirns aktiviert. Das Erleben von Schönheit schenkt uns schlicht und einfach Harmoniegefühle. Mehr noch: Die Verarbeitung eines schönen Gesichts macht uns weniger Mühe, das lässt sich elektrisch im Gehirn messen. Ein wesentlicher Teil des Schönheitsempfindens scheint – zumindest bei der Wahrnehmung von Menschen und Landschaften – auf dem Prinzip des "easy going" zu gründen: Alles ist gut, da muss das Gehirn nichts mehr tun. Stoßen wir aber auf ein markant hässliches Gesicht, dann versuchen wir quasi, dieses Gesicht zu heilen.

Permanent werden uns Bilder schöner Menschen präsentiert, im Fernsehen, in der Werbung, auf Plakaten.

Winfried Menninghaus

Winfried Menninghaus ist Wissenschaftliches Mitglied und Direktor am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik.

Picture Alliance

Und durch die Digitalisierung dringen Schönheitsideale über Instagram, Facebook und Co. bis ins kleinste Dorf vor. Vor der Erfindung des Buchdrucks oder gar der Zeitungen hat es keine Möglichkeit gegeben, die Schönsten auf Bildern zu betrachten. Man sah die Menschen, die man persönlich kannte, durch sie wurde das Schönheitsbild geformt. Es gab kein Foto von Helena, der schönsten Frau der Antike. Jeder konnte sich diese Figur nur so vorstellen wie das schönste Mädchen des Dorfes. Noch nie in der Evolution des Menschen ist die Kluft zwischen wirklichem und idealem Aussehen so groß gewesen wie heute. Heute bilden wir uns die Bilder von der Schönheit auf der Basis komplett unrealistischer Bilder, die wir mindestens so oft sehen wie wirkliche Personen.

Wir lieben, was wir sehen?
Und wir finden das, was wir öfter sehen, schöner. Dieser "mere-exposure"-Effekt ist wissenschaftlich untermauert. Die ständige Wiederholung bearbeiteter Model-Bilder in allen Medien funktioniert wie Propaganda, wie Gehirnwäsche. Entsprechend groß ist das Leiden, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Wir werden auf einen völlig absurden Standard geeicht, den niemand erfüllen kann.

Wie sehr zählt der erste Eindruck, den wir auf andere machen?
Mehr denn je. In den First-Impressions-Situationen ist das äußere Erscheinungsbild oft der einzige Hinweis zur Bewertung eines Fremden. Bei flüchtigen Kontakten und Handschlag-Momenten geht es darum, das Maximale aus dem Aussehen des Gegenübers zu ziehen.

Kann der Gesetzgeber dabei helfen, uns vom Diktat der Schönheit zu befreien?
Das Thema gehört in den Schulunterricht, und zwar sehr rechtzeitig. Als eine moderne Schönheitserziehung, also Aufklärung nicht im klassisch humanistischen Sinne, sondern als eine Ausbildung über den Umgang mit dem Körperbild in allen Medien. Das Diktat der Schönheit wirkt hochgradig neurotisierend. Es ist die Ursache für Gesundheitsausgaben in einem Milliardenumfang.

Sie selbst haben eine Tochter.
Und deshalb weiß ich, dass es spätestens mit 13 losgeht. Ich habe das volle Programm beobachtet, das war kein Vergnügen. Und auch Söhne sind unter Druck geraten, Work-out-Druck und Muskelmasse aufbauen. Wir sollten also nicht nur auch weniger perfekte Körper in der Werbung zu zeigen, sondern sogar die Werbebilder von perfekter Schönheit besteuern. Das sind pathogene Stoffe, so ähnlich wie Nikotin.

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