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Interview mit Jürgen von der Lippe "Stefan Raab ist ein Wahnsinniger"


Mit der leicht überdrehten Sat.1-Show "Ich liebe Deutschland" feiert Jürgen von der Lippe sein Comeback als Show-Moderator. Im Interview spricht der 63-Jährige über deutschen Humor - und verrät, weshalb Stefan Raab das Spannendste ist, was das Fernsehen zu bieten hat.

Guckt man sich das holländische Original von "Ich liebe Deutschland" an, erinnert das an eine überdrehte Karnevalssendung mit explodierenden Torten und Mitgrölgesängen. Sind die Deutschen für so etwas überhaupt lustig genug, Herr von der Lippe?
Auch wenn ich kein besonders strenger Gastgeber bin, werden wir das in Deutschland sicher etwas sachlicher angehen. Bei den Holländern wird ständig etwas vom Publikum hineingerufen, was das Quiz ein wenig beliebig macht. Ich glaube, dass die Deutschen in der Tat ein wenig mehr Ernsthaftigkeit und die Leitidee eines fairen Spiels benötigen, um sich beim Fernsehen wohl zu fühlen.

Seit den überdrehten Anfangsjahren des Privatfernsehens sind ironische Unterhaltungsshows wie "Tutti Frutti" bei uns lange passé. Knüpft Ihre neue Show dort an?


"Ich liebe Deutschland" ist ein augenzwinkerndes Quiz, aber kein Klamauk. In Holland entsteht dieser Eindruck vielleicht durch die dortigen Team-Captains, die ziemlich einen los machen. Bei uns werden Marc Bator und Sonya Kraus diesen Job übernehmen - reizvoll gegensätzliche Charaktere, aber eigentlich ernsthafte Menschen. Deshalb sehe ich die Show nicht in der Nähe von Klamauk. Sie ist sehr stimmungsvoll, weil man als Gruppe spielt und für das Publikum gewinnt. Das erzeugt einen ungeheueren Effekt, was die Stimmung im Saal betrifft. Ich bin von der Show absolut überzeugt. Und das seit langer Zeit das erste Mal. Ich hatte viele Angebote, etwas in dieser Richtung zu moderieren - habe aber immer abgesagt, weil ich nicht überzeugt war.

Sie moderieren seit 1980 Unterhaltungsshows. Wenn Sie heute entsprechende Sendungen anschauen - was gefällt Ihnen und was nicht?
Bei einer Quizshow kann man nicht viel verkehrt machen. Wenn es viel zu gewinnen gibt, ist es immer spannend - ob das nun Günther Jauch, Jörg Pilawa oder Kai Pflaume machen. Das Spannendste, was wir im deutschen Fernsehen in Sachen Unterhaltung haben, ist jedoch mit Sicherheit Stefan Raab. Der Typ ist ein Wahnsinniger, ich bewundere ihn. Er hat diesen absoluten Siegeswillen. Nebenbei setzte er so viele verrückte Konzepte durch, dass mir das wirklich imponiert. Für mich ist Stefan Raab der Letzte einer Generation, die das Fernsehen noch mit eigenen Ideen verändern konnte. Auch ich hatte das Glück, früher mal dazuzugehören. Die Entwicklung geht aber in eine andere Richtung. Shows sind Konsensveranstaltungen. Viele Köche rühren in einem Topf. Bei so etwas kommt - wenn man Glück hat - guter Durchschnitt raus.

Woran liegt es, dass Shows heute vor allem Konsens sein müssen?


Natürlich an der Quotenhatz. Bei den Privaten kann ich die mangelnde Risikobereitschaft verstehen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen hingegen nicht. Die liegen doch im gemachten Bett, finanziert vom Gebührenzahler. Die könnten sich viel mehr trauen, tun es aber nicht.

Gab es früher bessere, radikalere Shows in deutschem Fernsehen?


"Wetten, dass ..?" war ein geniales Konzept von Frank Elstner, gar keine Frage. Im Grunde kann man die deutsche Unterhaltungsshow-Historie aber an einer Person festmachen - Peter Frankenfeld. Er konnte einfach alles: alle deutschen Dialekte, er zauberte, sang, hatte immer 500 Witze parat. Dazu war er ein genialer Formaterfinder. Seine Shows könnte man heute eins-zu-eins mit einem neuen Moderator übernehmen. Mit einem Daniel Hartwich oder Matthias Opdenhövel zum Beispiel. Junge Leute, die mir von ihrer schnoddrigen Art sehr gut gefallen.

Seit Jahren gibt es eine Flut von Quizsendungen, aber wenige gute Spielshows - oder?


Vor "Wer wird Millionär" hätte niemand damit gerechnet, dass es zu einem solchen Revival der Quizshow kommt - das Format wurde damals übrigens vom NDR abgelehnt (lacht). Ich denke, das ist eine zyklische Angelegenheit. In den letzten Jahren war Quiz übermächtig. Aber ich denke, dass jetzt gewisse Ermüdungseffekte einsetzen und die Spielshow wiederkommt.

Sie sind vor kurzem 63 Jahre alt geworden. Damit befinden Sie sich außerhalb der werberelevanten Zielgruppe, die ihr Sender zu erreichen versucht. Macht das für Sie überhaupt Sinn?


Auch die Privaten müssen dem demografischen Wandel Rechnung tragen. Sat.1 holt derzeit verdiente Mitarbeiter wie Ulla Kock am Brink, Ingolf Lück oder mich zurück - daran kann man schon eine gewisse Strategie ablesen. Bald gibt es überhaupt nur noch älteres Publikum. Das sehe ich auch an meinem Bühnenprogramm. Das sind mittlerweile fast schon Comedy-Crashkurse für Senioren. Irgendwann muss man sich von der werberelevanten Zielgruppe, jener Erfindung vom ehemaligen RTL-Chef Thoma, verabschieden. Sie existiert ja gar nicht. Dass Ältere markentreu sind und nicht durch Werbung beeinflussbar - das stimmt doch alles hinten und vorne nicht.

Würden Sie sagen, der Humor der Deutschen hat sich gegenüber früher deutlich verändert?


Nein, eigentlich nicht. Der Deutsche wird immer noch gern als humorlos beschrieben, was aber nicht stimmt. Wir sind heute genauso Humorverbraucher wie jede andere Nation. Gute Produkte kommen an, schlechte weniger. Das Feuilleton hatte früher ein Problem mit Comedy, das ist richtig. Dass es heute anders aussieht, ist übrigens ein Verdienst der privaten Fernsehsender. Indem sie vielen Talenten ein Forum im Fernsehen gaben, sorgten sie dafür, dass Humor in den Medien konsensfähiger wurde.

Sind Humorarbeiter also anerkannter als früher?


Das denke ich schon. Goethe sagte einmal, es sei das Schicksal des Deutschen, dass er über allem schwer würde. Und in der Nazizeit hat man fein säuberlich alles an gutem jüdischen Humor getötet oder aus dem Land gejagt. Worunter wir lange zu leiden hatten. Mittlerweile haben wir aber eine sehr schöne, abwechslungsreiche und auch durchlässige Szene. Kabarettisten wie Dieter Nuhr oder Urban Priol trauen sich, richtig komisch zu sein. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele geistreiche Comedians. Dass die Trennung zwischen den verschiedenen Humorarten nicht mehr so eng ist, finde ich eine sehr schöne Entwicklung.

"Ich liebe Deutschland" läuft immer freitags ab 20.15 Uhr auf Sat.1

Eric Leimann/Teleschau TELESCHAU

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