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Fußball-Europameisterschaft Was Ukrainer über den Boykott denken


In der Ukraine sind sich Bürger und Journalisten einig: Der Boykott der Fußball-EM ist schlecht für das Land. Uneins sind sie in der Frage: Wer ist schuld? Ein Streifzug durch Blogs und Artikel.
Von Aleksandra Jolkina

Wenn es eine Bewertung gibt, die in vielen Medien der Ukraine zu lesen ist, dann diese: Die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft ist ein Symbol dafür, dass das Land auf dem Weg nach Europa ist. Und der drohende Boykott ist ein Symbol dafür, dass das Land noch weit weg von europäischen Standards ist. Ein zwiespältiger Befund, in dem sich Stolz und verletzter Stolz gleichermaßen spiegeln. Führende EU-Politiker, darunter die EU-Kommission sowie Kanzlerin Angela Merkel hatten gedroht, nicht in die Ukraine zu reisen. Es wurde sogar offen über eine Verlegung der EM nach Polen, Österreich oder Deutschland spekuliert. Grund dafür ist der Umgang der ukrainischen Behörden mit der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko, die schwer erkrankt ist.

Aber wer ist schuld an dieser Lage? Blogger, Journalisten und Bürger geben darauf recht unterschiedliche Antworten.

Die Bloggerin Elena Korunowa schreibt auf der Webseite Pressa Ukraini, die ukrainische Regierung sei selbst für den Boykott verantwortlich. Das harsche Vorgehen gegen Timoschenko habe den Absagen von europäischen Staats-und Regierungschefs geführt. "Ihre Abwesenheit bei der EM in der Ukraine ist eine offensichtliche Schande für das Land", findet Korunowa.

Milliarden verschwendet?

Es ist nicht nur die Politik des Präsidenten Viktor Janukowitsch, die in der ukrainischen Öffentlichkeit verärgert diskutiert wird. Es stehen auch Vorwürfe im Raum, dass es bei der Organisation der EM zu Geldverschwendung und Korruption gekommen sei. Im Gegensatz zu Polen war es der Ukraine nicht gelungen, ausländische Investoren an der EM zu beteiligen - alle Bauten wurden aus Steuergeldern finanziert. Arsenij Jazenjuk, Chef der Partei "Front der Veränderungen", die gemeinsam mit Timoschenkos Vaterlandspartei bei den Wahlen im Herbst antreten wird, schätzt den Schaden für den ukrainischen Steuerzahler auf zehn Milliarden Dollar. "Das Stadion in Kiew ist eines der teuersten Infrastrukturprojekte der Welt. Ich nehme an, dass 50 Prozent des Geldes einfach an Offshore-Gesellschaften gegangen ist", zitiert ihn die ebenso unabhängige wie einflussreiche Online-Zeitung Ukrainska Prawda. Aussagen wie diese schüren in der Bevölkerung die Sorge, dass die Einnahmen durch die Fußball-EM die Kosten nicht decken werden - und die Ukraine auf einem fetten Minus sitzen bleibt.

Mustafa Najem, Autor der Ukrainska Prawda, schreibt, dass sich die EM für die Ukraine wirtschaftlich nicht lohnen werde. Aber Janukowitschs Team hätte zumindest die Chance gehabt, das Land in einer "sauberen, schön gestalteten Verpackung" zu präsentieren. Der Boykott sei nicht nur ein Schlag für Janukowitsch, sondern auch für das Image der Ukraine. "Denn egal, wie sich die Ereignisse entwickeln werden: Die Euro 2012 nicht mehr eine triumphale Präsentation des Landes sein, von der wir vor fünf Jahren geträumt haben. Es wird ein Fest für die Europäer auf dem Territorium der Ukraine sein - auf Kosten der Ukrainer und mit einem unangenehmen Nachgeschmack für die zukünftigen Generationen", schreibt Najem.

Doppelmoral des Westens

Andererseits gibt es auch viele, die den Boykott-Aufruf scharf kritisieren und sich über die Doppelmoral des Westens beklagen. Die pro-europäische ukrainische Tageszeitung "Den" schreibt von einem "Informationskampf gegen die Ukraine", den westliche Medien führten. Die Zeitung zitiert einen Tweet von Stefan Füle, EU-Kommissar für Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik: "Die EM wird ein Fenster sein, durch das Europa nicht nur sehen kann, wie in der Ukraine Fußball gespielt wird, sondern auch, ob Kiew nach europäischen Regeln und Standards spielt." Das kommentiert die Zeitung mit den Worten: "Es scheint, dass jemand dieses Fenster gründlich zu verdunkeln versucht. Es gibt so viele negative Nachrichten, und längst nicht alle sind glaubwürdig."

Konstantin Bondarenko, ein der regierenden "Partei der Regionen" nahestehender politischer Kommentator, schreibt in der Ukrainska Prawda: "Die Boykotte der Olympischen Spielen seit 1920 haben immer wieder gezeigt, dass dieses Druckmittel bei politischen Themen wirkungslos ist. Und es ist hässlich, wenn der Sport mit der großen Politik vermengt wird. Der Sport soll zusammen führen, nicht trennen." Bondarenko glaubt, dass sich Janukowitsch nicht davon beeindrucken lassen wird, sollten Angela Merkel und Manuel Barroso der EM fernblieben. Man müsse ruhig miteinander reden und die Probleme gemeinsam lösen. Bondarenko kritisiert Deutschland auch für seine Doppelmoral - denn es will 2014 an den Olympischen Winterspielen in Russland teilnehmen, obwohl dort der frühere Oligarch Mikhail Chodorkowsky noch immer in Haft sitzt. "Das wirft die Frage auf, ob Angela Merkel auch darauf verzichten wird, die Winterspiele in Sotschi zu besuchen. Es scheint mir, dass ihre Position bezüglich Chodorkowski nicht so kategorisch ist." Nach Ansicht Bondarenkos werden Kiew und Moskau aufgrund dieser Probleme sogar noch näher zusammenrücken.

Verlierer: das Volk Einige sind auch der Meinung, dass andere Länder keinen Anspruch hätten, sich in die inneren Angelegenheiten der Ukraine zu einmischen. Bloggerin Julia Borschewskaja schreibt in der populärsten ukrainischen Online-Zeitung "Korrespondent.net": "Ukrainer haben eine perverse Liebe für die Demütigung ihres Landes. Ich finde, wir sollten Ausländern klar machen, dass wir uns um unsere Skandale schon selber kümmern."

Die Hauptverlierer des Boykottes könnte ohnehin die einfache Bevölkerung ausfallen. "Gott sei Dank, dass nur Politiker darüber nachdenken, die Meisterschaft zu boykottieren ", sagt Galina Fedorchenko, Einwohnerin Kiews, zu stern.de: "Die Ukrainer hoffen auf Gäste und Gewinn. Sie haben in viele Projekte investiert, in Restaurants und Hotels. Manche haben speziell wegen der EM die englische Sprache gelernt. Es wäre bitter schade, wenn alles ausfallen würde." Der Kiewer Jurij Sadowskij vertritt eine ähnliche Meinung. Er sagt, der Boykott würde die einfachen Ukrainern beleidigen: "Sie zielen auf dem Land, aber schlagen die Menschen. Warum können die Politiker nicht Gespräche führen und warum müssen die Ukrainer leiden?"

Mitarbeit: lk

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