HOME

Halbfinale von "The Voice of Germany": Freakys Inferno

"The Voice of Germany" beweist uns wieder einmal: Erfolg hat, wer jung und schön ist. Und hart genug für diese Welt. Auf Kandidatin Freaky T. trifft das nicht zu.

Von Jan Zier

Und es siegt für Sie: das Gefühl. Nicht nur, dass sie allesamt auf sachte und zart dahin schmelzende Emotionen gesetzt haben, die acht Halbfinalisten bei "The Voice Of Germany". Nein, auch die Retro-Plaste-Cover-Mucke hat jetzt mal ein Ende. Weil: Es ist jetzt alles echt, fast ganz authentisch, mit eigenen Liedern und so, manche sogar selbst getextet und komponiert. Und dann auch noch das: Freaky T. steigt aus. Ein ungeplant gefühliges Highlight dieser gutmenschelnden Glitzershow, gleich nach der Werbepause, ganz unerwartet.

Die Frau mit den Tattoos, die mal Bassistin in einer Metal Band war und mit "Inferno" mal "die Emotionen härter raus lassen wollte" hat kampflos das Feld geräumt für Michael Lane, der zuvor von der "Bild"-Zeitung schon zum Favoriten ausgerufen worden war. Nicht weil sie keine Chancen gehabt hätte, gegen den deutsch-amerikanischen Altenpfleger aus Franken. Jenen Mann also, der, wie uns der Moderator erklärt, "der Stille einen Namen gegeben hat". Nein, sagt sie, als sie aus dem gleisenden Scheinwerferlicht tritt: „Körperlich wird das alles zu hart für mich“. Sagt's - und geht. Mit Standing Ovations. Und viel beifälliger Zustimmung, Respektsbekundungen. Ihr Coach Xavier Naidoo nennt sie beide ein „lichtscheues Gesindel“ - auch er gehört ja irgendwie dazu – zu viel grelles Licht ist zu viel Stress für sie. "Der Sieg ist nicht immer das Wichtigste" wird Nena hinterher sagen. Nun ja. Das sagt man dann so.

Und dann geht es wieder weiter im Text. Und es wird ja noch schlimmer kommen. Denn: Bald geht die Kinderausgabe von „The Voice of Germany“ an den Start, und allerorten wird bei Eltern jetzt dafür geworben, dass sie doch ihre acht- bis 14-jährigen Sprösslinge ins Rampenlicht zerren sollen. Für "The Voice Kids". Noch so eine „Live-Sensation des Jahres“. Die Vermarktungsmaschine läuft und läuft. Der Kommerz muss siegen.

Traute Harmonie

Selbstverständlich waren, jedenfalls wurde das immer wieder so gesagt, in diesem Halbfinale nur "begnadete Sänger" am Start. Da geraten dann schon mal andere Kriterien als musikalische in den Vordergrund. Wenn sie also wählen könnten zwischen Michael Heinemann, dem "Mädchen vom Lande", wie Nena ihn nennt, einem jungen Erzieher aus Dresden, und Nick Howard, einem Frauenschwarm aus London mit Popmusik-Gesicht – wenn würden Sie dann nehmen? "Das ist unsexy", sagt Nena zu dem bescheidenen Heinemann. Es ist aufmunternd gemeint. Ins Finale kommt er natürlich trotzdem nicht. Immerhin: Howards Stimme hat durchaus einen gewissen Wiedererkennungswert, auch wenn sie seinen kämpferischer Text allzu zart vorträgt.

Immerhin haben sie auch eine Frau mit ins Finale gelassen. Aber nachdem beim letzten Mal Ivy Quainoo gewonnen hat, ist ja nun eh mal ein Mann dran. Trotzdem mit unter den letzten vier ist Isabell Schmidt, eine früher eher unauffällige, 23-jährige Ergotherapeutin aus Greifswald, die nachts um drei im Hotel ein silbermondiges Lied über "Heimweh" verfasst hat. Als Sängerin ist sie eher eine Kandidatin für den kleinen Club, während ihr Gegenüber Brigitte Lorenz, 42, eine charmant-witzige Putzfrau aus Witten, eher wie eine professionellere Karaoke-Sängerin daher kommt. Für manche ist sie aber auch eine echte Alternative zu Barbara Schöneberger oder Ina Müller. „Wenn ich dich nicht hätte, hätt ich einen anderen“, singt sie – für ihren Mann. Vergebens. Die Jugend, sie wissen schon, eine klare Sache. Zusammen dürfen sie vorher, in dem für alle Halbfinalisten der vier Teams obligatorischen „Battle“ noch "Schritt für Schritt ins Paradies" singen, das im Original von Ton Steine Scherben stammt. Nie wird jemand an dieses Gänsehaut-Original heranreichen, das auch Coach Nena selbst mal gecovert hat. Aber die beiden Damen, sie schlagen sich ordentlich.

Bleiben noch die beiden nervösen Nachwuchskräfte der Band "Boss Hoss", deren Coaches diesmal im dunklen Anzug erschienen sind. Rob Fowler, 40, der früher mal Formel 1-Automechaniker war und schon Musicals auf großen Bühnen gesungen hat und James Borges, ein 24-jähriger Barkeeper aus Luxemburg, der droht "sich zu verlieren", wie er sagt, weswegen sein Lied auch "Lonely" heißt. Er ist einer der wenigen, die bei aller Gefühligkeit auch etwas Rock durchklingen lassen. Weiter kommt er trotzdem. Im "Battle" haben sie bei Lou Reeds "Perfect Day" musikalisch alle beide nicht geglänzt. Dafür aber durch traute Harmonie. Ist ja auch viel wichtiger hier.