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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Tiefer, Sat1, tiefer

In einer neuen Doku-Soap von Sat1 kämpfen vier Kandidaten um einen Arbeitsplatz. In weiteren Formaten werden Kranke besucht und Arme beschenkt. Das alles, so hofft man, zum Wohl der Einschaltquote. stern-Redakteur Alexander Kühn wünscht sich noch viel mehr solcher Formate.

Die Holländer wieder, typisch, typisch: Verschenken in einer Fernsehshow eine Niere: Eine todgeweihte Frau soll an diesem Freitag entscheiden, welchem von drei Bewerbern sie ihr Organ spenden wird. Was wurden die Nasen gerümpft in den vergangenen Tagen, ethisch-moralisch und christlich und europäisch und überhaupt!

Und just in dem Moment, da sich auf dem ganzen Kontinent die Nasenmuskeln wieder entspannen, lesen wir dies: Sat1 strahlt vom 13. Juni an eine Doku-Soap aus namens "Ein Job - Deine Chance". Drei, auch mal vier Kandidaten wetteifern in jeder der zwölf Folgen um einen Arbeitsplatz. Nein: um einen Traumjob!

In der ersten Ausgabe sucht ein als "Promi-Friseur" bezeichneter Haarabschneider namens Wolfgang Lippert, nicht identisch mit dem gescheiterten DDR-Entertainer, einen neuen Friseurmeister für seinen Münchner Salon.

Es treten an: Florian, 23, aus Schwaben, der noch etwas Schwierigkeiten mit Hochsteckfrisuren hat; Martina, 21, aus Hessen, die raus will aus der Provinz; Kirstin, 25, aus dem Schwarzwald, die furchtbar aufgeregt ist; Cengiz, 28, aus Darmstadt, die gerne mal Verena Kerth oder Sarah Connor auf dem Kopf rummachen möchte. In der zweiten Folge sucht die schwangere Talk-Gastgeberin Britt eine Kinderfrau und Haushälterin; eine Stelle, von der jede Frau träumt.

Ihr Leben – ein Abenteuerspiel

Der von Sat1 verschickte Pressetext klärt auf: "Die Suche nach dem Traumjob ist eine spannende und emotionale Angelegenheit." Ja, ihr 3,8 Millionen Arbeitslosen, Schluss mit dem Gejammer! Euer Leben, und nur so dürft ihr das sehen, ist spannend - ein Abenteuerspiel! Rücken Sie drei Felder vor, zack, der Mitspieler hat sie rausgekegelt, noch mal von vorn anfangen!

Wenn die Arbeitsuchenden dank Sat1 so viel Spaß haben dürfen, ist es nur legitim, dass auch der Sender etwas zurückbekommt: ordentliche Quoten. Gerade in diesen Zeiten, wo die Zuschauerzahlen so vor sich hindümpeln. Volksnah wolle man werden, sagt der seit kurzem amtierende Chef von Sat1, Matthias Alberti, heute in der Branchenzeitschrift "kressreport": "Wir wollen Sat1 im übertragenen Sinne ein bisschen tiefer legen, damit der Zuschauer unsere Nähe wieder spüren kann." Wir übersetzen: Sat1 goes Stammtisch.

Sat1 goes Stammtisch

Im Juli schreitet das Projekt Tieferlegung weiter voran - mit der Doku-Soap "Gemeinsam stark": Über 18 Folgen werden Familien begleitet, die schlimme Krankheiten oder Unglücke meistern müssen. Das ist echte Anteilnahme, menschliche, all zu menschliche! Und ab Oktober, auch das vermeldet der "kressreport", zeigt Sat 1 eine Adaption des britischen "The Secret Millionaire": Millionäre verlassen für zehn Tage ihre Villa, erkunden soziale Brennpunkte - und verschenken am Ende einen Teil ihres Ersparten. Das ist der gelebte kategorische Imperativ: "Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

Endlose Varianten des tiefer gelegten Gutmenschenfernsehens wären denkbar: Eine Gala, in der Heather Mills ihre Beinprothese verlost oder Frank Elstner sein Glasauge; eine Doku, in der Flachbusige eine chirurgische Kurzreise nach Polen gewinnen können und bierbäuchige Männer drei Wochen Thailand, Betreuung inklusive; oder eine Adoptionsshow mit süßen Babys als Hauptgewinn. Altruismus in höchster Vollendung! Und so liegen wir, in Erwartung weiterer Doku-Formate, auf unserer Couch und stöhnen genüsslich: Tiefer, Sat1, tiefer!