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Interview mit der "Super Nanny": "Vernachlässigung ist auch Gewalt"

Jetzt startet wieder die RTL-Beratungs-Doku "Die Super Nanny". Katharina Saalfrank nimmt sich zerrütteter Familien an. stern.de sprach mit der Diplom-Pädagogin über die Vorteile des Mediums Fernsehen für ihre Arbeit, über häusliche Gewalt und das, was hinter der Kamera passiert.

Seit vier Jahren kümmert sich Katharina "Katia" Saalfrank bei RTL um unartige Kinder und zerrüttete Familien. Jetzt kehrt die Diplom-Pädagogin, die für "Die Super Nanny" den Deutschen Fernsehpreis bekam, in neuen Folgen zurück. Im Interview mit stern.de spricht die vierfache Mutter darüber, wie sich die Sendung seit dem Anfang verändert hat und wieso bei ihrer Arbeit die Kamera nie ausgeschaltet wird.

Frau Saalfrank, Sie haben schon so viele zerrüttete Familien gesehen. Kann Sie eigentlich noch irgendein Fall schocken?

Zuerst einmal spreche ich nicht von Fällen, sondern von Familien, Menschen und Beziehungen. Ich bin ja kein Kommissar, der Fälle löst. Und "schocken" ist auch das falsche Wort. Es berührt mich unheimlich, in welch schwierigen Situationen Kinder aufwachsen und wie viele Erwartungen an sie herangetragen werden, die unter den gegebenen Umständen gar nicht zu erfüllen sind.

Was geht Ihnen persönlich besonders nah? Vernachlässigte Kinder, gewalttätige Eltern, verwahrloste Wohnungen?

Ich fühle immer sehr mit den Kindern mit. Vernachlässigung ist ja auch eine Form von Gewalt, wenn auch erstmal nicht so auffällig. Wenn ein Kind einen blauen Fleck hat, dann ist das zu sehen - psychische Gewalt ist erstmal weniger sichtbar. Ich möchte jede Form von Gewalt thematisieren und so unser aller Bewusstsein verändern. Letztlich brauchen vor allem die Eltern Hilfe, die oft selbst traumatisierte Kinder sind. Zu meiner Arbeit gehört auch dazu, ihnen zu sagen: "Ihr seid erwachsen, macht es besser als eure Eltern, lasst euch helfen und versucht den Teufelskreis zu durchbrechen."

Die Eltern sind diejenigen, die sich für "Die Super Nanny" bewerben. Glauben Sie, dass die Familien sich bewusst sind, worauf sie sich einlassen?

Ich glaube schon, dass Eltern eine ziemlich genaue Vorstellung haben, was sie bei mir in der pädagogischen Arbeit erwartet. Die Sendung an sich ist ja was anderes und auch nur ein Ausschnitt aus dem Erlebten. Insgesamt ist die Darstellung aber viel authentischer und wertschätzender allen Personen gegenüber als in der Anfangszeit und auch Tabuthemen wie Gewalt dürfen viel klarer angesprochen werden. Ich habe schon das Gefühl, dass Eltern wissen, wie meine Arbeitsweise ist. Was sie nicht wissen, ist, wie sie aus der schwierigen Situation, in der sie stecken, wieder herauskommen.

Warum begeben sich die Leute zur Lösung dieser Probleme ausgerechnet ins Fernsehen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Dennoch ist es ja nicht so, als würde sich jede zweite Familie ans Fernsehen wenden, das ist ja nur ein Bruchteil. "Die Super Nanny" ist über einen langen Zeitraum gewachsen. Die Eltern, die sich melden, haben verstanden, dass es darum geht, dass sie Beratung brauchen, und weniger, dass sie ins Fernsehen müssen. In meinem pädagogischen Angebot ist es möglich, dass eine Bezugsperson, ins Haus kommt und rund um die Uhr auch in schwierigen Situationen da ist. Das ist häufig ein Argument für die Familien. Hinzu kommt auch manchmal der Faktor Öffentlichkeit: Eine Mutter hat mir mal erzählt, dass in ihrer Kindheit jahrelang niemand hingeguckt hat und dass ganz viel Gewalt im Verborgenen passiert ist. Sie meinte, sie wolle nun der ganzen Welt zeigen, dass sie es dennoch geschafft hat.

