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kühn kuckt - die TV-Kolumne: Kaufen! Kaufen!

Seit 50 Jahren gibt es Fernsehwerbung in Deutschland. stern-Redakteur Alexander Kühn hat drei Jahrzehnte davon mitkonsumiert.

Als Kind wartete ich oft stundenlang auf Rudi Carrell, im Edeka-Laden meiner Tante Ursel. Irgendwann, dachte ich, muss er kommen. Leider kam er nie. Carrell machte damals, in den siebziger Jahren, Fernsehwerbung für Edeka; in einem weißen Verkäuferkittel sang er ein fröhliches Lied, um ihn herum fuhren Hausfrauen mit Einkaufswagen, und ich spürte: Edeka ist gut für mich. So hat das Werbefernsehen bei uns ja begonnen: mit Respektspersonen, die einem aufzeigten, was richtig ist und wichtig. Man gierte, nach all dem Schlamassel mit dem Dritten Reich, nach lebenserfahrenen Vater- und Mutterfiguren, die einem den rechten Weg wiesen. In der Geburtsstunde der deutschen TV-Werbung, am 3. November 1956, spielten Liesl Karlstadt und Beppo Brem, zwei hoch angesehene Volksschauspieler, im Bayerischen Fernsehen ein Ehepaar. Er kleckerte aufs Tischtuch, sie schimpfte, doch kurz darauf war das Tuch wieder rein, und Beppo Brem sagte: "Persil und nichts anderes."

Der Persil-Mann meinte es doch nur gut

Zu meiner Zeit gab es dann bereits den Persil-Mann, der ein bisschen aussah wie Wim Thoelke in schlank. Es gab den Dr. Best, der gern mit Zahnbürsten auf Tomaten rumdrückte. Frau Antje und ihren Käse. Die Waschfrau Klementine. Den Opa, der seinem Enkel immer Bonbons schenkte. Und Frau Lange mit den Storck Riesen. Ich glaubte fest daran, dass diese Leute es gut mit mir meinten. Wenn wir an Waren mit einprägsamer Fernsehwerbung vorbeikamen, rief ich: "Kaufen! Kaufen!" Meist erhörte mich meine Mutter, um der Ruhe willen.

Später, als ich eigenständig einkaufte, lud ich mir den Wagen unmäßig voll mit allem, was mir aus dem Werbefernsehen bekannt vorkam. Das war viel. Es war die Zeit, als die Spots schon aufwendiger gemacht waren als das sie umgebende Programm, als ein Cappuccino trinkender Italiener bekannte, gar kein Auto zu haben und zwei spanische Dörfer nach der Fiesta ihre Pfannen um die Wette schrubbten. Aus finanziellen Gründen hörte ich irgendwann auf, Fernsehwerbung zu schauen, und richtete mich beim Einkaufen fortan nach Sonderangeboten. Was mich auf Dauer auch nicht glücklich machte.

Seit einiger Zeit, genauer gesagt seit meinem Umzug von Hamburg-Ottensen nach Hamburg-Bahrenfeld, kaufe ich die Dinge des täglichen Lebens bei Herrn und Frau Kieffer. Die beiden haben einen Laden in der Stresemannstraße, direkt gegenüber von mir. Sie steht seit 49 Jahren hinterm Tresen, er seit 52, der Sohn wird irgendwann übernehmen. Der Laden ist mit Teppich ausgelegt. Es gibt zwei Sorten Brötchen, helle und dunkle, ein überschaubares Angebot an Wurst und Käse und frisch gebrühten Filterkaffee. Als Zahnpasta nur Colgate. Für unter die Arme 8 mal 4, zur Ganzkörperreinigung Duschdas. Hier gibt es keine Moden. Aber alles, was man braucht. Ich geh so gern zu Kieffers.

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