Jürgen von der Lippe Der Zotenonkel


Der Humor-Titan Jürgen von der Lippe tingelt mit seinem Repertoire aus 30 Jahren Witzigkeit durch die Republik. Eine CD mit Highlights seines Oeuvres ist auf dem Markt, und auch aus dem Fernsehen lässt er sich kaum wegzappen. Jetzt geht er auf große Tour.
Von Wolfgang Röhl

Wie heißt eine Doppel-CD, die fünf Minuten Spieldauer hat? "Jürgen von der Lippe: Das Beste aus 30 Jahren". Okay, war jetzt nicht der Knaller. Bloß der Versuch, sich "Lippe" auf Augenhöhe anzunähern, witzboldtechnisch. Er nämlich findet zum Beispiel so etwas saukomisch: "Zwei Montagearbeiter liegen nachts in ihrem Hotelzimmer. Einer wichst. Fragt ihn der andere morgens: Warum machst du das? Antwort: Damit ich besser einschlafen kann. Der erste: Und warum nimmst du dann immer meinen? Antwort: damit ich morgens nicht so kaputt bin."

Er selber bringt Sachen, die dem Pointenkeller einer Zeit entstammen, da man über Hubert von Meyerinck lachte, Stumpen paffte und Leukoplastbomber fuhr: "Der Satz: 'Schatz, du hast doch schon so viele Schuhe' ist sinnlos, weil er völlig am Problem vorbeigeht. Der einzige Satz, der Erfolg versprechen könnte, wenn man einen Schuhkauf verhindern will, ist: 'Schatz, ich meine, deine Freundin Rosi hätte ganz ähnliche Schuhe'". Knorke! Wir schreiben das 21. Jahrhundert, und ein Mann verhindert den Schuhkauf seiner Alten mit dem pfiffigen Hinweis auf Freundin "Rosi". Reißt einem glatt die Hosenträger von den Knöpfen.

Schlüpfrige Schnurren über Männer und Frauen und dass die Geschlechter nicht wirklich zusammenpassen, bilden von jeher den Grundstock in Lippes Scherzbergwerk. Unbeirrbar fährt er auf der quietschenden, Rost zerfressenen Caveman-Schiene, bis hinein in die letzte Mehrzweckhalle von Hintertupfenhausen. Denn, so glaubt er, "man kann ja fast alles aufs Evolutionsbiologische zurückführen." Letzteres ist ihm folglich "Quell der Erkenntnis und gleichzeitig der Comedy."

Ein Köcher voller Zoten

Das führt gelegentlich zum GAB (Größten Anzunehmenden Brüller). Verlangten es die einfältigen Regeln bei seiner Kuppelsendung "Geld oder Liebe", dass die Teilnehmer einen Gegenstand in den Mund nehmen mussten, holte Lippe prompt die dafür sorgsam vorbereitete Zote aus dem Köcher: "Die Damen fangen mit dem Saugen an!" Einer seiner Klassiker geht so: "Statistisch gesehen tragen von 1000 Frauen 234 kein Höschen." (Leuchtet mit einer Taschenlampe Zuschauerinnen im Saal an:) "Sie vielleicht? Oder Sie?" Ficken, lecken, blasen, alles auf dem Rasen - ja, das ist seine Welt. Auch die Jeanine vom Nagelstudio "Nails und mehr" beömmelt sich darüber sehr.

Jürgen von der Lippe, 61, aufgewachsen in Aachen, schwer traumatisiert (war in der Jugend Messdiener und später kurz mit Margarete Schreinemakers verheiratet), tingelt seit drei Jahrzehnten mit einem Kurzwarenkoffer voll Witsischkeiten durch die Republik. Das geht in Ordnung, liegt es doch in der freien Entscheidung eines jeden Individuums, Eintritt zu entrichten für Betriebsfeste-Kracher dieses Kalibers: "Warum hat Monica Lewinsky so dicke Backen? Sie hält Beweismaterial zurück!" Leider tritt Lippe auch regelmäßig vor Fernsehkameras auf. Die Gefahr, seinem von einem Bürospießerkinnbart konturierten Gesicht zu begegnen, das in einen feisten Nacken übergeht, in welchem ein schockschwerer Schalk hockt, ist nicht gering.

Zumal es nichts fruchtet, wenn man die ARD-Sender meidet, Lippes Stammrevier. Er treibt sich auf allerlei Kanälen herum - eigentlich überall, wo man ihn rein lässt. Das ist auch nötig. Denn vieles, was er anfasste, floppte alsbald, wie die Zotenparade "Hart & heftig", die Rendezvous-Reihe "Blind Dinner", die Spielshow "Lippe blöfft" oder die Samstagabendshow "Extreme Activity". Die Zeiten sind schon kaum mehr wahr, da "Geld oder Liebe" als Dauerbrenner in der ARD lief.

