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EM-Quartier der Nationalmannschaft Willkommen bei den Fröschen


Die deutsche Nationalmannschaft reiste heute zu ihrer Unterkunft in Polen - ein unwirklicher Ort. Im "Tal der Freude" quaken die Frösche um die Wette. Nationalheld Lech Walesa wohnt um die Ecke. Sonst ist nicht viel.
Von Klaus Bellstedt, Sopot

Es ist kalt in Danzig. Zehn Grad vielleicht. Mehr nicht. Von der nahen Ostsee weht ein frischer Wind. Die Menschen huschen über leere Straßen und stellen die Mantelkrägen hoch. Vier Tage vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft sind dort, wo die deutsche Nationalmannschaft ab Montagnachmittag ihr Quartier bezogen hat, weder das Wetter noch die Polen in EM-Form. Alles wirkt grau und ein bisschen trist. Bemüht haben sie sich in Danzig. Das schon. "Dansk welcomes you" steht hier und da auf großen violetten Plakaten. An den Laternen auf den Zufahrtsstraßen und in der historischen Altstadt sind kleine Flaggen angebracht. Die Straßenverhältnisse? Nun ja. Ausbaufähig. Überraschend ist das nicht. Überraschender ist da schon der Zufahrtsweg, der zum "Dwor Oliwski, dem DFB-Hotel während der EM, führt. Das Navigationsgerät warnt: "Vorsicht, sie befahren eine unbefestigte Straße". Eine Straße, die durch einen Märchengrund auf direktem Weg in die Walachei führt.

Jeder, der sich in den nächsten knapp dreieinhalb Wochen ins Quartier der Nationalmannschaft im Hinterland von Danzig aufmacht, muss durch dieses mit Natursteinen gepflasterte Nadelöhr. Rechts und links stehen hohe Bäume, deren Äste an die Autofenster schlagen. Die wenigen Häuser auf dem Weg zur deutschen Luxusherberge sind verfallen. Man fühlt sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Merkwürdigerweise gilt der Danziger Stadtteil "Oliwa" auch als Nobelort. Lech Walesa besitzt hier ein Privatschloss. Vielleicht deshalb – und wegen des "Dwor Oliwski", des "Olivenhofs".

Alles bereitet zum Chillen

Es ist ein sehr exquisiter Ort, den sich der DFB für die Zeit bei der EM da ausgesucht hat. Das Nationalteam wohnt in einem stilvoll restaurierten und aus mehreren kleinen barocken Fachwerkhäusern bestehenden Anwesen. Herein kommt man nur noch mit Sondergenehmigung. Die Anlage wird rund um die Uhr bewacht. Der sechs Meter hohe Zaun einer deutschen Firma um das Gelände tut sein Übriges. Der gesamt Nationalmannschaftstross wird diesen Zaun die meiste Zeit von Innen betrachten. Aber natürlich haben Philipp Lahm und Co. in den kommenden Wochen besseres zu tun, als gegen Bretter zu starren. Die Spieler wollen Europameister werden. Deshalb muss während eines so langen Turniers auch eine stabile Wohlfühlatmosphäre herrschen. Und im Dwor Oliwski“ ist dieses Chillout-Klima gesichert.

Die etwa zwei Hektar große Parkanlage ist gespickt mit Hollywood-Schaukeln und Strandmuscheln. Die Tischtennisplatten sind bereit aufgestellt. Auch ein überdimensionaler Grill und dutzende Paletten alkoholfreien Bieres wurden schon geliefert. Unweit des Parkplatzes warten in einem Pavillon etliche Golfcarts und noch mehr Mountainbikes. Damit kann das DFB-Team dann den Weg zum Trainingsplatz antreten, der rund 200 Meter entfernt angelegt wurde. Schließlich wird ja auch malocht. Inzwischen ist dort, wo vor wenigen Wochen noch Acker gewesen sein soll, saftiger Rasen gewachsen. Dank des Wassers aus einer kleinen Fischzucht, die ebenfalls auf dem Grundstück des Hotels angesiedelt ist. Aber die Fischzucht hat auch seine Tücken. Sollte Lukas Podolski in seiner Suite einmal nicht schlafen können, liegt das vermutlich am unaufhörlichen Gequake der Frösche, das rund um den "Olivenhof" zu vernehmen ist. Ok, ein Sägewerk in der Nachbarschaft wäre schlimmer gewesen.

Sie werden einsam sein

"Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach über das Quartier der Nationalmannschaft, in dem das Doppelzimmer inklusive Frühstück in Nicht-EM-Zeiten 110 Euro kostet. Selbst als die Auslosung der Vorrunde im Dezember drei weite Reisen in die Ukraine bescherte, blieb man bei der Wahl. "Wir stehen zu dieser Entscheidung", so DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, "wir stehen zu Danzig." "Dolina Radosci" wird das Gebiet, in dem sich das "Dwor Oliwski" befindet, von den Einheimischen genannt, das "Tal der Freude". Ob der Ort der deutschen Nationalmannschaft Freude bereiten, aber vor allem Glück fürs Turnier bringen wird, muss sich erst noch herausstellen. Fest steht vor allem eines: Sie werden dort einsam sein. Aber das ist ja so gewollt.


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