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TV-Film "Das Ende der Geduld": Das Ende der unbequemen Frau

Die ARD hat aus dem Buch der verstorbenen Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig einen Film gemacht. Der ist heftig, zuweilen gut und ein Denkmal für eine beeindruckende Frau.

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Corinna Kleist konnte weder Distanz noch Nähe", sagt Martina Gedeck (l.), die die von Kirsten Heisig (r.) inspirierte Jugendrichterin spielt

"Corinna Kleist konnte weder Distanz noch Nähe", sagt Martina Gedeck (l.), die die von Kirsten Heisig (r.) inspirierte Jugendrichterin spielt

Als der Film vorbei ist, möchte man am liebsten schweigen. Vielleicht auch einen Schnaps trinken, wie die Kollegin auf dem Podium sagt. Kann man aber nicht, denn wir sind hier, um zu reden. Hier im "exterritorialen Gebiet zwischen Reichstag und Gendarmenmarkt", wie der Chef des ARD-Hauptstadtstudios Ulrich Deppendorf es nennt. "Das hier ist nicht Berlin." Aber dieser Film, der zeige ein Berlin, das man lange "so nicht sehen wollte". Es geht um das 20 Minuten entfernte Neukölln, diesen Stadtteil, der in ganz Deutschland für Migrantenkriminalität steht: Hermannplatz, Rütlischule, Jugendgangs und arabische Familienclans mit eigener Gerichtsbarkeit und spöttischer Verachtung für gesetzestreue Bürger. Sarrazinland, Buschkowskyhausen. Der Film lässt nichts aus.

"Wir müssen handeln. Jetzt", hat die Jugendrichterin Kirsten Heisig im Vorwort ihres 2012 erschienenen Buches "Das Ende der Geduld" geschrieben. Die Behörden müssten "konsequent" vorgehen "gegen junge Gewalttäter". Es geht um das sogenannte Neuköllner Modell, Heisigs Versuch, Prozesse gegen jugendliche Kriminelle zu beschleunigen, damit diese die Konsequenzen ihres Handelns so schnell wie möglich zu spüren kriegen. Genau davon erzählt der Film, in dem Martina Gedeck die Rolle der Richterin Corinna Kleist spielt.

Kleist ist wie Heisig seit 20 Jahren im Dienst und sprüht bewundernswerterweise noch immer vor Leidenschaft und Idealismus. "Ich will Jugendrecht machen, da kann man noch was ändern", sagt sie, als ihr ein entspannter, lukrativer Job in der Verwaltung angeboten wird. Sie stemmt sich gegen eine völlig überlastete Bürokratie, damit mehr als bisher acht von 800 Fällen vor Gericht landen. "Sie bringen das ganze System durcheinander", muss sie sich dafür von Kollegen anhören. Und "die ist mediengeil". Denn die Medien nutzt Kleist/Heisig um öffentlich zu machen, wie es um Berlins Problemkiez steht, in dem ganz real 40 Prozent mehr Straftaten begangen werden als im Rest der Hauptstadt.

"Wenn ihr nichts tut, bringe ich eure Kinder in den Knast"

"Das Ende der Geduld" versteht sich als fiktionale Umsetzung eines Sachbuchs. Im Film will Kleist deshalb stellvertretend für den ganzen Kiez den kleinen Libanesen Rafiq "retten", der von seinem "Bruder" Nazir, einem durchgeknallten Schwerverbrecher, als Drogenkurier missbraucht wird und dessen kriminelle Karriere sicher scheint. Im Verlauf dieser "Rettung" werden Lehrer krankenhausreif geschlagen, Richter verarscht und Mädchen vergewaltigt. Mütter mit Kopftuch, die immer noch besser Deutsch sprechen als ihre Männer, spucken auf die engagierte Richterin, die ihnen zuruft: "Wenn ihr nichts tut, bringe ich eure Kinder in den Knast." Ihre Kollegen schwanken mittlerweile zwischen Abscheu und Bewunderung. "Mein Klient, mein Kiez, meine Scheiße", fasst Kleist es irgendwann zynisch zusammen.

Überhaupt ist "Das Ende der Geduld" erstaunlich hoffnungsarm, geradezu ein Frustfilm, aber damit ungewohnt ehrlich. Das Happy-End ist ein schales, weil schon so viele Menschen kaputt gegangen und aufgegeben worden sind - auf beiden Seiten. Das hat Wucht, die auch das aufgerüschte, Weinglas haltende Publikum im ARD-Studio erreicht. Und darin drückt sich die Verneigung vor der Leistung Heisigs aus, die angesichts dieser Hoffnungslosigkeit und trotz der Resignation vieler Kollegen weitergedacht und -gemacht hat.

Der wichtigste Satz des Abends

Ein Kollege, der Heisig zur Seite gestanden hat und ihr Werk bis heute weiterführt, sagt schließlich den wichtigsten Satz des Abends. Der Film endet mit Heisigs/Kleists Suizid, den auch an diesem Filmabend niemand so recht glauben will. Weil es so gut gepasst hätte, dass die unbequeme Frau von irgendwelchen menschenverachtenden Clanmitgliedern aus dem Weg geräumt wird. So wie im Fernsehen eben. "Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Tod, den Kirsten Heisig erlitten hat, ein selbst herbeigeführter war. Wenn Sie es nicht glauben, stellen Sie uns als Lügner dar", sagt der sehr ruhige und reflektierte Richter Stephan Kuperion mit unvergesslicher Glaubwürdigkeit.

Das macht den Film um so schwerer: In seiner Fernsehhaftigkeit ist er doch real. So dass man eben am liebsten erstmal schweigen würde, um ihn zu verdauen. Oder einen Schnaps trinken.