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TV-Kritik

Zehn Jahre "Goodbye Deutschland“ : Darum ist das Auswanderer-TV so erfolgreich

Träume, Tränen, Promis: Auch nach mehr als 400 Sendungen lockt diese Mischung die Zuschauer vor den Fernseher. Selbst zu einer vierstündigen Jubiläumsfolge mit wenig frischem Futter. 

Von Lars Peters

Die Auswanderer Roland und Steffi Bartsch betrieben unter anderem ein Sonnenstudio auf Mallorca

Die Auswanderer Roland und Steffi Bartsch betrieben unter anderem ein Sonnenstudio auf Mallorca

Die zehnjährige Geburtstagsfeier eines TV-Klassikers stellt man sich eigentlich anders vor: prominente Gäste im Studio, gemeinsames Anstoßen, Austauschen von Anekdoten. So viel Aufwand war VOX die Jubiläumsausgabe seiner Auswanderer-Doku "Goodbye Deutschland" dann doch nicht wert. Aber immerhin bewies der Sender wieder einmal Mut zur Überlänge und räumte gleich vier Stunden Sendezeit für die XXL-Ausgabe frei. Und die kam am gefühlt kältesten Augusttag seit Jahren genau richtig. Denn wer denkt nicht zumindest mal kurz darüber nach, auf die Kanaren oder nach Brasilien auszuwandern, wenn das Thermometer im deutschen Hochsommer nicht einmal mehr die 20-Grad-Marke erreicht?

Doch wie schon in den letzten zehn Jahren zeigt die Sendung nicht nur die schönen Seiten des Auswanderns. Bisweilen unerbittlich wird auch das Scheitern dokumentiert, die unerwarteten Probleme, die Rückkehr nach Deutschland. Eher beiläufig präsentiert der Off-Sprecher den wichtigsten Ratschlag für alle Auswanderwilligen: "Wer es im sozial starken Deutschland nicht schafft, schafft es vermutlich auch nicht im Ausland." 

Der Zuschauer darf träumen, muss aber nicht selbst aktiv werden

Und so sind von den 350 Familien, die das Programm im letzten Jahrzehnt ins Ausland begleitet hat, unzählige wieder zurückgekehrt. Reich an Erfahrungen, aber oft finanziell an (oder unter) der Grenze. Erfolg hatten hingegen die, die gut geplant haben und vor allem flexibel, resolut und energievoll agieren. Dass VOX beide Seiten darstellt, ist wichtig und beruhigend für die Zuschauer. Zum einen kann man so zu Hause den eigenen Auswanderer-Plänen nachhängen. Zum anderen gibt die Sendung mit den Rückkehrern aber auch denen genügend Bestätigung, die diese Ideen besser nie realisieren. Lieber geht man am nächsten Morgen wieder zur Schicht, als als "Gescheiterter" aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehren zu müssen.

"Goodbye Deutschland" ist aber auch aus einem anderen Grund über die Jahre erfolgreich: Die Zuschauer bauen Beziehungen zu den Auswanderern auf. Gerade zu denen, die auffallen wie die schwulen Friseure Jörg (bei dem ein Testosteronmangel diagnostiziert wurde, der jetzt behandelt wird) und Fabio auf Gran Canaria, lustige Geschäftsideen haben wie die Familie Bartsch auf Mallorca oder einfach so durchgeknallt und zupackend sind wie Konny Reimann mit seiner Familie.

"Goodbye Deutschland" als exotische Variante der "Lindenstraße"

VOX hat dies erkannt und liefert den Zuschauern über die Jahre regelmäßig Neuigkeiten von den interessantesten Auswanderern. Was macht eigentlich … ? Das fragt man sich nicht nur bei netten Nachbarn, die weggezogen sind, sondern eben auch bei TV-Bekannten. So wird die Doku-Soap zu einer exotischen, aber doch realeren Variante der "Lindenstraße". Manche der Akteure haben sich in der Zwischenzeit sogar einen Promi-Status aufgebaut, von dem sie zum Teil gut leben. Auch das wird in der Jubiläumsfolge der Sendung deutlich: Wer sich sympathisch, ehrlich und zugänglich präsentiert und sich an einer beliebten Touristendestination der Deutschen niederlässt, der wird von diesen auch zuverlässig besucht und mit Umsatz belohnt. Bestes Beispiel ist dabei natürlich Daniela Katzenberger, deren Existenz mittlerweile auch privatfernsehabstinenten Personen ein Begriff ist.

Bei so vielen über die Jahre liebgewonnenen Auswanderern ist es umso bedauerlicher, die vielfältigen Charaktere nicht einmal live und gemeinsam in einer Show zu erleben. Stattdessen präsentierte VOX einen lauwarmen Aufguss von den ersten Schritten der Reimanns in Texas sowie Highlights und Rückblicke von ausgewählten anderen. Dort, wo es aktuelles Material gibt, nutzte VOX natürlich die Gunst der Stunde, um auf die neuen Folgen zu verweisen. Und in der Tat: Irgendwie will man schon wissen, warum sich die selbst-pensionierte Birgit Bebensee von Gran Canaria verabschiedet und was sie jetzt mit ihrer Familie auf Mallorca vorhat.

Verzichten kann man derweil auf weitere finanzielle Desaster von Daniel Lopes aus der ersten DSDS-Staffel – und vor allem auf die sogenannte Moderation der Jubiläumssendung durch die Familie Mermi-Schmelz. Warum sie nach Brasilien an den Ort des Scheiterns ihres Auswanderertraums geflogen wurde, um unerträglich hölzerne Überleitungen zur nächsten Auswandererfamilie aufzusagen, bleibt ein großes Rätsel, das die VOX-Redaktion womöglich erst in der 20-jährigen Jubiläumssendung von "Goodbye Deutschland" lösen wird.