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Karaoke-Show "Shibuya": Gülcan als besserer Bohlen

In der Viva-Show "Shibuya" singen gut gelaunte Kandidaten für 1000 Euro Taschengeld im Karaoke-Duell um die Wette. Wie die Jury ihre Punkte vergibt, ist bei der "Superstar"-Sparversion völlig schnuppe. Hauptsache, es hat allen Spaß gemacht.

Von Peer Schader

Karaoke ist ein schlimmes Wort. Man muss dabei unweigerlich an düstere Vorortspelunken denken, in denen betrunkene Bankangestellte nach Feierabend alte Hitparaden-Songs nachheulen und dabei Textzeilen lallen, die auf dem Bildschirm vor ihnen rosa eingefärbt werden, sobald sie intoniert werden müssen. Kurz gesagt: Es gibt angenehmere Möglichkeiten, seine freie Zeit zu nutzen, am besten ohne sich vor wildfremden Leuten komplett zu blamieren, weil man nach dem sechsten Bier keinen einzigen Ton mehr trifft. Vielleicht sind das aber auch bloß überholte Vorurteile. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Ex-Musiksender Viva heute Abend bereits die zweite Staffel seiner Karaoke-Show "Shibuya" startet.

"Shibuya", das ist ein Bezirk der Millionenmetropole Tokio, in der das Nachsingen vor Publikum, das in Japan so selbstverständlich zum Abendvergnügen gehört wie hierzulande der Kinobesuch, angeblich erfunden wurde. Das ist gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Einerseits, weil sie sich bei Viva offenbar tatsächlich mal was dabei gedacht haben, als sie einen Titel für eine neue Show gesucht haben, und andererseits, weil Karaoke jetzt auch Spaß machen darf, wenn man nicht kurz vor der Alkoholvergiftung steht. Das geht so: Vier Kandidaten treten mit einstudierten Songs ihrer Wahl gegeneinander an, eine Jury mehr oder minder wichtiger Promis bewertet die Performance, dann fliegt einer raus und die nächste Runde beginnt. Und ob man's glaubt oder nicht: Die durch und durch unaufregende Wettsingerei ist richtig unterhaltsam.

Kandidaten-Recall der Superstar-Rausflieger

"Hast du ein Glück, dass keine BHs geflogen sind, sonst wärst du da noch drauf ausgerutscht", witzelt Moderatorin Gülcan, weil der Martin, der eigentlich ein bisschen schüchtern ist, so einen irre guten Auftritt hatte. Jurymitglied Lukas Hilbert sagt: "Man muss erstmal den Mut haben, sich hier hinzustellen und loszurocken." Dann buht das Publikum ganz laut, weil Hilberts Kollege Joachim Deutschland nur so wenige Punkte vergibt, aber Kandidat Martin strahlt, weil er trotzdem eine Runde weiter kommt, und das muss ihm Herausforderin Dominika mit "Upside down" von Diana Ross erstmal nachmachen. Wer schon immer mal wissen wollte, was eigentlich mit den Kandidaten passiert, die bei "Deutschland sucht den Superstar" im ersten Recall rausfliegen, der bekommt hier die Antwort: Die landen alle bei "Shibuya".

Bewertungskriterien völlig unklar

Anders als die Casting-Shows bei den großen Sendern kommt "Shibuya" völlig ohne Dramatik aus. Wer rausfliegt, ist eben raus. Da bleibt keine Zeit für Tränenbilder oder Wie-fühlst-du-dich-jetzt-Interviews, nach 45 Minuten steht der Sieger fest und Viva schießt 1000 Euro zum Taschengeld dazu. Nicht mal die Jury, in der neben den Popwichten Deutschmann und Hilbert auch noch Ex-No-Angel Lucy sitzt, weiß so genau, was sie eigentlich bewerten soll: ob jemand besonders gut singen kann oder ob er sich bloß möglichst affig benimmt, um zu überspielen, dass er den Text nicht kennt. Das Spannende an "Shibuya" ist nämlich: Ab Runde 2 sind die Kandidaten völlig auf sich gestellt. Sie bekommen Songs zugewiesen, haben keine Zeit zu proben und müssen von einer Sekunde auf die nächste "Hung up" von Madonna drauf haben oder den neuen Hit der Boyband US5. Da kommt es schon mal vor, dass der Rocker plötzlich in höchster Tonlage die Bee Gees nachsingt. Komisch, dass die das Viva-Publikum überhaupt noch kennt.

