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Böhmermann-Anwalt Christian Schertz Der Anti-Erdogan

Anwalt Christian Schertz
Anwalt Christian Schertz vertritt Jan Böhmermann in Medienfragen
© DDP
Die Bundeskanzlerin lässt im Fall Jan Böhmermann strafrechtliche Ermittlungen zu. Auf den ZDF-Entertainer kommen Wochen der Unsicherheit zu. Seit Kurzem hilft ihm der Medienanwalt Christian Schertz. Auch über ihn machte sich Böhmermann schon lustig. Doch statt zu klagen, verteidigt er ihn jetzt.

Der Mann, der Jan Böhmermann nun im Mediengewitter schützen soll, hat schon selbst erlebt, was es heißt, von Böhmermann verkaspert zu werden. Böhmermann lässt im "Neo Magazin Royale" häufiger den "Scherz-Anwalt Dr. Witz" auftreten. Liliputaner, schwarze Brille mit kräftigem Rand, ein Rundbart schmiegt sich um die Mundwinkel. Der "Anwalt" legt dann gerne mal los. Wie nach #Varoufake: Er beleidigt Böhmermann, nennt die Sendung eine "beschissene Digital-Sparten-Satire-Show" und verliest eigentlich eine Gegendarstellung zum Varoufakis-Mittelfinger im Namen von Günther Jauch. Klar darf der Hinweis nicht fehlen, dass "Günther Jauch" in einem Jahr so viel Kohle einfährt wie das Finanzamt Athen.

Böhmermann hat damit das Klischee-Abziehbild des Medienanwalts Christian Schertz geliefert. Der Tenor: Schertz sei der Mann, der die Promis verteidigt. Er sei der Mann, der die Reichen schützt. Und Schertz vertrat jüngst ja auch Nico Rosberg im Zuge der Panama-Papers, er verteidigte den DFB in der Sommermärchen-Krise gegen den "Spiegel", zu seinen Klienten zählen Maria Furtwängler oder Hannelore Elsner. Und Claudia Roth hilft Schertz, gegen Schmähungen der AfD vorzugehen.

Schertz: mehr Krisen-Manager als Promi-Wunsch-Erfüller

Nun ist nun also auch Jan Böhmermann sein Klient. In dieser für ihn schwierigen Zeit hat sich Böhmermann an denjenigen gewandt, den er schon aufs Korn nahm. Er braucht jemanden, der ihn in der Schmähgedicht-Affäre durchs Dickicht der Berichterstattung lotst. Und Schertz zählt auf dem Gebiet zu den Besten. 1996 promovierte der heute 50-Jährige bereits über die Auswertung von Persönlichkeitsrechten. Seine Kanzlei Schertz & Bergmann gilt als eine der führenden Kanzleien im Medienrecht. Schertz bekleidet eine Professur an der TU Dresden am Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbsrecht und Medienrecht. Im Interview mit der "Zeit" sagte er zu seiner Rolle als Medienanwalt einmal: "Mir wird gerne vorgeworfen: Ach, der Schertz, das ist der "Anwalt der Schönen und Reichen". Dann sag ich schlicht und einfach: Ja, ich habe mich als Anwalt für den Persönlichkeitsschutz entschieden, und das betrifft halt oft Prominente." Dass Schertz auch zahlreiche Fälle von "einfachen" Leuten annimmt, betont er im Interview nur kurz im Nachsatz.

Nachtragend ist Schertz offenbar nicht. Die Vorgeschichte mit Böhmermann nimmt er locker. Zur eigenen Persiflage sagte er: "Ich habe es als Kompliment empfunden". Statt zu klagen, verteidigt er ihn. Damit wird Schertz gewissermaßen zum Anti-Erdogan. Schertz scheint in dieser Geschichte ohnehin wohl eher die Herausforderung zu reizen. Schaut man sich seine Fälle an, dann ist er eher ein Krisen-Manager als ein Erfüller von Promi-Wünschen.

Schertz und die Medien

Seinen Arbeitsschwerpunkt sieht Schertz im "Verhindern von falscher, rufschädigender, rufvernichtender Berichterstattung". Das wird jetzt auch im Fall Böhmermann gefragt sein. Die "Bild"-Zeitung druckte bereits Abschüsse von Böhmermann vor seinem Haus. Schertz streitet sich gerne mit der Presse, auch mit dem stern. In seinem Buch "Privat war gestern" und in einem Gespräch mit "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann bei 20zwoelf.de kritisiert er die Boulevardisierung der Medien, sieht Persönlichkeitsrechte verletzt. Auf der anderen Seite attackieren ihn Journalisten oder Prozessgegner, nennen ihn einen "Zensurguru", sehen die Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Wohl auch wegen dieser Auseinandersetzungen könnte Schertz der perfekte Anwalt für Böhmermann sein. Schertz ist es gewohnt, täglich zwischen Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten zu manövrieren. Wie er die Lage juristisch zum Erdogan-Gedicht einschätzt? Schertz schreibt, es stehe ihm nicht zu, über die Motive von Angela Merkel zu spekulieren. "Allerdings fügt sich dieses Verhalten ein zu der Aussage der Bundeskanzlerin, dass sie das Gedicht in einem Telefonat mit dem Türkischen Ministerpräsidenten bereits als "bewusst verletzend" bewertet hat. Damit hat sie die Definition der Schmähkritik benutzt und eine rechtliche Bewertung vorgenommen." Zudem, so schreibt Schertz weiter, "wurde bei dieser Einschätzung offensichtlich übersehen, dass das Gedicht nicht solitär verbreitet wurde, sondern im Rahmen einer Gesamtdarstellung über das, was in Deutschland erlaubt ist und was nicht. "

Man konnte ohnehin erahnen, in welcher Rolle Schertz Böhmermann in dem Fall sieht. Im Interview mit der "Zeit" sagte Schertz im vergangenen Jahr: "Ich will einmal rückblickend sagen können, im Wesentlichen auf der richtigen Seite gestanden zu haben." Im aktuellen Fall dürfte er sich jedenfalls der moralischen Unterstützung des Großteils der Bundesrepublik gewiss sein. Vielleicht lässt Böhmermann als Dank ja irgendwann nochmal eine richtig fiese Persiflage raus.


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