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Schauspieler: "Weissensee"-Star Jörg Hartmann: Heulend am Boden

Egal, ob als "Tatort"-Kommissar oder wie zuletzt in "Weissensee":  Schauspieler Jörg Hartmann weiß, wie man das TV-Publikum begeistert. Für die Vorbereitung auf seine Rollen quält er sich gern auch mal selbst.

Jörg Hartmann überzeugt sowohl im "Tatort" als auch in "Weissensee"

In voller Blüte: Jörg Hartmann ist einer der begehrtesten Schauspieler Deutschlands

Zwei Kaffeetassen und einen Salzstreuer braucht Jörg Hartmann, um die Handlung von "Weissensee" zu skizzieren. Hartmann sitzt im Café Heider in Potsdam, vor ihm liegt eine Papierserviette. Links und rechts, jeweils auf die Ecken, stellt er eine Kaffeetasse. In der Mitte des Papiers lässt Hartmann den Salzstreuer nervös hin und her hüpfen. Mal stampft der Streuer zur einen Tasse, mal zur anderen, und unterwegs verliert er eine Menge Salzkörner. "Seltsam, dieser Kerl, oder?", sagt Hartmann, "weiß nicht, wo er hingehört, und schlägt dabei um sich."

Der Salzstreuer, das ist die Figur des Falk Kupfer aus der ARD-Serie. Jenes Stasioffiziers, den Hartmann seit acht Jahren spielt und den es zerreißt zwischen den beiden Polen seines Lebens: der Familie und der Staatssicherheit.

Jörg Hartmann ging mit Faber unter

Für die Rolle ist Hartmann mehrfach ausgezeichnet worden, so mit dem Deutschen Fernsehpreis, und auch in der jetzt anlaufenden vierten Staffel ist der luzide und zugleich so verletzliche Falk Kupfer eine der stärksten Figuren.

Jörg Hartmann, 48, aufgewachsen in Herdecke, Ruhrgebiet, ist sich unsicher an diesem Morgen im Café Heider, ob er erzählen soll, wie er sich auf seine Rollen vorbereitet. Eine Familienaufstellung mit Kaffeetassen und Salzstreuer? "Da könnte man mich ja für einen Esoteriker halten", sagt er, "für so einen Softie."

Andererseits – was hat er zu verlieren? Hartmann ist einer der begehrtesten deutschen Schauspieler. Einer, der an der Berliner Schaubühne bewiesen hat, dass er große Theaterrollen beherrscht, und der auch im Fernsehen sehr erfolgreich ist, mit "Weissensee" und auch mit dem Dortmunder "Tatort", wo er Peter Faber, den Leiter der Mordkommission, spielt.

Und doch sieht sich Hartmann nicht am Ende seiner Entwicklung als Schauspieler. Er sucht noch immer nach einem Weg, die beiden Kräfte in Einklang zu bringen, die in ihm arbeiten.

Da ist das Bedürfnis, sich perfekt auf eine Rolle vorzubereiten. Alles zu lesen über seine Figuren, über den politisch-historischen Kontext, in dem sie angesiedelt sind. Und, wenn möglich, führt er Interviews mit Zeitzeugen. Hartmann recherchiert, als müsste er selbst das Drehbuch schreiben.

Gelähmt, aber noch immer brutal: Hartmann als Kopf der Familie Kupfer in "Weissensee"

Gelähmt, aber noch immer brutal: Hartmann als Kopf der Familie Kupfer in "Weissensee"

Und da ist der Wunsch, all das zu vergessen. Das "draufgeschaffte Wissen wegzudrücken", wie er sagt, und ganz in die Figur zu kriechen. Sie zu verstehen mit ihren Nöten und Ängsten, das Drehbuch nur als Vorlage zu nehmen und die Figur dann selbst auszugestalten, sie mit einer Geschichte anzufüllen.

So hat Hartmann es auch mit der Rolle des Kommissars Faber gemacht. Seine damalige Frau half ihm dabei. "Wir wollten wissen: Wo brennt bei dem die Flamme? Wo steckt sein Schmerz? Im Kopf? In der Brust?", sagt Hartmann. "Was macht den so kaputt?"

Stundenlang haben sie sich eingefühlt in diesen Faber, der seine Familie bei einem Mordanschlag verloren hat und sich wie besessen in die Arbeit stürzt, um zu verdrängen, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Je länger Hartmann und seine Frau spielten, je düsterer die Welt wurde, die sie sich bauten, desto mehr lösten sich die Grenzen auf zwischen Figur und Schauspieler.

Hartmann ging unter mit Faber.

"Am Ende lag ich heulend auf dem Boden" , sagt Hartmann, "ich hätte nie gedacht, dass mich das so umhauen könnte. Ich bin doch eigentlich ein analytischer Typ."

Abgründe verstehbar machen

Das Herz hatte den Kopf überwältigt. So war es auch geplant – bloß nicht mit so viel Schmerz, nicht mit so viel Schinderei.

Heute findet Hartmann leichter in seine Rollen. Noch immer intuitiv, aber ohne Kontrollverlust.

Mitte April, Klinikum Dortmund, Haus B. Jörg Hartmann betritt das Catering-Zelt vor dem Krankenhaus, in der Hand einen Teller mit vegetarischem Gyros. Es ist halb fünf am Nachmittag, hier beim Film nennen sie das Mittagspause.

Hastig führt er die Gabel zum Mund, gleich schon geht es weiter mit dem Dreh des "Tatorts" "Inferno", der 14. Folge mit Hartmann als Kommissar Faber in der Hauptrolle.