In der ersten Folge der neuen Staffel sind sie sogar in einer Familie, wo ein Familienvater keine Scheu davor hat, sein Alkoholproblem vor der Kamera zu thematisieren.

Ja, das ist sehr mutig! Ich habe ihn gefragt, warum er sich in die Öffentlichkeit begibt, und er hat gesagt, dass er zeigen möchte, dass man Alkoholismus überwinden kann. Das finde ich schon ein sehr gutes Motiv. Die Familien werden bei der Ausstrahlung psychologisch begleitet auch, damit sie mit der Öffentlichkeit besser umgehen können. Es ist nur ein Augenblick der Öffentlichkeit und der ist oft schon schwierig. Deshalb möchte ich dann danach auch die Familien schützen: keine Interviews, keine Presse. Die Familien sollen in ihr geschütztes Leben zurück dürfen - dafür stehe ich auch.

Bis es soweit ist, wurden sie bis zu 100 Stunden von Ihnen und Ihrem Team begleitet. Verhalten sich die Menschen denn vor der Kamera überhaupt authentisch?

Es ist ja viel schwieriger, sich zu verstellen, als so zu sein, wie man ist. Die Familien nehmen die Kamera als mein Auge wahr, das stelle ich gar nicht in Frage. Ich fühle auch durchaus, wenn mal etwas nicht authentisch ist und spreche dann darüber. Das hat ja auch wieder eine Ursache und gehört mit zur pädagogischen Arbeit. Vor was und warum kommt Unsicherheit auf, etwas so zu zeigen wie es ist?

Kann es denn noch authentisch sein, wenn Szenen nachgedreht werden müssen?

Bei uns ist nichts gestellt! Höchstens wenn irgendwann mal eine Lampe ausfällt und die Technik versagt muss neu angesetzt werden. Und dann müssen wir alle lachen. Es ist oft schwierig für alle, wenn so etwas passiert. Aber das kommt nicht häufig vor und ist absolute Ausnahme. Ich habe auch hohe Erwartungen an das Team und an die Technik und mache es den Kollegen manchmal nicht leicht. Es gehört zu meiner Arbeit dazu, dass absolut authentisch gedreht ist. Manche Sachen könnte man auch trotz Technikausfall nicht wiederholen. Wir drehen ja keinen Spielfilm.

Was passiert denn in den Familien, nachdem Sie weg sind?

In den zehn Tagen, die ich mit den Familien arbeite, bin ich nicht ganz alleine. Anfangs ist im Hintergrund abwechselnd eine von zwei Psychologinnen dabei, mit der ich mich austauschen und beraten kann. Die Psychologin vor Ort ist dann auch für die Nachsorge der Familie verantwortlich. Das sind ganz neu geschaffene Berufsfelder, die im Fernsehgeschäft in dieser Form eher unüblich sind, die ich aber für grundlegend halte und sie deshalb installieren konnte. Es ist absolut wichtig, dass die Familien einen Ansprechpartner haben, der greifbar ist und langfristige Unterstützungshilfen sucht. Der zweite Teil ist die Ausstrahlungsbegleitung. Wenn "Die Super Nanny" mittwochs läuft, dann sitzt die Familie mit der Psychologin bei sich zu Hause auf dem Sofa und kann noch mal gemeinsam das Erfahrene Revue passieren lassen. Ich finde es wesentlich, dass die Familien unterscheiden zwischen dem, was sie in der kurzen Zeit alles erreicht haben, und dem Ausschnitt, der in der Sendung gezeigt wird. Bei bis zu 100 Stunden in den Familien kann natürlich im Beitrag nicht jeder Aspekt zum Tragen kommen - das heißt aber nicht, dass er nicht auch wichtig wäre.

