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Auftakt zur Europameisterschaft: Polen kann EM

Der maue Auftakt des eigenen Teams konnte die Stimmung kaum trüben. Schon der erste Abend hat gezeigt: Polen ist im EM-Fieber. Heute folgt nun Mit-Gastgeber Ukraine - und auch die deutsche Elf.

Von Felix Haas

Da sitzen sie wieder in einer Reihe. An einem langen, halbrunden Tisch, in einem bläulich gefärbten Fernsehstudio. Sie fachsimpeln über Aufstellungen, Spieler und Taktiken. Über Boateng und Gina-Lisa, über Lewandowski und Manchester United. Die Rede ist nicht von Bundestrainer Joachim Löw, Mittelfeld-Stratege Bastian Schweinsteiger oder ARD-Experte Mehmet Scholl. Die Rede ist von Harald Schmidt, Jürgen von der Lippe, Hansi Müller, Matze Knop und natürlich Waldemar Hartmann. Waldi's EM-Club läuft wieder und egal ob man es liebt oder hasst, es ist ein Anblick, bei dem jeder weiß: Es ist wieder Fußball-Sommerzeit. Und die wird noch ein bisschen "heißer", wenn heute auch die deutsche Mannschaft ins Turnier einsteigt.

Der Ball rollt bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Und schon der erste Abend hat gezeigt, dass der Sport die Massen bewegt und begeistert. Hunderttausende strömten in Warschau zum Fanfest. Hunderttausende rot-weiß gekleidete polnische Fans fieberten mit ihrer Mannschaft. Der Trubel nach dem Führungstor war groß, die Enttäuschung nach dem mageren Unentschieden am Ende vielleicht noch größer. Neben den heimischen Fans reisen Menschen aus ganz Europa an, um ihre Farben zu vertreten und ihre Fahnen zu schwenken. Davon lebt die Europameisterschaft.

Sportlich ein rasanter Auftakt

Die EM lebt aber auch und vor allem von tollen Toren und spannenden Spielen. Davon gab es gleich am ersten Abend reichlich zu sehen. Polen legte im Eröffnungsspiel gegen Griechenland los wie die Feuerwehr, als ginge es für das Team in den ersten zehn Minuten um den EM-Titel. Doch leider genauso schnell verpuffte die Offensiv-Power, so dass der Co-Gastgeber am Ende sogar noch froh sein konnte, gegen phasenweise in Unterzahl spielende Griechen nicht noch verloren zu haben. Karagounis scheiterte für die Hellenen mit einem Elfmeter – sonst wäre die erste Überraschung des Turniers wohl perfekt gewesen. "Der polnische Weg vom Himmel fast bis in die Hölle", titelte die polnische Nachrichtenagentur PAP. "Es war unsere eigene Schuld, dass wir nicht gewonnen haben", klagte Polens Torschütze Robert Lewandowski, Star des deutschen Meisters Borussia Dortmund. Der aufmunternde Beifall von den Rängen konnte ihn und seine Kollegen nicht trösten. Immerhin, so sagt es auch die Nationalhymne: "Noch ist Polen nicht verloren".

Im zweiten Spiel zeigte Russland schnelle Kombinationen, starken Konterfußball und Traumtore. Mit viel Spielwitz sorgten Andrey Arschawin und Co. dafür, dass den Mannen um Thomas Rosicky und den frisch gebackenen Champions-League-Sieger Petr Cech nicht annähernd eine Chance blieb. Schon 2008 hatte Russland die Euro mit diesem technisch starken Fußball aufgemischt. Erst gegen den späteren Champion Spanien war damals im Halbfinale Endstation. Mit den Russen dürfte zu rechnen sein. Die anderen beiden Gruppengegner Polen und Griechenland konnten jedenfalls kaum überzeugen.

Ukraine stimmt sich ein

So hat der erste Tag hat eines deutlich gemacht: Polen kann die EM. Das Land präsentierte sich als weltoffene Fußballgemeinde. Ob die Ukraine nachziehen kann, wird sich heute zeigen. Dort wurde die Vorfreude getrübt durch die politischen Diskussionen - insbesondere durch den Umgang mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko, durch Boykott-Drohungen. Viele westliche Politiker haben angekündigt, zu den Spielen nicht in die Ukraine zu reisen - auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, obwohl die deutsche Elf alle ihre Vorrundenspiele in der früheren Sowjetrepublik absolvieren wird.

Die Menschen haben von Aufrufen, die Spiele in ihrem Land zu boykottieren trotz aller Repressalien und Einschränkungen nie viel gehalten. Nun haben sie die Querelen offensichtlich hinter sich gelassen. Mit einem ausgelassenen Fest feierten Tausende in Kiew bei sommerlichem Wetter den Beginn der EM. In der Fanzone verfolgten am Freitagabend auch Anhänger aus Deutschland, Schweden, Russland und den Niederlanden die Übertragung der ersten Spiele aus Polen auf Großbildleinwänden. Viele Besucher waren in den jeweiligen Nationalfarben gekleidet. Es herrschte Partystimmung, obwohl etliche Fan-Quartiere nicht fertig geworden sind, wie es hieß. Und auch am neuen Flughafen Kiews gab es Probleme und Verspätungen.

Doch die Stadt, in der am 1. Juli das Finale steigt, ist gerüstet: Rund 51.000 Quadratmeter groß ist die Fanzone. Sie zieht sich über den Prachtboulevard Kreschtschatik bis zum Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan. Die achtspurige Straße ist für den Verkehr gesperrt, stattdessen stehen Cafés, Souvenirstände, sieben Großbildleinwände und eine gewaltige Bühne zwischen Gebäuden im Stalinschen Architekturstil.

In Deutschland steigt die Spannung

Auch heute werden dort wieder Tausende erwartet. Am Abend rollt der Ball in Charkiw und Lemberg (Lwiw), wo die deutsche Elf ihren mit Spannung erwarteten ersten Auftritt gegen Portugal haben wird (20.45 Uhr/live im stern.de-Ticker). Damit ist die Ukraine ebenfalls richtig drin in dieser EM, die zudem natürlich Strahlkraft hat in alle Teilnehmerländer. Im fernen Deutschland wehen schon seit Tagen Fähnchen von Häusern und Autos. In Waldi's EM-Club wird am Abend ganz besonders engagiert diskutiert werden. Dann hat die Löw-Truppe das erste Spiel hinter sich. Ob Sieg oder Niederlage - dann ist auch Deutschland drin in der EM.

Was meinen Sie? Wird es eine zweigeteilte EM - freudig in Polen, frostig in der Ukraine? Diskutieren Sie mit auf der stern.de-Fankurve auf Facebook.

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