Gülcan sieht Poporitzen

Selbst Moderatorin Gülcan schert sich nicht weiter drum, wie die Jury ihre Punkte verteilt. Überhaupt: Gülcan! So ein Sonnenschein! Die 23-Jährige, deren Stimme völlig überdreht, wenn sie gegen das laut johlende Publikum anschreien muss, plappert bei "Shibuya" alles und jeden gegen die Wand. Sie sagt "Wowi", wenn einer gut war, und lobt: "Martin, du Bühnensau". Sie grinst schelmisch, weil sie "die Poporitze" eines Kandidaten gesehen hat, der sich bei seiner Performance fast die Hose ausgezogen hätte und fordert "komm runtergefladdert", wenn der nächste auf die Bühne muss. Ist die Jurywertung mal nicht so gut, sagt sie: "Auch ok - geht ja noch." Läuft es besser, fiept sie begeistert: "Neun Punkte - aufgerundet sind's ja schon zehn!"

Karaoke-Show Überraschungserfolg für Abspielsender

"Shibuya" ist ein echter Überraschungserfolg für Viva, das seit der MTV-Übernahme vor fast zwei Jahren an der Wahrnehmungsgrenze erwachsener Fernbedienungsbesitzer konsequent vorbeisendet. Nach dem Start der ersten Staffel im vergangenen Jahr hat sich "Shibuya" laut Sender neben der eher peinlichen Kuppelshow "Jung, sexy sucht" zum erfolgreichsten Viva-Format gemausert. Das ist erstmal nicht weiter verwunderlich, weil mit Wiederholungen günstig eingekaufter Pro-Sieben-Realitysoaps und wenig spannenden Chartshows, die nun das Viva-Programm füllen, keine Quotenrekorde zu erwarten sind - obwohl Viva nach der Neuausrichtung in diesem Jahr erstmals wieder einen Zuschauerboom meldet. Dank "Shibuya" gibt es aber die Hoffnung, dass der Sender nicht dauerhaft zum reinen Abspielkanal verkommt und irgendwann dasselbe Schicksal erfährt wie der Schwesterkanal Viva Plus, der nächstes Jahr durch einen Comedy-Channel ersetzt werden soll.

Wettsingerei entspannt und pathosfrei

Noch dazu ist Viva mit seiner Karoake-Show auf dem besten Weg, das ganze Castingshow-Theater, das RTL mit "Deutschland sucht den Superstar" angestachelt hat und dem Pro Sieben im August mit "Popstars" folgen wird, als übertriebene Teenie-Panikmache zu enttarnen. Ganz einfach, indem "Shibuya" völlig entspannt und pathosfrei mit der Wettsingerei umgeht, die Jury auch mal hektisch Zeichen gibt, wenn sich ein Kandidat in der Tonlage irrt und absolutes Interviewverbot für Eltern, Verwandte und Freunde herrscht, allein schon aus Zeitgründen. Wenn das Dieter Bohlen sehen könnte! Der würde sich bestimmt im Grabe umdrehen, das er sich mit seiner "Superstar"-Dauerpräsenz zuvor selbst geschaufelt hat.

Die zweite Staffel von "Shibuya" läuft ab dem 18. Mai, von 21 bis 22 Uhr, außerdem Montag bis Freitag von 17.30 bis 18.30 Uhr und am Sonntag vo 14 bis 15 Uhr auf Viva