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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Dem Erich sein Programm

Ein neues Buch erinnert an eine versunkene Kultur und gewährt Einblick in eine Welt, die den meisten Bundesbürgern verborgen blieb: "Das dicke DDR-Fernsehbuch", Untertitel: "Sterne, die nie verglühen". stern-Redakteur und Wessi Alexander Kühn hat es gelesen

90 Prozent der DDR-Bürger konnten Westfernsehen empfangen, aber nur 15 Prozent der Westler das Ostfernsehen. Nicht dass diese etwas vermisst hätten - gab es doch im freieren Teil Deutschlands genug Scheußlichkeiten: "Blauer Bock", "Lustige Musikanten", "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht". Undsoweiter. Undsofort.

Zeugnis des deutschen demokratischen Leitmediums und damit einer versunkenen Kultur gibt nun ein Buch, das in diesen Tagen im Eulenspiegel-Verlag erschienen ist. Auf dem Umschlag tanzt, paillettenbesetzt, das Fernsehballett, im Inneren sind die schwarzweißen Höhepunkte des Deutschen Fernsehfunks versammelt: "Das dicke DDR-Fernsehbuch", herausgegeben von Günter Herlt, einst Kommentator beim Ostfernsehen; Untertitel: "Sterne, die nie verglühn". Was nicht ganz stimmt: Wolfgang Lippert, zu Wendezeiten gefeiert als Gottschalk des Ostens, was damals noch als Kompliment galt - dieser Lippi verglühte aber so was von schnell, weil er zwar viel Osten in sich trug, von Gottschalk hingegen nur wenig.

Der singende Schnauzbart Achim Menzel

Einiges aus der Zeit vor 1989 aber, da geben wir dem dicken Fernsehbuch recht, hat überlebt - man muss ja nur einmal die Produktionen des Mitteldeutschen Rundfunks anschauen: "Polizeiruf 110", Gunther Emmerlich oder der singende Schnauzbart Achim Mentzel, zu welchem sich in dem Buch der schöne Satz findet: "An diesem Mann und Musiker und Moderator scheiden sich die Geister." Achim Mentzel, so lässt uns der Herausgeber wissen, war 1973 in den Westen geflüchtet, fasste dort nicht Fuß, kehrte reumütig zurück, kassierte zehn Monate auf Bewährung und musizierte fröhlich weiter.

Oberster Zuschauer des DDR-Fernsehens war ja Erich Honecker. Auch ihn würdigt das Buch. Wenn dem großen Erich ein Film gefiel, so wie "Die Spaziergängerin von Sanssouci" mit Romy Schneider, denn er auf Video gesehen hatte - dann musste der gezeigt werden, Befehl ist Befehl. Und als Honecker sagte, dem Fernsehen mangle es an Unterhaltung, wurde flugs "Ein Kessel Buntes" erfunden. Das Fernsehen, so sah es Honecker, war Teil des Partei-Apparats und sollte behandelt werden wie eine Abteilung des Zentralkomitees.

Gänse oder Puten?

Da gab es zum Beispiel "Zwischen Frühstück und Gänsebraten", eine Show, die 34 Jahre lang am ersten Weihnachtsfeiertag um 11 Uhr zelebriert wurde. 1986 nun begab es sich, dass Polen und Ungarn, die Hauptgänselieferanten, die Verträge mit der DDR brachen und ihr Geflügel lieber in den Westen vertickten, wo mehr zu holen war. Die Bürger der DDR mussten umstellen auf Enten und Puten. Der Minister für Handel und Versorgung forderte, das war kurz vor Weihnachten, den Titel der Sendung zu ändern. Es wurde hin- und hertelefoniert, schließlich behielt man den Namen doch bei, das Fest war gerettet.

Und dann gab es noch jenen Novembertag 1989, als der Herr Schabowski von der Partei etwas von veränderten Reisebedingungen faselte bei einer rasch anberaumten Pressekonferenz. Und mangels besserem Wissen erklärte, die gelten, öh, also: ab sofort, und die Zuschauer am Bildschirm konnten es kaum glauben. Und so ist es, angesichts der Bedeutung, die das Fernsehen in der DDR hatte, nur konsequent, dass es höchstselbst das Ende der Republik herbeigeführt hat