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Turnierstart in Polen Auf Suche nach der EM-Stimmung


Mit dem Spiel des Mitgastgebers gegen Griechenland beginnt am Abend in Warschau die Fußball-EM. Kommt da ein polnisches Sommermärchen auf uns zu? Wir haben uns auf Stimmungssuche begeben.
Von Klaus Bellstedt und Wigbert Löer, Sopot

Es ist der erste Tag dieser Fußball-EM. Am Abend eröffnen die Polen in Warschau das Turnier mit dem Spiel gegen Griechenland. In Sopot, dem feinen Seebad an der Ostsee, ist die Euphorie so richtig noch nicht zu spüren. Die Mehrzahl der deutschen Nationalmannschaftsreporter hat sich Sopot wegen der Nähe zum DFB-Quartier Dwor Oliwski als EM-Standort ausgesucht. Abends trifft man sich, gewollt oder nicht. Sopot ist klein. Und das Leben findet vor allem auf der Bohaterow-Monte-Cassino-Straße statt. Die schmale Gasse führt von der Georgkirche bergabwärts hinunter zur berühmten Seebrücke. Egal ob als Tourist oder Einwohner, auf diesem Boulevard findet jeder, was er sucht: angesagte Geschäfte, kreative Restaurants – und viele Bars. Abend für Abend kommen Heerscharen junger Menschen mit dem Zug nach Sopot, um auf der "Monte-Cassino" zu flanieren und das Nachtleben zu genießen. Gern auch am Strand.

Jetzt, Freitagmittag, ist der Hotspot schon wieder belebt. Die Fans der irischen Nationalmannschaft sind eingefallen. Das Team von Trainer Giovanni Trapattoni wohnt im Sheraton, gleich um die Ecke. In den Pubs werden die ersten Pints geleert. Der Regen stört die Jungs von der Insel nicht. Plötzlich taucht eine wilde Horde mit schwarz-gelben Fahnen auf. Nein, keine Anhänger von Polonia Dortmund, die Jugendlichen schwärmen für den ortsansässigen Basketballclub Trefl Sopot. Das Team hat Donnerstag einen wichtigen Sieg geholt, der wurde schon nachts laut gefeiert. Wenn ein paar Wirte nicht gerade ihre Terrassen mit überdimensionalen Flatscreen-Bildschirmen ausstatten würden, die Wenigsten würden auf die Idee kommen, dass Polen in ein paar Stunden eine Fußball-Europameisterschaft eröffnet. Die Nationalfarben rot und weiß prägen in Sopot noch nicht das Stadtbild. Aber die Begeisterung rund um die Bialo-Czerwoni, die polnische Nationalmannschaft, wird schon noch einsetzen. Es sind noch ein paar Stunden. Und ja, das lässt sich nach einer Woche hier an der polnischen Ostseeküste festhalten: Die Menschen freuen sich auf die Fußball-EM. Nicht laut und euphorisch, eher im Stillen und mit einer gewissen Bescheidenheit.

Der große Favorit wird gefeiert

Am glücklichsten über dieses Ereignis ist vielleicht die Provinz. Der Welt- und Europameister hat sich bei seiner Quartiersuche für Abgeschiedenheit entschieden, für die Ruhe. Damit haben die Spanier gleich ein ganzes Dorf glücklich gemacht. Gniewino, 80 Kilometer nördlich von Danzig, ist von Hügeln umgeben, und man kann behaupten, dass die Gäste hier mit Freude empfangen werden. 1.400 Gniewinoer fühlen sich geradezu geehrt, dass die spanische Nationalmannschaft sich für ihr Sportzentrum und das dazugehörige Mistral-Hotel entschieden hat. Die Spanier, die aktuelle Übermannschaft, die Top-Favoriten.

Spanische Fahnen wehen schon zehn Kilometer vor dem Dorf an der Landstraße, auf dem Trainingsgelände stehen die schwarzen Stiere, die man von spanischen Autobahnen kennt. Als Xavi, Iniesta und Casillas sich dem Rasen nähern, ist die Tribüne des Sportplatzes brechend voll. Gelbe und rote Luftballons steigen auf, die örtliche Blaskapelle, die gerade das Stück "Que viva Espana" beendet hat, marschiert noch eine Ehrenrunde über die Tartanbahn. Zwölf etwa 18-jährige Blondinen in Cheerleader-Uniform führen schnell noch einen Tanz zu Flamenco-Rhythmen auf. "Die schönsten Frau Polens" hat ein Moderator angekündigt, "echtes polnisches Blut".

15.000 Fans beim Irland-Training

Acht Kilometer weiter die Küste hoch, in Gdynia, trainieren die Iren in einem Stadion. Irland stellt wohl nicht die bekanntesten Kicker dieser EM, bekannt dürfte dort nur Giovanni Trapattoni sein. Der Begeisterung, mit der die Mannschaft empfangen wird, tut das aber keinen Abbruch. Beim ersten Training sind fast alle 15.000 Plätze des Stadions gefüllt, viele Zuschauer tragen T-Shirts, auf denen "Ireland in Gdynia" steht. Beim Trainingsspielchen wird jedes Tor bejubelt. So wie am Montag, als die DFB-Auswahl im alten Stadion von Lechia Danzig vor über 10.000 jubelnden Fans ein Showtraining abhielten. Die Polen sind liebenswert – vor allem zu ihren Gästen. Jetzt müssen sie nur noch die Liebe zu ihrer eigenen Mannschaft entdecken.

"Ein kleines Finale"

Das Team von Trainer Frantisek Smuda stellt nach Deutschland den zweitjüngsten Kader dieser Europameisterschaft. Das DFB-Team wird für ihre Özils, Götzes und Benders bejubelt, es genießt in der Öffentlichkeit einen hohen Kredit. Die Mannschaft von Joachim Löw wird wegen ihrer jugendlichen Unbekümmertheit geliebt. In Polen gibt der Altersdurchschnitt eher Anlass zur Sorge. Vielleicht ist man deshalb nur vorsichtig optimistisch und noch nicht in Partylaune. Kapitän Jakub Blaszczykowski hält den Auftakt gegen Griechenland auch für die Stimmung im Land entscheidend: "Das erste Spiel ist das allerwichtigste, es wird praktisch ein kleines Finale für uns sein", sagt "Kuba". Wenn am Abend der ersehnte Sieg gelingen sollte, dann wird wohl auch Sopot Kopf stehen. „Die Monte-Cassiono wird brennen“, verspricht Kasia, die freundliche Bedienung aus dem "Vanilla Cafe". Sie wird es wissen.


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