Es hat vor einiger Zeit einen Fall gegeben, da ist ein 15-jähriges Mädchen nach der Ausstrahlung zusammengebrochen.

Das ist schon ewig her und es gab schon vor der Ausstrahlung Schwierigkeiten. Es ging um bestimmte Dinge, die gesagt oder getan wurden, und die Angst, wie alles dann hinterher dargestellt wird. Das war dann auch sehr schwierig in der Nachsorge, aber wir haben das im engen Kontakt mit der Familie gut begleiten können. Manchmal entstehen Ängste bei den Familien, weil sie den Film nicht gesehen haben und nicht wissen, was gezeigt wird. Das kann ich gut verstehen. Insofern ist es wichtig, dass die Familie sich ganz klar dafür entscheidet, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, aber auch sicher weiß, dass sie dabei begleitet wird.

Und was ist mit Spott und Hänseleien, denen vor allem die Kinder und Jugendlichen nach der Sendung ausgesetzt sind?

In der Regel sind es sehr positive Erfahrungen, die die Familien machen. Viele erleben mehr Wertschätzung als blöde Bemerkungen. Grundsätzlich finde ich, dass man deswegen die Öffentlichkeit nicht abschaffen darf. Kinder werden oft wegen den unterschiedlichsten Sachen gehänselt, das ist schlimm genug. Es kann aber doch nicht sein, dass wir Erwachsene zulassen, dass Kinder - egal wegen was - gehänselt werden. Wir dürfen nicht aufhören, über wichtige Themen zu sprechen, sondern müssen dafür Sorge tragen, dass alle gut mit den Themen und den Kindern umgehen. Ein Appell an dieser Stelle an alle Erzieher, Lehrer und Nachbarn: Wir sollten uns gegenseitig stärken anstatt uns wegen vermeintlicher Schwächen zu verspotten!

Gibt es denn eigentlich auch Momente, in denen die Kameras ausgeschaltet werden?

Die Kamera begleitet mich die ganze Zeit und das ist für mich auch etwas ganz Wichtiges. Wenn ich ohne die Kamera mit der Familie spreche, entwickelt sich oft eine Arbeit vor und eine hinter der Kamera. Somit entsteht keine Authentizität. Deswegen treffe ich die Absprache mit den Familien, dass die Kamera immer dabei ist. Ich bin sehr froh, dass sie mir vertrauen und wissen, dass schwierige Situationen vorsichtig behandelt und teilweise auch in der Sendung später nicht oder sehr sensibel thematisiert werden.

Haben sich nach vier Jahren "Die Super Nanny" nicht das Bedürfnis den Menschen lieber ohne Kamera zu helfen?

Das ist schon ein zweischneidiges Schwert, mit der Kamera in einen so intimen Bereich wie die Familie einzudringen, auch wenn die Familie mich zu sich gebeten hat. Und trotzdem: Ich bin nach wie vor mit großer Freude und Intensität dabei. Ich mag die Nähe zu den Menschen in diesem Rahmen sehr und komme ja ansonsten kaum so dicht an den Alltag von Familien heran. Außerdem habe ich ja auch andere Projekte und Begegnungen mit Menschen unabhängig von "Die Super Nanny". Solange mich Familien einladen, nehme ich das sehr gerne an und ich glaube, dass es kaum eine Form gibt, Themen wie zum Beispiel häusliche Gewalt an Kindern authentischer, deutlicher und präsenter in die Gesellschaft zu tragen, als durch das Medium Fernsehen. Das so gestalten und begleiten zu dürfen, ist ein großes Geschenk für mich. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, sich Beratung zu holen, und jeder muss für sich entscheiden, welcher Weg der Richtige für ihn ist.

Interview: Carolin Neumann

"Die Super Nanny" läuft ab dem 3. September immer mittwochs um 20.15 Uhr auf RTL