"Was ist das bloß für eine Luft da drin", stöhnt Hartmann und weist mit dem Daumen nach hinten, Richtung Krankenhaus. "Kaum Sauerstoff, keine Fenster, nur Neonlicht, da wird man ganz weich in der Birne. Aber gut: Ich kann's ja gebrauchen."

Häufiger Rollenwechsel: Hartmann im Theaterstück "Professor Bernhardi" an der Berliner Schaubühne

Häufiger Rollenwechsel: Hartmann im Theaterstück "Professor Bernhardi" an der Berliner Schaubühne

Die Ermattung, das Gefühl, jederzeit wegdämmern zu können, hilft Hartmann an diesem Tag, denn er muss die Figur des depressiven Ermittlers mal wieder an ihre Grenzen führen. Faber kämpft mit einer Medikamentenvergiftung; in der Notaufnahme wird er langsam zurück ins Leben geholt.

Hartmann spielt das wunderbar zurückhaltend, diesen schweren Weg, bis Faber wieder zu Kräften kommt. Die Trostlosigkeit der Krankenhausstation, Hartmann hat sie in sich aufgesogen. Er hockt da auf seinem Bett, im speckigen braunen Parka, der ihm zur zweiten Haut geworden ist, und sammelt Kraft für ein paar fiese Worte, die er gleich seinen beiden Kolleginnen entgegenschleudern wird.

Hartmann gelingt es mit großer Meisterschaft, den beiden Serienfiguren, Faber im "Tatort" und Kupfer in "Weissensee", Tiefe zu geben. Er folgt ihnen in ihre Abgründe, macht sie verstehbar, sogar mitunter sympathisch – und doch gerät Hartmann bei beiden Figuren an ein Limit.

Sein Vater war ein begnadeter Clown

Denn eigentlich ist Falk Kupfer nach 24 Folgen auserzählt. Die neue Staffel ist zwar guter Fernsehstoff, aber der Sog, der einst von der Serie ausging, schwindet. Kupfers Familie wird in der Nachwendezeit auseinandergerissen, jeder versucht auf seine Weise, im neuen Deutschland Fuß zu fassen. Manchem der Handlungsstränge fehlt es an liebevoller Ausgestaltung; die Wende bloß als wilde Phase darzustellen kann nicht überzeugen.

Und auch Kommissar Faber steuert langsam auf einen dramaturgischen Endpunkt zu. Jeden Winkel seiner düsteren Seele hat Hartmann ausgeleuchtet. Faber wirkt so zerfleddert, dass es keine Rettung mehr für ihn geben kann. "'Tatort'-Kommissar ist sicherlich kein Job auf Lebenszeit für mich", sagt Hartmann.

Er will nicht auf die Rolle des TV-Kommissars reduziert werden, will irgendwann raus aus diesem Raster und Neues wagen.

Was das sein könnte, glaubt Thomas Ostermeier zu wissen. Ostermeier, 49, ist Künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne. Er kennt Hartmann seit Ende der 1990er Jahre, als der vom Nationaltheater Mannheim nach Berlin gewechselt war.

"Jörg besitzt ein gewaltiges komödiantisches Talent" , sagt Ostermeier in seinem Büro am Lehniner Platz. "Im Fernsehen kommt er hauptsächlich als der kalte, kantige Kerl rüber. Aber er hat auch eine leichte Seite. Im 'Sommernachtstraum', den ich mit ihm 2006 gemacht habe, war er als Oberon so humorvoll – das hatte Marx-Brothers-Niveau."

Jörg Hartmann als Leiter der Mordkommission im Dortmunder "Tatort"

Jörg Hartmann als Leiter der Mordkommission im Dortmunder "Tatort"

Hartmann hat schon als Kind gelernt, wie man das macht: viele Menschen zum Lachen zu bringen. Sein Vater Hubert, Hallenwart der TSG Herdecke, war ein begnadeter Clown. Bei den Feiern der Handballabteilung führte er eine selbst erfundene Gebärdensprache auf. Seine Eltern waren beide gehörlos; Hubert war ihr Übersetzer und dachte sich nebenbei absurde Geschichten aus, die er aufführte vor den Biertischen seiner Vereinskollegen.

"Die Leute haben gejohlt", erzählt Jörg Hartmann. "Mach's noch mal, Hubsi!, haben die gerufen. Meiner Mutter war das peinlich. Ich fand's aber gut."

Noch hat Hartmann nicht den passenden Komödienstoff für sich gefunden. Angebote bekommt er genügend, aber er will die Dinge jetzt selbst in die Hand nehmen. Hartmann arbeitet an einem Drehbuch für einen Fernsehfilm; parallel sammelt er ein Team um sich für ein weiteres Projekt. Alles noch ganz frisch, alles noch nicht zum Erzählen.

Im Mai ist Hartmann mit der Schaubühne in Frankreich unterwegs, danach spielt er die Rolle des Walter Gropius in einem Bauhaus-Film für die ARD. Und dann will Hartmann sich Zeit nehmen für sein Drehbuch. Ein kleines, präzise gebautes Stück soll es werden.

"Ich verrate nix."

Im Café Heider in Potsdam umspielen Hartmanns Finger die Kaffeetassen und den Salzstreuer. Er könnte jetzt mal schnell die Figurenkonstellation seiner eigenen Geschichte nachstellen, oder?

"Netter Versuch", sagt Hartmann, "ich verrate aber nix."

Er muss jetzt los. Die Gropius-Biografie weiterlesen, das ganze Material verschlingen, was es zu diesem Jahrhundert-Architekten gibt.

Und um alles wieder zu vergessen, wenn der erste Drehtag beginnt.


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