Das Fernsehen lässt ihn dennoch nicht verkommen. Irgendeine Quatschsendung, irgendein Moderationsjob findet sich immer. Seine Vorzüge: Man muss ihn, den Dino vom Dienst, nicht groß vorstellen. An seinen quietschbunten Hemden erkennt ihn jeder. Da er ein solider Handwerker ist, Auftritte auf die Sekunde zuschneiden kann, nie betrunken ins Studio torkelt und den Höschenpegel getreu den Wünschen seiner Auftraggeber einstellt, hat man mit ihm weder Ärger noch Aufwand. Er "delivert", wie Niki Lauda sagen würde. Dieser Tatsache und nichts anderem verdankt Lippe seine andauernde TV-Präsenz, hierin ähnlich vielen schwach begabten Schauspielern, die permanent auf der Mattscheibe aufscheinen.

Was ist er eigentlich? Einen Kabarettisten kann man ihn schwerlich nennen, andernfalls Dieter Hildebrandt umsonst gelebt hätte. Seine zum Glück seltenen Spruchblasen zum Thema Politik dümpeln im trüben Mainstream des Fernsehfuzzitums. Oh, der wettert schon mal gegen Bankbosse wie Josef Ackermann! Und gegen den Papst, versteht sich! Zwei Persönlichkeiten, die im Comedysegment ansonsten ja vergöttert werden. Und hammerharte Medienkritik, jawohl, auch die lässt er nicht aus. Kostprobe? "Das deutsche Fernsehprogramm ist das beste der Welt. Gäbe es sonst die vielen Wiederholungen?" Hi, hi! Hätte Peter Frankenfeld es besser formulieren können?

Ist Lippe ein "Comedian"? Nun, man kann über die Figuren, die sich in den privaten Kanälen schweingeigelt haben, sagen was man will. Aber noch die kleinsten und gemeinsten unter ihnen besitzen wenigstens eine dummfreche Agilität, die Zuschauern mitunter den Anflug eines Lächelns zu entlocken vermag. Lippe dagegen sitzt oft vor der Kamera wie sediert. Qualvoll langsam entweichen ihm Sätze wie dieser: "Treffen sich zwei Jäger". Pausieren und endlos verzögern wie beim Tantra-Sex ist seine Masche. Doch der endlosen Vorlust folgt meist nur eine klägliche Klimax: "Beide tot."

Lippe ist zweifacher Grimme-Preisträger

Er selber versteht sich als "komtemplativer Entertainer". Kontemplativ bedeutet betrachtend, nachdenkend. Noch ein Lieblingswitz des Nachdenkers gefällig? "Zwei Besoffene pinkeln vor der Kneipe. Sagt der eine: Warum pinkel ich viel lauter als du? Sagt der andere: Weil du gegen mein Auto pinkelst und ich gegen deinen Mantel." Man muss wissen, dass dieser Freund erlesenen Humors zweifacher Grimme-Preisträger ist. Was mehr über den Grimme-Preis aussagt als über Lippe. Andererseits, wenn Dario Fo den Literaturnobelpreis bekommen kann, hat sich Lippe auch diese Trophäe aus Marl redlich verdient. Alles eine Frage der Kontemplation.

Im Grunde ist Lippe wohl nur ein schlichtes, mit exzellentem Gedächtnis gesegnetes Witzereißer-Gemüt. Ja, der hat bestimmt schon seine Mitschüler zum Wiehern gebracht. Wäre er Angestellter geworden, hätte er seine Kollegen im Betrieb genervt, indem er ihnen auf den Fluren die jeweils im Schwange befindlichen Klopfer aufdrängte ("Wie schlagen Ostfriesen einen Nagel in die Tür?"). Elke Heidenreich würdigte sein bisheriges Lebenswerk mal als "5000 Jahre Herrenwitz im Bierzelt", zu Recht. Doch wem es um die Vorhaut sui generis geht, der wird von Mario Barth längst besser bedient.

Frage an die ARD: Falls tatsächlich eine Reform der Zwangsgebühren-Zahlung kommt, könnte man nicht einen Lippe-Pfennig einführen? Würde so funktionieren: jeder, der Lippe nie mehr sehen möchte, zahlt einmalig fünf Cent oder so drauf. Die sicher hübsche Endsumme würde dem großen Kontemplierer als Abfindung überreicht. Mein Beitrag ist schon mal sicher.

PS: Die oben erwähnte Doppel-CD von Jürgen von der Lippe gibt es wirklich. Leider ist sie voll bespielt.


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